Chronik | Welt
10.09.2017

Florida in Schockstarre - mehr als drei Millionen Menschen ohne Strom

Notunterkünfte sind überfüllt, mehrere Verkehrstote durch Leichtsinn, hohe Wellen.

"Irma, das ist wie in einer Autowaschanlage, in der aber eine Menge Gorillas auf der Motorhaube herumspringen", beschreibt Jim Hittermann die unglaublichen Stürme. Der Delta-Airlines-Pilot ist derzeit als Hurrikan-Jäger der amerikanischen Luftwaffe unterwegs und fliegt ins Auge von Irma. Mit dabei sind die 49-jährige Meteorologin Nicole Mitchell (Bild unten), die in ihrem Zivilberuf Wetterexpertin eines TV-Senders ist und der Techniker Karen Moore. Der Oberstleutnant , die Majorin und der Sergeant berichten, dass das Rütteln manchmal so stark sei, dass sie ihre Instrumente in ihrer Turbopropeller-Maschine von Lockheed Martin nicht mehr sehen könnten.

Hittermann, Mitchell und Moore sammeln die Daten für das Nationale Hurrikan-Zentrum. Ihre Informationen gelten als unverzichtbar, denn nur, wenn man in den Hurrikan hineinkommt, erhält man exakte Messungen über seine Lage, Struktur und die maximalen Windgeschwindigkeiten. Als Helden sehen sich diese Reservisten der Airforce nicht, denn seit 40 Jahren sei kein Jäger mehr abgestürzt. Hoch gefährlich sind ihre Einsätze aber allemal.

Als Irma am Sonntag auf den Florida Keys im Bezirk Monroe County aufschlug, starb ein Mann. Er hatte im Sturm die Kontrolle über seinen Lastwagen verloren, berichtete der Sender ABS. Der Fahrer hatte noch einen Generator transportieren wollen. Mindestens drei Menschen starben bei witterungsbedingten Verkehrsunfällen, weil sie unvorsichtigerweise noch auf der Straße waren. Mehr als drei Millionen Menschen waren bis zum Abend ohne Strom.

Zuflucht im Stadion

Der Hurrikan wurde auf die zweithöchste Kategorie vier herabgestuft. Das bedeutet aber immer noch Windgeschwindigkeiten bis zu 215 km/h und Sturmfluten mit 4,5 Meter hohen Wellen. Die Meteorologen rechneten damit, dass Irma im weiteren Verlauf noch stärker werden könnte.

115.000 Menschen haben in Notunterkünften Zuflucht gefunden. In Estero bei Fort Myers wurde die Germain Arena der Eishockeymannschaft Florida Everblades in eine Notunterkunft umgewandelt (siehe Bild unten). Das Eis wurde abgetaut. Am Sonntag war nicht klar, ob wirklich alle rund 6,3 Millionen Menschen der Aufforderung zur Evakuierung gefolgt sind. Der Chef des US-Katastrophenschutzes, Brock Long, hat darauf hingewiesen, dass viele, die in ihren Häusern geblieben sind, womöglich lange ganz auf sich gestellt sein werden, denn die Teams der Ersthelfer könnten erst nach ihrer Eigensicherung eingreifen.

Der Kurs von Irma hat sich weiter leicht westwärts gedreht und sollte in seinem Kern etwas vor der Küste entlangziehen. Das sei aber eine schlechte Nachricht, denn dadurch kommt noch mehr Wasser auf die Küste zu. Von Fort Myers bis nach Tampa kamen diese extremen Wellen. In Miami, das sozusagen verschont wurde, konnten sich die Reporter noch vor Eintreffen des Hurrikans kaum auf den Beinen halten. Die Straßen waren menschenleer.

Über Land an Kraft verloren

Am Sonntagnachmittag verlor Irma über Land jedoch an Kraft. Der Sturm sei mittlerweile ein Hurrikan der Kategorie 3 mit Windgeschwindigkeiten von 195 Stundenkilometern, teilte das Nationale Hurrikanzentrum (NHC) der USA am Sonntagnachmittag (Ortszeit) mit

In Kuba hat Irma sieben Meter hohe Wellen gebracht, dort sind die Zerstörungen gewaltig, Teile Havannas standen am Sonntag unter Wasser. Die Inselwelt Cayerías del Norte, ein traumhaftes Urlaubsziel, wurde zerstört. Besonders schlimm wurde die Stadt Caibarién getroffen. "Der Sturm hat das Metalldach mitgenommen, so schnell, als ob man eine Konservendose öffnet", sagt die Bewohnerin Rosa Martínez.

Die Berliner Studentin Corinna Cerruti urlaubt gerade in Cienfuegos und musste das ganze Wochenende im Hotel ausharren: "Die Lobby stand unter Wasser, Äste haben die Scheiben eingeschlagen", berichtet sie dem KURIER. "Das Treppenhaus war gesperrt, wir konnten nicht auf unsere Zimmer. Die Kubaner haben die Fenster in der Lobby von außen mit Holzplatten verbarrikadiert. Es war stickig und nur schwer auszuhalten." Inzwischen dürfen die Urlauber wieder hinaus. "Der Wind ist nicht mehr so stark. Aber schön ist was anderes."

Sturmfluten oft größte Gefahr

Sturmfluten stellen während eines Hurrikans oft die größte Gefahr für Menschen dar. Nach Angaben der US-Ozean- und Wetterbehörde NOAA kamen die meisten der 1.800 Todesopfer des Hurrikans "Katrina" im Jahr 2005 durch eine Sturmflut ums Leben. Durch den Wirbelsturm "Irma" drohen dem US-Bundesstaat Florida an der Küste Wasserstände von bis zu viereinhalb Meter über Normalhöhe.

Sturmfluten entwickeln sich, wenn starker Wind über den Ozean fegt und die Wassermassen in Richtung der Küste drückt. So entstehen dort sehr hohe Wasserstände, unabhängig von den Gezeiten und Regenfällen. Sturmfluten sind deshalb tückisch, weil sie bereits beginnen, bevor ein Hurrikan auf Land trifft. Die Wassermassen können dutzende Kilometer ins Landesinnere vordringen und Gebäude und Straßen in kürzester Zeit unter Wasser setzen. Diese Unberechenbarkeit macht es schwer, Menschen rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Neben der Windstärke und der Größe des Sturms hängt das Ausmaß einer Sturmflut auch von anderen Faktoren ab. Die US-Wetterbehörde NOAA nennt hier vor allem die Beschaffenheit des Meeresgrunds. Bei flachen Ufern können die Wassermassen bis ins Hinterland vordringen, steil ansteigender Meeresgrund erschwert dies.

"Irma" sollte die Westküste Floridas entlangwandern. Dort könnte eine Sturmflut nach Angaben von Meteorologen bis zu elf Kilometer ins Landesinnere vordringen.

Der Klimawandel könnte in den kommenden Jahrzehnten Auswirkungen auf Sturmfluten haben. Experten befürchten, dass sie wegen steigender Meeresspiegel und erhöhter Wassertemperaturen stärker ausfallen werden. Wissenschaftlichen Studien zufolge könnten sie auch weitaus häufiger geschehen.