Chronik | Welt
06/14/2016

Frankreich: Polizistenmörder filmte sich live am Tatort

Mutmaßliches IS-Attentat erschüttert EM-Gastgeber: Vorbestrafter Islamist tötete in Frankreich Polizisten und dessen Lebensgefährtin.

Der Attentäter vom Pariser Vorort Magnanville soll seinen Angriff auf eine Polizistenfamilie über seinen Facebook-Account übertragen haben. Das berichtete der als Jihadismus-Experte geltende Journalist David Thomson, der für den französischen Sender RFI arbeitet, auf seinem Twitter-Account.

Andere Medien beriefen sich auf entsprechende Angaben von Ermittlern. Der Attentäter soll auch Fotos seiner Opfer gepostet haben. Eine Bestätigung für diese Informationen gab es bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in Paris zunächst nicht. Der Facebook-Account soll inzwischen gelöscht worden sein.

Der nach Medienberichten wegen Terrorismus vorbestrafte Mann, der sich zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannte, brachte im westlichen Umland von Paris einen Polizisten und dessen Partnerin um. Er hatte am Montagabend zunächst den 42 Jahre alten Kriminalkommissar vor dessen Haus erstochen und sich dann im Gebäude verschanzt.
Als Spezialkräfte das Haus stürmten und den Mann erschossen, fanden sie die Leiche der Lebensgefährtin des Polizisten, die als Sekretärin in einem Kommissariat arbeitete. Der dreijährige Sohn des Paares blieb unversehrt, stand aber unter Schock.
Nach Angaben von Thomson veröffentlichte der Täter auch eine Aufforderung, Polizisten, Gefängniswärter, Journalisten und Rap-Musiker zu töten. Dabei habe er zahlreiche Namen genannt. Das Kind sei auf einem Sofa zu erkennen gewesen. Der Attentäter habe gesagt, er wisse noch nicht, was er mit dem Kind machen solle.
Frankreich steht nach dem erneuten islamistischen Anschlag unter Schock. Staatschef François Hollande sprach am Dienstag von einem "Terrorakt", der Frankreich inmitten der Fußball-EM und auf den Tag genau sieben Monate nach den Anschlägen von Paris traf.

"Allahu akbar" gerufen

Der 25-jährige Angreifer namens Larossi Abballa, der bereits wegen Jihadistischer Aktivitäten zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden war, tötete zunächst den in Zivil gekleideten 42-jährigen Polizisten. Dabei rief er nach Augenzeugenberichten "Allahu akbar" (Gott ist groß).

Danach nahm er Partnerin und Kind des Polizisten als Geiseln und verschanzte sich im Haus der Familie. Weil Verhandlungen erfolglos blieben, stürmten Sondereinheiten der Polizei das Haus und töteten dabei den Angreifer, wie das Innenministerium mitteilte. Die Lebensgefährtin des getöteten Polizisten, Sekretärin in einem Polizeirevier, wurde tot aufgefunden, mit einer Wunde am Hals. Der dreijährige Sohn des Paars überlebte "unter Schock, aber äußerlich unverletzt".
Die Pariser Staatsanwaltschaft übernahm in der Nacht die Ermittlungen. Der für Terrorermittlungen verantwortliche Staatsanwalt François Molins kündigte für Dienstagnachmittag (14.15 Uhr) eine Pressekonferenz an.

Präsident Hollande hielt am frühen Morgen eine Krisensitzung mit Premier Manuel Valls und wichtigen Ministern und Beratern ab. Die "feige" Attacke habe "zweifellos" einen terroristischen Hintergrund, sagte Hollande. Nicht nur der Angreifer selbst habe gewollt, dass seine Tat als terroristischer Akt erkennbar sei, auch die Organisation, zu der er sich bekannt habe, habe die Verantwortung für die Tat übernommen.

IS bekannte sich zur Tat

Hinweise auf ein islamistisches Motiv hatte es schon sehr schnell gegeben: Während der Geiselnahme bekannte sich Abballa, der aus der angrenzenden Gemeinde Mantes-la-Jolie stammt, in Verhandlungen mit der Polizei zur IS-Miliz. Auch der IS erklärte, die Tat sei von einem seiner Kämpfer verübt worden. "Kämpfer des Islamischen Staates tötet Vizechef der Polizeistation von Les Mureaux und seine Frau mit Stichwaffen nahe Paris", verkündete das IS-Sprachrohr Amaq.

