Chronik | Welt
28.05.2017

Gedichte vorgelesen: Festnahme von Zehnjährigem schockiert Russen

Bub wurde wegen angeblichen Bettelns gewaltsam abgeführt.

Ein Video von der brutalen Festnahme eines Zehnjährigen, der auf der Straße Gedichte rezitierte, hat in Russland für Empörung gesorgt. Auf dem Video, das am Samstag von russischen Fernsehsendern verbreitet wurde, ist zu sehen, wie der Bub von mehreren Polizeibeamten in Gewahrsam genommen wird und dabei "Rettet mich" ruft. Sein Name wurde mit Oskar Mironow angegeben.

Der Vorfall ereignete sich den Berichten zufolge am Freitagabend auf einer Straße im Zentrum von Moskau. Die Beamten hatten den Zehnjährigen verdächtigt, verbotenerweise auf der Straße zu betteln. Dem widersprach Oskars Stiefmutter, die in der Nähe auf einer Bank gesessen war und das Video gemacht hatte. Ihr Stiefsohn habe Gedichte aufgesagt, um sein schauspielerisches Talent zu trainieren, sagte sie den Berichten zufolge.

Der Bub und seine Stiefmutter wurden von den Polizeibeamten auf eine Wache mitgenommen. Dort hätten sie etwa vier Stunden zubringen müssen, berichtete die Website "Ovdinfo", die Festnahmen der Polizei unter die Lupe nimmt. Erst nach Mitternacht hätten die beiden nach Hause gehen dürfen.

Polizei entschuldigte sich

Der Anwalt Anatoli Kutscherena, der sich als Verteidiger des Ex-US-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden einen Namen gemacht hat, begab sich in die Polizeiwache. Nach seinen Angaben entschuldigte sich die Polizei bei Oskars Eltern. Nach Angaben der Polizei wurde gegen Oskars Vater jedoch eine Geldstrafe in Höhe von 500 Rubel (acht Euro) verhängt, weil er seine elterlichen Pflichten vernachlässigt habe.

Das Ermittlungskomitee von Moskau, das mit den Ermittlungen zu schweren Vergehen betraut ist, teilte mit, es untersuche das Vorgehen der Polizisten sowie das Verhalten der Eltern des Buben. Die Moskauer Polizei kündigte ebenfalls eine Untersuchung des Vorfalls an, deren Ergebnisse öffentlich gemacht würden.

Wenige Tage vor dem Vorfall hatte der Journalist der Zeitung "Moskowski Komsomolets", Alexander Minkin, im Online-Netzwerk Facebook ein Video veröffentlicht, das Oskar dabei zeigt, wie er in einer Moskauer Fußgängerzone den berühmten Hamlet-Monolog "Sein oder nicht sein" auswendig rezitiert. Minkin feierte den Buben als "Prinz der Straße" und berichtete, Oskar habe von einigen Passanten ein wenig Geld bekommen, aber nicht gebettelt.

Die Moskauer Polizei wurde bereits vor dem Vorfall kritisiert, nachdem sie Ende März Dutzende junge Teilnehmer einer regierungskritischen Kundgebung festgenommen hatte.