Arabische Bettgeschich­ten

A couple talks on a bridge in central Cairo
Foto: Reuters/ASMAA WAGUIH Der Valentinstag ist auch in Kairo ein besonderer Anlass für Pärchen.

Eine Ärztin verrät, was das Sexleben der Muslime mit Politik zu tun hat.

Wenn Sie ein Volk wirklich verstehen wollen, beginnen Sie damit, einen Blick in sein Schlafzimmer zu werfen“, sagt Shereen El Feki. Die kanadische Immunologin hat genau das getan. Und weil ihr Vater Ägypter ist, hatte sie einen Startvorteil: Fünf Jahre verbrachte sie bei ihren Verwandten in Kairo, reiste durch den arabischen Raum, sprach mit gewöhnlichen Frauen und Männern, aber auch mit Experten aus dem Gesundheitswesen und der Wissenschaft.

Es sei überraschend einfach gewesen, die Menschen zum Erzählen zu bewegen, sagt El Feki. „Die Araber sprechen privat viel über Sex, Männer wie Frauen. Mein Problem war also nicht, die Leute zum Reden zu bringen – sondern zum wieder Aufhören.“ 2008 zog El Feki nach Kairo, nahm bei Azza, einer Ägypterin, Arabischunterricht und wurde schon bald deren Freunden vorgestellt – als „Doctura Shereen, die Dame, die Reproduktionsmedizin und eheliche Beziehungen erforscht“ – „eine höfliche Umschreibung für Sex“, sagt El Feki.

Tausendundein Tage

Buchcover… Foto: Hanser Ein Buch über das Sexleben in der arabischen Welt. Ob Jungfräulichkeit, Prostitution oder sexuelle Gewalt, ob Abtreibung oder Impotenz, ob Homosexualität oder Verhütung – die Kanadierin trug „in tausendundein Tagen“, wie sie sagt, unzählige Geschichten aus den aufgewühlten arabischen Ländern zusammen und brachte sie auf 400 Seiten zu Papier (Sex und die Zitadelle – Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt, Hanser, 25,60 €).

Ausgangspunkt ihrer Recherchen sei die Behauptung gewesen, dass Aids in der arabischen Welt kein Problem sei. „Ich lernte aber Familien kennen, in denen alle infiziert waren. Je genauer ich hinsah, desto deutlicher erkannte ich, dass die Kluft zwischen Anschein und Wirklichkeit auf den kollektiven Widerwillen zurückzuführen ist, sich mit einem Verhalten auseinanderzusetzen, das nicht dem Ehe-Ideal genügt.“ Das sexuelle Klima entspräche in etwa jenem, das kurz vor der sexuellen Revolution im Westen geherrscht habe.

 „Die Araber sprechen privat viel über Sex. Mein Problem war also nicht, sie zum Reden zu bringen – sondern zum wieder Aufhören.“

Shereen El Feki… Foto: Kristof Arasim/ Hanser Die Kanadierin Shereen El Feki hat walisisch-ägyptisch Wurzeln. Sie ist Immunologin und lebt in London sowie Kairo. El Feki ist Muslima, in beiden Welten – der arabischen und der westlichen – zu Hause und diagnostiziert als größten Unterschied in Sachen Sexualität „die Bedeutung der Heirat. Sie muss von der Familie befürwortet, vom Staat abgesegnet, von der Religion toleriert werden. Alles außerhalb ist verboten, mit Scham und Schande behaftet. Die Last der Jungfräulichkeit liegt allein bei den Frauen.“

Sexuelle Rechte seien in der arabischen Welt ein Minenfeld: „Wir im Westen haben Institutionen und Gesetze, die die Rechte des Einzelnen respektieren.“ Ganz anders hier: „Man existiert nicht als Individuum, sondern als Teil einer Familie. Die ökonomische Lage – viele junge Leute sind arbeitslos – macht sie zusätzlich abhängig von der Familie. Die Menschen definieren sich als Kollektiv. Daher: Wenn ich generell keine Identität habe, wie soll ich eine sexuelle Identität haben?“, fragt El Feki.

Sexuelle Freiheit

Persönliche, ökonomische und soziale Freiheit sowie Freiheit von Folter seien Schlüsseltools auch für die sexuelle Freiheit. „Denn es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen sexueller und politischer Freiheit. Wenn Frauen sich selbst nicht ausdrücken können – ihre Wünsche und Träume ihrem Ehemann gegenüber – wie können wir erwarten, dass sie sich im öffentlichen Leben einbringen.“ Sexualität sei ein Spiegel für das ganze Leben. „Viele Frauen und Männer sind einfach unfähig, zu kommunizieren – im Schlafzimmer und auch außerhalb.“

Dabei hatte der Islam lange eine viel positivere Haltung zur Sexualität als das Christentum. Erst der Kolonialismus und der damit verbundene Aufstieg der Muslimbrüder um 1920 führte zur Verleugnung der Fleischeslust. Eindeutig: El Feki wagte sich an ein Tabu. Ohne eine freie, offenere Haltung zum Sex wird die politisch-soziale Entwicklung in arabischen Gesellschaften weiter stagnieren, ist sie überzeugt und hofft, dass ihr Buch irgendwann auch auf Arabisch herauskommen wird. „In schā'a llāh“, sagt sie.

(kurier) Erstellt am
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