In Frankreich herrscht seit den islamistischen Anschlägen vom 13. November mit 130 Toten der Ausnahmezustand. Insbesondere während der Fußball-EM wurden weitere Attacken von Islamisten befürchtet.

Im Visier der Sicherheitskräfte

Der Attentäter von Magnanville ist gebürtiger Franzose mit marokkanischen Wurzeln und stand als Terrorhelfer bis zuletzt im Visier der Sicherheitskräfte. Der 25-Jährige wurde 2013 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, wie aus Polizei- und Sicherheitskreisen verlautete. Er hatte Islamisten bei der Ausreise nach Pakistan geholfen. Sein Vorstrafenregister ist jedoch noch länger - unter anderem wegen schweren Diebstahls und Fahrens ohne Führerschein. Wie aus Polizeikreisen weiter verlautete, stand er auch in jüngster Zeit unter Beobachtung. Die Telefonüberwachung habe jedoch keine verwertbaren Ergebnisse erbracht.

Zuletzt stand er nach Angaben aus Ermittlerkreisen wieder im Visier der Ermittler, diesmal wegen einer Gruppe mit Verbindungen nach Syrien.

Drei Männer nach Doppelmord in Polizeigewahrsam

Nach dem Doppelmord haben Ermittler drei Männer aus dem Umfeld des Angreifers in Polizeigewahrsam genommen. Es handle sich um Männer im Alter von 27, 29 und 44 Jahren, sagte Staatsanwalt Francois Molins am Dienstag. Nähere Details nannte er nicht. Innenminister Bernard Cazeneuve hatte zuvor gesagt, es gehe nun darum, mögliche Komplizen zu finden.

Der von Spezialkräften der Polizei erschossene Angreifer wurde als 25-jähriger Larossi Abballa identifiziert. Die Staatsanwaltschaft eröffnete ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes an Amtspersonen, versuchten Mordes und Freiheitsberaubung im Zusammenhang mit Terrorismus.

Terror im Vorort-Idyll: Frankreich schockiert über Doppelmord

Sauber geschnittene Hecken, hölzerne Fensterläden und ein Kinderspielplatz. Die seit Monaten allgegenwärtige Bedrohung sucht Frankreich diesmal in einer ruhigen Vorort-Wohnsiedlung heim.

Die Bewohner des Viertels in der 6000-Einwohner-Gemeinde Magnanville können es noch nicht fassen, dass in ihrem Viertel ein Terrorist zugeschlagen haben soll. "Hier passiert nie etwas", sagt eine Anwohnerin französischen Journalisten.

Doch genau hier zerstört ein junger Mann am Montagabend eine Polizistenfamilie und beruft sich dabei auf die Terrormiliz Islamischer Staat. Fast auf die Stunde genau sieben Monate nach der Pariser Anschlagsserie vom 13. November. Kurz nach dem Beginn der Fußball-EM - trotz Ausnahmezustands, höchster Terroralarm-Stufe und Gesetzesverschärfungen.

Der Angreifer passt den Polizisten nach ersten Erkenntnissen auf dem Heimweg ab, vor dem Wohnhaus des 42 Jahre alten Familienvaters. Mit einem Messer sticht er auf ihn ein, verletzt ihn tödlich. Dann dringt der Bewaffnete ins Haus ein, bringt die Frau und den dreijährigen Sohn des Opfers in seine Gewalt.

Es beginnt ein stundenlanges Drama mit tragischem Ende. Auf den Versuch von Verhandlungen folgen gegen Mitternacht schließlich mehrere Detonationen: der Zugriff der schwerbewaffneten Anti-Terror-Einheit RAID. Als die Elitepolizisten den mutmaßlichen Attentäter erschießen, finden sie auch die Leiche der Frau.

"Das ist ein unglaubliches Verbrechen", sagt der Bürgermeister Michel Lebouc erschüttert. "Sie kommen in unsere Gemeinden, um den Staat zu treffen. Denn das war natürlich der Staat, der im Visier stand." Eine naheliegende Vermutung - auch die Frau arbeitete in einem Kommissariat, als Sekretärin.

