Chronik | Welt
22.09.2015

Herzlicher Empfang für Papst

Politologe Carr: „Papst wäre lieber in den Slums als in den Korridoren der Macht“

Starke Worte über den Papst: „Er wäre lieber in den Slums Argentiniens als in den Korridoren der Macht“, sagt John Carr von der Georgetown Universität. Dass die USA für Franziskus nicht gerade eine Wohlfühlzone sind, liegt auf der Hand – der Pontifex ist anti-kapitalistisch, die Finanzindustrie ist für ihn die Zerstörerin des Gemeinwohls. US-Konservative nennen den Papst gar einen Marxisten. Viele finden, dass er sich aus der Politik heraushalten sollte. Doch den 78-jährigen Argentinier, der direkt von Kuba anreiste, erwartet in den USA ein äußerst politisches Programm.

Er wurde am Dienstag überaus herzlich von Präsident Barack Obama, seinem Vize Joe Biden und den Familien beider Politiker direkt am Flugfeld in Washington empfangen. Die Chemie zwischen dem Papst und Obama scheint zu stimmen, wie die Fotos belegen. Papst Franziskus wird nicht nur die Obamas im Weißen Haus besuchen, er wird auch als erster religiöser Führer am Donnerstag vor dem US-Kongress sprechen.

John Boehner, der streitbare Vorsitzende des Repräsentantenhauses, zeigt sich diesmal milde – das muss er wohl auch, er hat Franziskus schließlich in den Kongress eingeladen. Man werde nicht in allem übereinstimmen, sagt der Katholik Boehner. Aber: „Hey, es ist der Papst!“ Nicht alle Abgeordneten sind dieser Meinung: Franziskus solle lieber Seelen retten als das Klima, meinen sie.

Papst-Fieber

Doch zahlreiche US-Bürger fiebern dem Besuch aus Rom entgegen. Die kostenlosen Eintrittskarten für die Messe mit Franziskus in Philadelphia am Wochenende waren binnen 30 Sekunden vergriffen. Für die päpstliche Prozession durch den New Yorker Central Park versuchten mehr als 90.000 Menschen Plätze zu ergattern.


Ryan Hanning aus Arizona macht sich mit seiner Familie auf die weite Reise an die Ostküste, um die Papst-Messe in Philadelphia zu besuchen: „Wir sind schon sehr aufgeregt, wie der Papst auf unsere Kinder wirken wird“, sagt er. Donna Taylor aus Philadelphia will ebenfalls dabei sein: „Wir nehmen die Menschenmassen in Kauf, um den Papst erleben zu können.“