Chronik | Welt
19.01.2018

Horror-Haus in Kalifornien: "Jemand muss doch etwas gemerkt haben"

Details aus dem Horror-Haus in Kalifornien, wo 13 Kinder und Erwachsene über Jahre von ihren Eltern wie Sklaven gehalten wurden, machen Staatsanwalt sprachlos.

Sie durften nur einmal im Jahr duschen. Und wenn sie beim Händewaschen oberhalb des Handgelenks agierten, wurden sie bestraft, weil das als verbotenes „Spielen mit Wasser“ galt. Einen Zahnarzt haben sie in ihrem Leben nie gesehen. Sie wurden nur ein Mal am Tag mit Essen versorgt. Was dazu führte, dass sie allesamt so unterernährt und in ihren kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt sind, weil Muskeln kaum ausgebildet und das Wachstum zum Stillstand kam; das älteste Kind (29) wiegt heute gerade einmal 40 Kilogramm.

Sie waren oft wochen- oder monatelang erst mit Seilen, dann mit Ketten an ihre Betten gefesselt und mussten ihre Notdurft ohne Toilette verrichten. Sie durften keine Spielzeuge besitzen, obwohl das Haus voll war mit unausgepackten Geschenken. Sie durften die Apfelkuchen und Torten nur ansehen, die ihre Peiniger für sie in Sichtweite aufbewahrt hatten, um sie dann selbst zu essen. Sie wurden so umgepolt, dass sie regelmäßig bei Tagesanbruch zu Bett gingen und nachts wach sein mussten. Sie wurden angebrüllt, geschlagen, gewürgt, terrorisiert und in mindestes einem Fall sexuell missbraucht. Sie wurden, obwohl der Vater als Direktor einer Schule für Heim-Unterricht staatlich lizensiert war, so dumm gehalten, dass sie am Ende nicht einmal wussten, was ein Polizist ist, als sie am vergangenen Sonntag befreit wurden.

Irgendjemand muss doch etwas gemerkt haben

Als Mike Hestrin die Dimension der Qualen der 13 Kinder im Alter von zwei bis 29 Jahren skizzierte, die über Jahre von ihren Eltern David und Louise Turpin erst in Texas und später in einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Kalifornien wie Tiere gefangengehalten wurden, musste der Bezirksstaatsanwalt von Riverside County die Tränen unterdrücken. „Manchmal stoßen wir in diesem Beruf auf völlige menschliche Verderbtheit“, sagte Hestrin, „und genau damit haben wir es hier zu tun.“

Wie es dazu kommen konnte, warum weder Nachbarn noch Verwandte oder die Behörden angeblich nie einen Verdacht schöpften, dass sich in dem unscheinbaren Haus der Turpins in Perris südöstlich von Los Angeles ein Drama abspielt, ist nach wie vor unaufgeklärt. „Wir brauchen ihre Hilfe“, wandte sich Hestrin fast verzweifelt an die Öffentlichkeit, „irgendjemand muss doch etwas gemerkt haben“.

Auswertung der Tagebücher

Hoffnungen setzen die Ermittler auf die Auswertung von Tagebüchern der Opfer, unter denen eine 17-Jährige herausragt. Sie hatte die Flucht über zwei Jahre geplant, sagte der Staatsanwalt. Weil alle Kinder in schlechter physischer und psychischer Verfassung sind und in Krankenhäusern behandelt werden, "kann die Aufklärung Monate dauern", sagten Beamte einer Lokalzeitung.

Die tief religiösen Horror-Eltern, 56 und 49 Jahre alt, die bei der Vorführung vor dem Haftrichter auf „unschuldig“ plädierten, blieben unterdessen stumm. Kein Wort der Reue, kein Versuch zu erklären, was kaum erklärbar ist. Wegen Freiheitsberaubung, Folter, schwerer Misshandlung und Gefährdung des Kindeswohls müssen sie im Falle einer Verurteilung mit jeweils bis zu 94 Jahre Gefängnis rechnen. Der Richter schraubte ihre Kaution auf jeweils 12 Millionen Dollar hoch. Der nächste Gerichtstermin ist Ende Februar.