Einziger Überlebender des Blutbads ist der Dreijährige. Er steht unter Schock, ist aber unversehrt, wie es von den Behörden heißt. "Das ist jetzt ein Waisenkind", sagt Lebouc. "Ich denke, mit drei Jahren hat er nicht alles verstanden, was ihm geschehen ist", hofft der Bürgermeister.

Das Urteil der Pariser Regierung steht schnell fest: "Zweifellos ein Terrorakt", sagt Präsident Francois Hollande. Nicht nur, dass der Mann sich während seiner Verhandlungen mit der Polizei zum IS bekannte. Deren Sprachrohr, das Internetportal Amaq, bezeichnet ihn umgehend als Kämpfer des IS. Und nach übereinstimmenden Medienberichten war der 25-Jährige wegen Terrorismus vorbestraft.

Er soll in der 44.000 Einwohner zählenden Stadt Mantes-la-Jolie ganz in der Nähe aufgewachsen sein. Dort und am Arbeitsort des Polizisten, Les Moreaux, gibt es mehrere Problemviertel, in Frankreich offiziell beschönigend als "prioritäre Viertel der Stadtpolitik" eingestuft. Deren Perspektivlosigkeit ist immer wieder als Faktor im Gespräch, wenn nach den Gründen für Radikalisierung gefragt wird. Doch einstweilen bleiben solche Thesen Spekulation.

Die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft übernimmt die Ermittlungen, hält sich aber zunächst bedeckt. Vorerst blieben viele Fragen offen: Hatte der Mann Auftraggeber, oder schritt er von sich aus zur Tat? Ist sein Bekenntnis zum IS glaubhaft? Hat er bewusst während der Fußball-EM zugeschlagen, folgte er dem Aufruf des IS zu Terrorattacken während des Fastenmonats Ramadan? Und warum wählte er gerade den Polizisten als Ziel?

Manche Fragen sind auch die gleichen wie nach vorherigen Anschlägen, jeder neue Fall heizt die Dauerdebatte um mögliche Versäumnisse der Sicherheitsbehörden weiter an. Wenn sich die Terror-These bestätigt, dann wäre es ein Beispiel für das Gegenstück zu den aufwendig vorbereiteten und orchestrierten Anschlagsserie vom 13. November: Ein Angriff auf niedriger Schwelle, mit einfachen Mitteln - der nach Angaben von Ermittlern oft kaum vorherzusehen und zu verhindern ist.

"Man braucht keine Logistik", sagte Nicolas Comte von der Polizeigewerkschaft Unite SGP im Sender BFMTV. Ein Messer ist schnell besorgt, der Überraschungseffekt bleibt aufseiten des Angreifers.

Premierminister Manuel Valls ruft dazu auf, sich der Angst zu verweigern und den Terrorismus zu bekämpfen. Der Doppelmord von Magnanville macht einmal mehr deutlich, dass es dazu Geduld braucht.

Polizisten als Ziel von Attacken

Immer wieder hat der IS zur Ermordung von Polizisten und Soldaten westlicher Staaten aufgerufen. Diese sind damit ein Hauptanschlagsziel von Dschihadisten.

IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani erklärte in einer im September 2014 verbreiteten Tonaufnahme: "Attackiert die Soldaten der Tyrannen, ihre Polizei- und Sicherheitskräfte, ihre Geheimdienste und Kollaborateure." Dabei sollten Angreifer alleine handeln und sich jeder möglichen Waffe bedienen: "Wenn ihr keine Bombe zünden oder Kugel abfeuern könnt", sei jedes andere Mittel recht - etwa Messerattacken oder Angriffe mit einem Auto.

In Frankreich wurden in den vergangenen vier Jahren sieben Polizisten und Soldaten bei islamistischen Angriffen getötet. In Deutschland sorgte Ende Februar der Fall einer 15-jährigen mutmaßlichen Islamistin für Aufsehen, die am Hauptbahnhof von Hannover einen Polizisten mit einem Messer schwer verletzte.

Ende Mai 2013 ermordeten zwei Männer nigerianischer Abstammung einen 25-jährigen britischen Soldaten am helllichten Tag vor einer Kaserne im Londoner Stadtteil Woolwich mit einem Fleischerbeil und einem Messer. Augenzeugen zufolge wurde er enthauptet. Einer der beiden mutmaßlich islamistischen Täter sagte, er habe den Soldaten als Vergeltung für die Tötung von Muslimen ermordet.