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© APA/AFP/dpa/MARCEL KUSCH

Deutschland
05/04/2016

Fall Höxter: Frau sagte über monatelange Misshandlungen aus

Die 51-Jährige gab an, keine Möglichkeit zur Flucht gehabt zu haben.

Nach Bekanntwerden der Todesfälle durch monatelange Misshandlungen in einem Haus in Höxter in Deutschland hat die Polizei neue Details über ein Opfer veröffentlicht, das mit dem Leben davon gekommen war. Nach eigener Aussage war die 51-Jährige aus dem Großraum Berlin rund drei Monate lang festgehalten worden.

Die Frau gab an, in einem Zeitraum von Ende 2011 bis März 2012 von dem beschuldigten Paar körperlich misshandelt worden zu sein, wie Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch mitteilten. Sie habe keine Möglichkeit zur Flucht gehabt. Nach einer "erheblichen körperlichen Auseinandersetzung" sei sie von den Beschuldigten zu einem Bahnhof gebracht und in einen Zug nach Hause gesetzt worden. Aus Angst vor angedrohter Gewalt habe sie die Polizei nicht eingeschaltet, bis nun die Misshandlungsfälle von Höxter ans Licht gekommen waren.

In dem früheren Bauernhaus in der kleinen Ortschaft Bosseborn soll das Paar über Jahre hinweg verschiedene Frauen festgehalten und gequält haben. Mindestens zwei Frauen aus Niedersachsen starben. Die Ermittler vermuten sadistische Machtspiele als Motiv.

"Ohnmacht durch Gewaltausübung in Gefühl von Allmacht verwandeln"

Nach Einschätzung eines Spezialisten wollen Täter in Fällen wie diesen ihre eigene Ohnmacht "durch Gewaltausübung in das Gefühl von Allmacht" verwandeln, wie der Psychotherapeut Christian Lüdke sagte. Für die Täter seien die Opfer nur ein Instrument zum Machtmissbrauch. Die Beschuldigte und Ex-Frau des mutmaßlichen Haupttäters habe wahrscheinlich Angst um ihr Leben gehabt und deshalb mit gemacht.

Auf Zeitungsannonce geantwortet

Das weitere Opfer hatte sich am Sonntag bei der Polizei gemeldet: Die Frau hatte das Haus in den Medien wiedererkannt. Kennengelernt hatte sie den Beschuldigten, weil sie ihm auf eine Kontaktanzeige geantwortet hatte. Nach einigen Telefonaten reiste sie bereits im August 2011 erstmals ins Weserbergland. Bei diesem dreiwöchigen Besuch sei es jedoch zu keinen Übergriffen gekommen. Sie hielt Telefonkontakt und entschloss sich schließlich zu dem zweiten Aufenthalt.

Auch die Ermittlungen in dem kleinen zu Höxter gehörenden Ort Bosseborn laufen laut Polizei auf Hochtouren. Am Mittwochvormittag sei das Wohnhaus mit Kräften einer Einsatzhundertschaft ausgeräumt worden, um weitere Spuren zu sichern. Auch Hinweisen aus der Bevölkerung geht die Polizei nach. Allerdings gebe es bisher keine neuen Hinweise auf weitere Opfer.

Fassungslosigkeit in Höxter

Die nur wenig mehr als 500 Einwohner zählende nordrhein-westfälische Ortschaft an der Grenze zu Niedersachsen zeigt sich fassungslos. Ein für das Wochenende geplantes Dorffest sagte der Heimatschützenverein ab. Man sei zutiefst betroffen über die Geschehnisse in dem beschaulichen Ort.

"Wir müssen Zentimeter für Zentimeter prüfen"

In Höxter wollen Experten der Polizei am Mittwoch die Suche nach weiteren Spuren auf dem Gehöft des Paares fortsetzen, das zwei Frauen getötet haben soll. Die Ermittler wollen ausschließen, dass es weitere Todesopfer gibt. "Wir müssen Zentimeter für Zentimeter prüfen", hatte der Leiter der Mordkommission, Ralf Östermann, am Dienstag angekündigt. Das könne mehrere Tage, wenn nicht Wochen dauern. Die Ermittler wollen zudem die Ergebnisse der Befragung einer Frau auswerten, die 2013 ihren Peinigern lebend entkommen war. Die Frau aus dem Großraum Berlin hatte auf Fotos das Haus in Ostwestfalen erkannt und sich bei der Polizei gemeldet. Woher genau die Frau stammt, wollten die Fahnder aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen.

