Chronik | Welt
11.09.2017

"Irma": 5,7 Millionen Haushalte in Florida ohne Strom

Nach dem Hurrikan ist das genaue Ausmaß der Schäden noch nicht erkennbar. "Irma" zum tropischen Sturm herabgestuft. Laut Medienberichten gibt es erste Plünderungen.

Der verheerende Hurrikan "Irma" ist am Montag zum tropischen Sturm herabgestuft worden. Das US-Hurrikanzentrum berichtete am Morgen (Ortszeit), "Irma" werde vom nördlichen Florida mit 30 Kilometern pro Stunde Richtung Georgia ziehen und am Dienstag Alabama erreichen. Dort wird sich der Sturm weiter abschwächen.

Am Montag richteten sich einmal mehr bange Blicke an die Ostküste Floridas und die weiter nördlich gelegenen Küsten der Staaten Georgia und South Carolina. Fernsehbilder zeigten, wie "Irma" Wassermassen hüfthoch in die Stadt Jacksonville in Florida drückte. Den Angaben zufolge müssen auch Küstenorte Orte wie Savannah oder Charleston mit Fluten rechnen.

Über Festland schwächen sich Hurrikane ab, weil sie keine neue Energie mehr ziehen können. Das Hurrikanzentrum stuft den Sturm dann offiziell herunter. Die niedrigere Einstufung gilt vor allem für Windgeschwindigkeiten, der Sturm bleibt aber allein wegen der Wassermassen potenziell weiter gefährlich

Der Wirbelsturm zog am Sonntag (Ortszeit) zunächst mit extrem starken Böen und schweren Regenfällen über die vorgelagerte Inselgruppe Florida Keys hinweg, traf dann etwas weiter nördlich an der Westküste des US-Bundesstaates erneut auf Land und zog dann etwas östlicher als erwartet weiter, wie der US-Wetterdienst mitteilte.

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CNN (@ CNN

Stromausfall

"Irma" hatte vor allem an der Westküste von Florida gewütet. Dort wurden Dächer abgedeckt, Straßen überflutet und Bäume entwurzelt. Umgeknickte Strommasten führten zu massiven Stromausfällen. 5,7 Millionen Haushalte in Florida sind von der Stromversorgung abgeschnitten. Damit sind mehr als die Hälfte (58 Prozent) aller Haushalte in dem US-Staat ohne Elektrizität, teilte der Katastrophenschutz am Montag in Tallahassee mitteilte.

Floridas Gouverneur Rick Scott riet Einwohner, die sich mit privaten Generatoren helfen, Benzinvorräte sicher zu lagern. Der Generator solle mindestens fünf Meter vom Haus entfernt stehen und das Benzin von jeglichen Zündquellen ferngehalten werden, schrieb Scott im Kurznachrichtendienst Twitter.

US-Präsident Donald Trump rief für den "Sunshine State" den Katastrophenfall aus. Viele Menschen harrten weiter in Notunterkünften aus.

Nach einer ersten Bilanz hat der Wirbelsturm in Florida mindestens drei Menschen in den Tod gerissen. Mehr als 12.000 Flüge von und nach Florida wurden abgesagt. Das nationale Hurrikanzentrum stufte den Sturm auf die niedrigste Hurrikan-Kategorie 1 zurück, wie es am frühen Montagmorgen (Ortszeit) bekanntgab.

Weitreichende Überflutungen

Trump machte den Weg frei für Bundeshilfen zugunsten des von "Irma" getroffenen Florida. Damit können sich Bewohner und Unternehmen um Zuschüsse bewerben - etwa für Hausreparaturen oder für vorübergehende Unterkünfte. Zugleich ordnete Trump am Sonntag an, den Bezirken (Counties) mit Bundesmitteln unter die Arme zu greifen. Sie sollen etwa einen Großteil der Gelder erstattet bekommen, die sie für Maßnahmen wie Evakuierungen oder die Beseitigung von Trümmern aufwenden müssen.

