Die Maske bietet kaum Schutz: Oft liegt der Grenzwert für Feinstaub in Peking mehr als das Zehnfache über dem in Österreich erlaubten Niveau

© REUTERS/KIM KYUNG-HOON

Feinstaub
11/03/2014

"Airpocalypse" in Peking

Die katastrophale Luftgüte in Chinas Hauptstadt zwingt die Politik zu grüner Politik.

von Bernhard Gaul

Wenn in China das Wirtschaftswachstum unter sieben Prozent fällt, nennt man das hier eine Rezession", erzählt Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl bei seinem Besuch in Peking.

Was für europäische Politiker wie ein Märchen klingt, hat ein Problem von enormem Ausmaß geschaffen, das die chinesische Regierung die längste Zeit verschwiegen hat: Die Schadstoffbelastung in der Hauptstadt des riesigen Reiches hat solch gewaltige Ausmaße erreicht, dass die Bevölkerung selbst an wolkenlosen Tagen keine Sonne mehr sieht. Der Smog ist allgegenwärtig, die Sicht nicht selten unter 500 Metern.

Industrie

Rund um Peking gibt es ein gigantisches Industrie-Konglomerat. Und lange gab es gar keine offiziellen Messungen der Luftgüte. Bis die US-Botschaft am Dach vor einigen Jahren eine Messstelle errichtet hat und die Ergebnisse im Internet zu veröffentlichen begann. Das führte zwar zu diplomatischen Verwicklungen wegen "Einmischung in innere Angelegenheiten Chinas", doch die Daten wurden weiter publiziert.

Es geht vor allem um Feinstaub mit 2,5 µm, der in Zusammenhang mit schweren Gesundheitsauswirkungen steht, vor allem Herz-Kreislauferkrankungen. Menschen in der Peking-Region sterben um fünf Jahre früher, heißt es hier. Atemmasken werden dennoch nur sporadisch verwendet.

Wie schlimm das Problem ist, zeigt ein Vergleich: In Österreich gilt für Feinstaub ein Grenzwert von 20 µg/m³, ab 50 wird Alarm gegeben. Am Freitag um 17 Uhr Ortszeit lag die Konzentration in Peking bei 242 – und das war ein vergleichsweise guter Wert. In den letzten Jahren wurden sogar Werte über 800 gemessen. "Airpocalypse" heißt das Problem in Peking.

"Etwa die Hälfte der Emissionen in Peking stammen von der Schwerindustrie", sagt Li Shuo, Klima- und Energieexperte von Greenpeace in Südostasien, gegenüber dem KURIER. Der Rest teile sich in etwa gleichermaßen auf Verkehrsemissionen und Hausbrand auf. Obwohl die Heizsaison noch gar nicht richtig begonnen hat.

Teure Filter

Grundsätzlich gebe es auch die Verpflichtung der Industrie, teure Filteranlagen zu verwenden, doch daran hielten sich viele Betriebe nicht, Kontrollen seien rar, erklärt der Experte. Die Regierung habe das Problem lange verschwiegen, inzwischen gebe es aber sogar ein Notfall-Alarmsystem bei zu hoher Luftverschmutzung, erzählt Li. Und die Regierung will zudem radikale Änderungen:

Die Kohlekraftwerke sollen in den nächsten Jahren verschwinden, statt dessen sollen (in ganz China) in den nächsten zehn Jahren bis zu 61 neue Atomkraftwerke entstehen. "Natürlich halte ich das nicht für eine gute Lösung", erzählt Greenpeace-Aktivist Li. Er macht sich für erneuerbare Energien und Energie-Effizienz stark. Denn neue Wohnhausanlagen, die in kürzester Zeit geplant und errichtet werden, sind meist katastrophal isoliert und verbrauchen viel zu viel Energie. Weil der Strompreis aber staatlich gedeckelt ist, gibt es nur wenig Interesse für mehr Effizienz.

Viele Polit-Insider sind sich sicher, dass die Regierungspolitik von Staatspräsident Xi Jinping und dem neuen Premier Li Keqiang an deren Maßnahmen zum Umweltschutz gemessen werden. Die kommunistische Führung ist gezwungen, grüne Politik machen.

"Für 2013 können wir zumindest einen kleinen Erfolg verbuchen", sagt der Umweltschützer Li. "Die Energieleistung von neu errichteten Alternativkraftwerken mit Wind, Wasser und Solar hat erstmals die Neuproduktion von Kohlekraftwerken übertroffen." Für die Bevölkerung freilich nur ein schwacher Trost.

Link: http://aqicn.org/city/beijing/

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