Sadistische Machtspiele

Unter Tatverdachtstehen eine 47-jährige Frau und ihr 46 Jahre alter Ex-Mann. Sie hat gegenüber den Ermittlern ein Geständnis abgelegt. Der Mann bestreitet eine Schuld. Das Duo soll Frauen mit Kontaktanzeigen auf das Gehöft in Höxter-Bosseborn gelockt haben. Die Ermittler vermuten als Motiv sadistische Machtspiele. Staatsanwaltschaft und Polizei hatten am Dienstag über schockierende Details zu den Fall berichtet. Danach soll das verdächtigte Paar zwei Frauen zu Tode gequält und vermutlich weitere Opfer über einen längeren Zeitraum misshandelt und festgehalten haben.

Schwer misshandelt

Eine 33-Jährige aus Niedersachsen, mit der der Mann verheiratet war, sei bereits 2014 umgebracht, zerstückelt und im Kamin verbrannt worden. Ihre Asche hätten die Beschuldigten in der Umgebung verstreut. Ins Rollen waren die Ermittlungen in der vergangenen Woche gekommen, als eine weitere Frau aus Niedersachsen ums Leben kam. Sie war von den Beschuldigten ebenfalls körperlich schwer misshandelt worden. Mit dem Auto wollten sie die geschwächte Frau zurück in ihre Wohnung nach Niedersachsen bringen. Nach einer Motorpanne rief das Paar auf einer Landstraße einen Rettungswagen. Die Frau starb kurz darauf in einem Krankenhaus. Die Ärzte schalteten wegen der Art der Verletzungen die Polizei ein.

Eine 51-Jährige aus dem Großraum Berlin ist nach eigenen Angaben mehr als drei Monate lang in dem Haus in Höxter misshandelt worden. Das hat sie laut Polizei inzwischen ausgesagt, wie es am Mittwoch in einer gemeinsamen Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft hieß. Die Frau war demnach von Ende 2011 bis März 2012 in dem Haus im Ortsteil Bosseborn festgehalten worden und hatte keine Möglichkeit zu fliehen. Beide Beschuldigten hätten sie körperlich misshandelt. Nach einer körperlichen Auseinandersetzung sei sie dann in einen Zug nach Hause gesetzt worden. Aus Angst vor angedrohter Gewalt habe sie die Polizei nicht eingeschaltet.

Antisoziale Täter

Die eigene Ohnmacht werde durch Gewalt zu Allmachtsgefühlen, erklärte der Essener Psychotherapeut Christian Lüdke. Er ist Spezialist für die Betreuung von Gewalt- und Kriminalitätsopfern. "Menschen, die solche Taten begehen, sind sogenannte antisoziale Täter. Früher hat man sie als Psychopathen bezeichnet. Sie sind eiskalt, berechnend, haben keine Gefühle", erklärte der Experte in einem Gespräch mit der Deutschen Presse Agentur. "Sie üben im Grunde genommen nur eine unglaubliche Macht aus - sie sind Herr über Leben und Tod."

Solche Menschen hätten schon in ihrer Ursprungsfamilie keine starke emotionale Bindung gehabt. Sie würden sich "extrem ohnmächtig" fühlen und ihr eigenes Gefühl von Ohnmacht durch Gewaltausübung in das Gefühl von Allmacht verwandeln.

Die Macht über einen anderen Menschen laufe in erster Linie über Angst, betonte der Psychotherapeut. "Das heißt also, auch die Mittäterin wird wahrscheinlich große Angst gehabt haben: Wenn ich nicht mitmache, dann werde ich möglicherweise selbst zum Opfer." Zum anderen gebe es häufig eine psychische Störung bei solchen Täterpaaren, die man als Folie a deux bezeichnet (eine "Verrücktheit zu zweit"): "Einer, der Haupttäter, hat die psychische Störung, und infiziert den anderen mit normaler Gesundheit."