Der Sturm brachte an beiden Küsten weitreichende Überflutungen, so zeigten Fernsehbilder beispielsweise Überschwemmungen in der Innenstadt von Miami. Am Sonntagnachmittag (Ortszeit) wurde Irma zwar von der zweithöchsten Kategorie 4 zunächst auf Kategorie 3 und dann auf Kategorie 2 herabgestuft, an Gefährlichkeit büßte der Sturm aber nichts ein.

Plünderungen

Medien berichten mittlerweile von Plünderungen in den evakuierten Gebieten. Diebe haben das Chaos in Florida genutzt, um Geschäfte zu plündern und in Wohnungen einzubrechen. Amerikanische Medien schilderten aus mehreren Städten an der Ostküste des US-Bundesstaats Überfälle, viele Täter seien bewaffnet. In der Stadt Weston wurde nach Angaben verschiedener lokaler Medien ein 17-jähriger Dieb von einem Sicherheitsbeamten angeschossen.

Der 17-Jährige wurde ins Krankenhaus gebracht, während sein Komplize direkt verhaftet wurde. Auch bei vielen anderen Vorfällen seien die beobachteten Täter jung oder in Gruppen organisiert gewesen. Nach Angaben des Fernsehsenders NBC wurden am Sonntag mehrere Verdächtige wegen der Plünderungen festgenommen. Der Sender zeigte ein Video von einem Diebstahl, den ein Reporter des Senders demnach selbst beobachtet hatte.

Durch die Gewalt des Hurrikans wurde vor der Küste Floridas das Meer "weggezogen" - ein Phänomen, das auch auf den Bahamas nach dem Sturm zu beobachten war.

Mehr als 200 Kilometer pro Stunde

Sonntag früh Ortszeit hatte "Irmas" Auge mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Kilometern die Inselkette Florida Keys erreicht. Dort hieß es vielerorts "Land unter". Später am Tag entwickelten sich an der Ostküste allein binnen einer Stunde sechs Tornados, wie der nationale Wetterdienst berichtete. Mit weiteren Wirbelstürmen müsse gerechnet werden. In Miami brachen mindestens zwei große Baukräne im Sturm zusammen, meldete der "Miami Herald". Wie der Sender ABC in Florida berichtete, starben am Sonntagmorgen (Ortszeit) drei Menschen bei vom Wetter mitverursachten Verkehrsunfällen.

Nach jüngsten Prognosen sollte der Hurrikan weiter westlich vor der Küste Floridas nordwärts ziehen, allerdings nicht so weit westlich wie zuletzt angenommen. So stieß das Auge des Sturms am Sonntagnachmittag (Ortszeit) südlich der Stadt Naples aufs Festland. Am Flughafen der Stadt sei eine Böe mit 229 Stundenkilometern gemessen worden, teilte das US-Hurrikanzentrum mit. Zudem stieg der Spiegel des Ozeans vor Naples innerhalb von nur 90 Minuten um mehr als zwei Meter an.

"Das Schlimmste kommt, wenn das Auge durchgezogen ist"

Das Problem: "Irma" ist breiter als die Halbinsel Florida. Abgesehen von heftigem Regen führte das gigantische Wettersystem so zu einer kuriosen Situation: Auf seiner "rechten" Seite, also an der Ostküste, sorgte der riesengroße Wirbel für erste Überflutungen, so in Miami. Auf Bildern und Videos war zu sehen, wie sich Wassermassen durch die Innenstadt Miamis wälzen. An seiner "linken" Seite drückte der Wirbelsturm das Wasser zunächst von der Westküste weg. Bilder zeigten leere Hafenbecken; andernorts hatte sich das Wasser meterweit von der Strandpromenade entfernt.

