Der frühere sowjetische Staatspräsident Gorbatschow feiert seinen 85. Geburtstag.

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Geburtstag
03/02/2016

Ex-Sowjetpräsident Gorbatschow ist 85 Jahre

Er gilt als Wegbereiter der Deutschen Einheit und zugleich Totengräber der Sowjetunion.

Er hat die Welt verändert - und ist sich dabei treu geblieben. So sieht sich Michail Gorbatschow selbst. "Ich hänge noch den gleichen Ideen an", sagt der Friedensnobelpreisträger anlässlich seines 85. Geburtstags.

Groß feiern will Gorbatschow erst an seinem 100. Geburtstag. "Der 85. an diesem Mittwoch wird eher ruhig - Freunde haben einen Tisch reserviert, mehr plane ich nicht", sagt der ehemalige Sowjetpräsident mit rauer Stimme und südrussischem Akzent bei einer Buchpräsentation in Moskau. "Die nächste ausgelassene Feier steigt erst in 15 Jahren", meint er scherzend.

Wegbereiter der Deutschen Einheit

Etwas mühsam stützt sich der Friedensnobelpreisträger auf einen Gehstock. Operationen etwa an der Wirbelsäule haben ihm zu schaffen gemacht. Dennoch verzichtet Gorbatschow nicht auf solche Auftritte. Er will auch 25 Jahre nach seinem erzwungenen Rücktritt 1991 betonen, dass er sich mit seiner historischen Reformpolitik nicht geirrt hat.

Der Wegbereiter der Deutschen Einheit genießt an diesem Moskauer Wintertag die Aufmerksamkeit, denn viele seiner Landsleute winken sonst bei seinem Namen bloß ab. Sie halten ihn für den Totengräber eines Weltreichs, für einen führungsschwachen Politiker ohne Machtinstinkt. "Ich hätte gerne weitergemacht mit meinen Reformen", sagt aber Gorbatschow über den Untergang der Sowjetunion Ende 1991.

"Wenn ich nun eine Bilanz ziehen soll, dann sage ich: Das Wichtigste in meiner Politik waren Freiheit und Glasnost", erzählt der frühere Kremlchef. Ob der Fall der Berliner Mauer oder der Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan: Alles sei letztlich eine Folge gewesen von Freiheit und Glasnost (Offenheit) in der UdSSR.

Politische Triumphe und Niederlagen

In seinem neuen Buch "Gorbatschow w schisni" (Gorbatschow im Leben) legt der geistige Vater von Perestroika (Umgestaltung) und Glasnost Zeugnis ab über - wie er es sieht - viele politische Triumphe und wenige Niederlagen. Damalige Weggefährten wie der deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker und US-Präsident George Bush senior kommen zu Wort.

"Erschießungsbefehle tragen seine Unterschrift. Mit Stalinismus muss endlich Schluss sein!"

Fotos zeigen "Gorbi", wie Deutsche ihn oft nennen, mit Gerhard Schröder, Angela Merkel oder Erich Honecker. Allein vier Aufnahmen zeigen ihn mit Helmut Kohl. Es gibt Bilder mit Arnold Schwarzenegger oder dem Dalai Lama - nur ein Foto mit Wladimir Putin gibt es nicht.

Persönliche Kritik an dem amtierenden russischen Präsidenten vermeidet Gorbatschow an diesem Tag erneut. Aber er sagt: "Wir brauchen freie Wahlen." Und er prangert eine zunehmende Toleranz in der Bewertung des Sowjetdiktators Josef Stalin an, die Soziologen in der russischen Gesellschaft feststellen. "Erschießungsbefehle tragen seine Unterschrift. Mit Stalinismus muss endlich Schluss sein!"

Russische Medien kritisieren sein Werk

Für ein paar Stunden ist an diesem Tag in Moskau alles fast wie früher, als der Mann mit dem markanten Muttermal über der Stirn noch ein riesiges Sowjetimperium führte. Dutzende drängen sich um Gorbatschow. Aber unbequeme Fragen etwa nach der sozialdemokratischen Partei, die er seit Jahren gründen will, bleiben unbeantwortet. Ein Leibwächter begleitet den ehemaligen Präsidenten später zum Aufzug.

Einen Teil des Buches widmet Gorbatschow seiner Ehe. Bereits früher hat er so offen wie kein Kremlchef vor und nach ihm die Jahrzehnte mit seiner Frau in einer Biografie beschrieben. Es ist eine Liebe ohne Happy End: Raissa Gorbatschowa stirbt 1999 in einer Klinik in Münster (Westfalen) an Blutkrebs. Fast 50 Jahre waren sie zusammen.

Russische Medien nehmen den neuen 728-Seiten-Wälzer in einer ersten Reaktion kontrovers auf. Bereits früher hatte die Tageszeitung Kommersant ein Gorbatschow-Buch mit den Worten kommentiert: "Das Erinnern war wohl eine Therapie für den ehemals mächtigen Mann, der in seiner Heimat nicht gefragt ist und von vielen verflucht wird."

Putin gratuliert Gorbatschow

Zum 85. Geburtstag hat Kremlchef Wladimir Putin dem Ex-Sowjetpräsidenten eine gute Gesundheit gewünscht. "Es ist wichtig, dass Ihr professionelles Wissen, Ihre Erfahrung und große Kreativität auch heute gefragt sind und der Entwicklung der internationalen humanitären Zusammenarbeit dienen", schrieb Putin am Mittwoch in einem Telegramm.

