Chronik | Welt
11.01.2018

Google Maps: Flüchtlinge bewerten ihre Lager

Google macht's möglich: Geflüchtete tauschen sich über verschiedene Flüchtlingslager aus.

Das Restaurant um die Ecke nach einem schlechten Essen bewerten, im Urlaub einmal schnell die Rezensionen des Hotels checken. Die Digitalisierung ist mittlerweile in unserem Leben angekommen, und manche können sich ein Leben ohne Apps und Accounts gar nicht mehr vorstellen.

Doch ein Flüchtlingslager in Kenia oder Jordanien bewerten? Das Internetzeitalter macht auch das möglich. Was zunächst skurril anmuten mag, erscheint auf den zweiten Blick eigentlich sehr logisch.

Eher Städte als Lager

Die großen Flüchtlingslager dieser Welt stellen mehr eigene Städte, denn klassische "Lager" dar. Dementsprechend verwundert es nicht, dass auch Geflüchtete, die lange Zeit in den Flüchtlingslagern verbrachten, auf diese Funktionen zurückgreifen. Da Google die Lager auf Google Maps als Unternehmen freigibt, kann man, ebenso wie bei Restaurants oder Hotels, Bilder hochladen und Bewertungen schreiben.

Kenia stellt einen Hotspot der weltweiten Flüchtingswellen dar. Das Flüchtlingslager Kakuma beherbergt mit knapp 185.000 Bewohnern die drittmeisten Flüchtlinge weltweit. Sie flohen großteils vor den Kriegswirren im Südsudan, stammen aber auch aus Äthiopien, Somalia oder dem Kongo.

User "Massah Collins" beschreibt seinen Aufenthalt in Kakuma als "Universität des Verstehens". Er habe in seiner Zeit hier "den Sinn des Lebens erkannt", während "die Menschen leiden und die Mehrheit auf der Welt es nicht mitbekommt".

Manche Flüchtlingslager sind sogar so groß, dass die vorhandene Infrastruktur jeweils seperat bewertbar ist. Im größten jordanischen Flüchtlingslager Baqa'a etwa, das nördlich der Hauptstadt Amman liegt und 119.000 palästinische Flüchtlinge beherbergt, gibt es eigens Bewertungen für die Klinik und den Friedhof.

In Tansania leben rund 140.000 Flüchtlinge im Camp Nyarugusu, sodass es zu den fünf größten Flüchtlingslagern der Welt zählt. "Debrazza S Rashid" erklärt in seiner Rezension, dass hier seine "Geschichte begann. Ich wurde im Flüchtlingslager geboren und bin dort aufgewachsen, bis ich die Möglichkeit bekam, in die USA zu gehen."

Bewertungen bilden Stimmung ab

Meist sind es zwar nur wenige Bewertungen, die vorhanden sind, diese eignen sich dennoch dazu, einen Eindruck über eine Welt zu gewinnen, die den meisten sehr fern scheint.

Über Schatila weiß "Gio Abu Hanna" nicht viel Gutes zu berichten. "Schlechte Straßen und Müll, wo man nur hinsieht", lautet sein deprimierendes Urteil über das Beiruter Flüchtlingscamp, dass im Zuge des libaneischen Bürgerkriegs traurige Bekanntheit durch ein Massaker erlangte.

Ebenfalls nicht besonders gut weg kommt das griechische Lager Moria auf der Insel Lesbos. "Abdallah Albakr" schreibt etwa, dass es "sehr, sehr schlimm ist", denn er "war dort. und ich hoffe, dass ich nie wieder dort hin muss". User "xs90 xs" schreibt von einem Ort "ohne Menschlichkeit, gebaut im Namen der Menschlichkeit."

Über das jordanische Zaatari, immerhin das fünftgrößte Flüchtlingscamp der Welt, wissen die User Positiveres zu erzählen. "Aisha Salman" berichtet "von ausgezeichneter Unterstützung durch Hilfsorganisationen" und dass es "Schule, Supermärkte, sowie verschiedene Lebensnotwednigkeiten gibt".

Auch "Quatsch" unter den Bewertungen

Zwar weiß man natürlich nie, wer sich wirklich hinter den Kommentaren verbirgt, da theoretisch jeder auf Google Maps solche Bewertungen abgeben kann. Dennoch seien sie eine wichtige Anlaufstelle, da sie "den Flüchtligen helfen, sich besser zu organisieren" erklärt Mazen, Mitarbeiter einer NGO und selbst irakischer Flüchtling, bento.de.

Hinblicklich der Urherbeschaft ist Mazen misstrauisch. Zwar hält er die Kommentare zu großen Teilen für authentisch, trotzdem sei "vieles davon Quatsch". Viel eher könne er sich vorstellen, dass die meisten Kommentare von Flüchtlingen geschrieben wurden, die sich nicht mehr in den Lagern aufhalten und bereits in Sicherheit sind.

Flüchtlinge tauschen sich online aus

Die Onlineaktivitäten der Flüchtlinge beschränken sich nicht nur auf Google Maps. Auf Facebook etwa gibt es verschiedene Gruppen, wie "I am a Syrian in Lebanon" oder "Syrisches Haus in Deutschland", mit teilweise über 100.000 Mitgliedern. Hier bieten Flüchtlinge Rat an und unterstützen sich gegenseitig.

Das UNO-Flüchtlingskomissariat (UNHCR) bewertet diese Entwicklung positiv. Flüchtlingen ist es so möglich, sich schnell und unkompliziert auszutauschen und Informationen zu erhalten. Man habe diese Vorteile erkannt und tauscht sich regelmäßig mit den Seitenbetreibern aus, sodass Flüchtlinge mittlerweile vielfach über diese Kanäle von der UNO erreicht werden.