Die Meteorologen warnten aber, dass das Wasser in einer Art gewaltigen Schaukelbewegung zurück an die Westküste kommen würde, während es im Osten dann abfließen würde. Von Fort Myers bis hoch nach Tampa bereiteten sich die dort verbliebenen Menschen auf das Schlimmste und bis zu 4,5 Meter hohe Sturmfluten vor. "Das Schlimmste kommt, wenn das Auge durchgezogen ist - dann kommt das Wasser", sagte ein Meteorologe bei CNN.

Der Hurrikan könnte Expertenschätzungen zufolge zudem die Versicherungen an die 40 Milliarden Dollar kosten. Das erklärte der Fachdienst Air Worldwide am Montag in einer aktualisierten Schätzung.

Größte Evakuierungsaktion in der Geschichte

In Florida waren zuvor mehr als 6,5 Millionen Menschen aufgefordert worden, ihre Häuser zu verlassen und sich vor dem Sturm in Sicherheit zu bringen. Das entspricht rund 30 Prozent der Bevölkerung des Bundesstaates - es war eine der größten Evakuierungsaktionen in der Geschichte der USA. Weit über 100 000 Menschen harrten in Notunterkünften aus.

Auch in benachbarten Bundesstaaten Floridas wurde der Notstand ausgerufen. Für einige Gebiete im Süden von Georgia galten Hurrikanwarnungen. In Alabama mobilisierte Gouverneur Kay Ivey vorsorglich die Nationalgarde.

"Irma" hält die Region bereits seit Tagen in Atem. Bei seinem Zug durch die Karibik hatte der Sturm nach inoffiziellen Schätzungen mehr als 20 Menschen das Leben gekostet, einige Gebiete gelten als unbewohnbar. Schwere Schäden gab es unter anderem auf den Inseln Barbuda, Saint-Martin, Saint-Bartelemy sowie den Jungferninseln.

Urgewalt "Irma"

6,3 Millionen: So viele Menschen wurden aufgefordert, sich vor "Irma" in Sicherheit zu bringen.

4,3,2: "Irma" war der stärkste je über dem Atlantik gemessene Hurrikan. Sein Auge erreichte die Südspitze Floridas als Sturm der Stärke 4. Im Lauf des Tages verlor er an Kraft, aber nur allmählich an Gefährlichkeit.

4,50 Meter: So hohe Sturmfluten wurden an der Westküste Floridas befürchtet. An der Ostküste reichten aber auch deutlich geringere Höhen, um in der Innenstadt Miamis für Überschwemmungen zu sorgen.

Tote und Verletzte: Das war in der Nacht zu Montag noch nicht klar, dafür war das betroffene Gebiet zu groß und die Lage insgesamt zu unübersichtlich.

3,3 Millionen: Das ist die Zahl der Stromanschlüsse, die laut Betreibern von Ausfällen betroffen waren.

Mehr als 12.000: Die Zahl der Flüge von und nach Florida, die ausfielen.

Zweimal Kategorie vier: Noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen vor 166 Jahren wurde das Festland der USA binnen eines Jahres zwei Mal von einem Hurrikan der zweithöchsten Kategorie 4 getroffen.

Größer als Deutschland: Satellitenaufnahmen zeigten die gewaltige Ausdehnung des Sturms - "Irma" ist viel größer als Deutschland.

Pferde finden im Wohnzimmer Schutz

Eine Wohngemeinschaft im Okeechobee County in Florida hat zwei Pferde in ihrer Wohnung vor Hurrikan „Irma“ in Sicherheit gebracht. Auf Facebook veröffentlichte eine der Mitbewohnerinnen ein Video, in dem die Pferde in ihrem Wohnzimmer zu sehen sind. „Sie lieben es“, sagte die Frau einem örtlichen Fernsehsender, der online über die Geschichte berichtete.

Auch der Zoo in Miami hat seine Tiere vor dem Hurrikan in Sicherheit gebracht und einige von ihnen in bunkerähnlichen Gebäuden untergebracht. Größere Tiere blieben aber in ihren Gehegen, berichteten amerikanische Medien. Der Zoo hat seine Gehege demnach nach Hurrikan „Andrew“ 1992 für solche Fälle verstärkt.