In Russland ist Gorbatschows Erbe umstritten. Kritiker sehen in ihm den Totengräber der Sowjetunion. Einer Erhebung des Moskauer Instituts WZIOM zufolge bewertet knapp die Hälfte der Befragten Gorbatschow als "Politiker, der das Wohl des Landes im Blick hatte, aber durch ernsthafte Fehleinschätzungen Schocks und Probleme ausgelöst hat". Etwa ein Viertel bezeichnete Gorbatschow als Verbrecher.

Im Westen geliebt, im Osten verhasst

Egal, wie alt Michail Gorbatschow heute aussieht: Erkennen wird man den heute 85-Jährigen immer an seinem Feuermal am Kopf. Der letzte Präsident der Sowjetunion ist mittlerweile nicht mehr derselbe wie zur Zeit des Mauerfalls, als er die Titelseiten der Welt beherrschte – Gorbatschow ist nun Politpensionär, von Krankheit und Alter gezeichnet und von seinen Meriten im 20. Jahrhundert zehrend. Doch seine Stimme bleibt noch immer einflussreich: Nach wie vor gilt er hierzulande als der Brückenbauer aus dem Osten, als das Gewissen Russlands, das an die Schrecklichkeiten des Kalten Krieges erinnert.

In seiner Heimat ist das Bild des letzten starken Mannes der UdSSR ein ganz anderes. Schon bald nach seiner Ablöse wandte sich die öffentliche Meinung gegen ihn; gegen jenen Mann, der das Sowjetimperium auf dem Gewissen habe. Die turbokapitalistischen Auswüchse der 1990er Jahre ließen das kommunistische Modell in trügerischem Glanz erscheinen, die Russen wollten ihm das Ende dieser Ära nicht verzeihen. Seine Verdienste um Russland und den ehemaligen Ostblock waren in seiner Heimat mehr als verblasst: 1996, als der Mann mit dem Feuermal am Kopf es nochmal als Präsident versuchen wollte, erhielt er nur 0,51 Prozent aller Stimmen.

Gorbatschow im Jahr 1991 mit seinem Außenminister Eduard Schewardnadse

Neuer Stil im alten Kreml

Sieben Jahre zuvor, im Wendejahr 1989, konnte man diese Entwicklung nicht einmal ansatzweise absehen. Gorbatschow, der Bauernsohn aus Südrussland, hatte zu diesem Zeitpunkt eine steile Karriere in der Kommunistischen Partei hinter sich – nach Jahren als Apparatschik in Stawropol war er mit Unterstützung Jurij Andropows, des damaligen KGB- und späteren ZK-Chefs, schnell ins Politbüro und damit in den engsten Zirkel des Kreml vorgedrungen. Junges Blut war damals auch bitter nötig. Die Führung des sowjetischen Imperiums war Anfang der 1980er alt und schwerfällig – und vor allem nicht mehr fähig, reformistische Bewegungen richtig einzuordnen. Das Sowjetimperium drohte an seiner Gerontokratie unterzugehen.

Gorbatschow brachte einen neuen Stil nach Moskau, und auch außerhalb der Grenzen der UdSSR hoffte man auf neue Töne aus dem Kreml. „I like Mr. Gorbachev. We can do business together“, soll der damalige US-Präsident Ronald Reagan über sein neues Gegenüber im Osten gesagt haben. Der mit 54 Jahren zweitjüngste Generalsekretär der KP-Geschichte setzte auch bald in die Tat um, was er versprach. Glasnost und Perestroika – Offenheit und Umbau – waren die programmatischen Schwerpunkte seines Tuns; dem öffentlichen Dtuck und wirtschaftlich maroden Situation der Supermacht geschuldet. Gorbatschow ließ Dissidenten wieder straffrei in die UdSSR einreisen, stellte die Zeichen auf Abrüstung und gestand den Ländern des Warschauer Paktes neue Freiheiten zu.

Demonstratives Einverständnis: Gorbatschow und Reagan

Entspannungspolitik à la Sinatra

Sprachlich bediente sich der Kreml dabei einer Metapher, die unrussischer nicht hätte sein können. „You know the Frank Sinatra song, ,I Did It My Way'? Poland and Hungary are now doing it their way. I think the ‚Brezhnev Doctrine‘ is dead“, zitierten US-Medien im Oktober 1989 den Sprecher des Außenministeriums. Breschnews Diktum, die Staaten des Warschauer Paktes hätten sich ohne Ausnahme dem Kreml zu fügen, hatte seinen traurigen Höhepunkt bekanntlich 1968 mit dem Einmarsch der Roten Armee in Prag gefunden. Gorbatschow setzte dem nun die „Sinatra-Doktrin“ entgegen – und ließ den einstigen Vasallenstaaten ihren Willen.

Die Folge war ein politisches Erdbeben, das vor allem in Ostdeutschland spürbar war. Die dortige SED-Führung widersetzte sich dem neuen Kurs aus Moskau zwar, verfolgte sogar ihr eigenes Modell des Sozialismus, doch die Bevölkerung der DDR widersetzte sich der Honecker und seinen Getreuen. Im Herbst 1989 setzte schließlich eine Massenflucht ein, die die Randstaaten des Ostblocks komplett destabilisieren sollte – Ungarn öffnete seinen Grenzen nach Österreich, abertausende Menschen flohen von Ostdeutschland über diesen Weg in den Westen. Am 9. November 1989 sollte dann, als letztes Symbol der Trennung, die innerdeutsche Mauer endgültig fallen.

Diese Entwicklung hatte Gorbatschow vorausgesehen, wenn nicht gar intendiert, wie er selbst sagte. Kurz vor dem Mauerfall soll er Erich Honecker noch gewarnt haben, nicht in Untätigkeit zu verharren: „Das Leben verlangt mutige Entscheidungen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Ein Zitat, das es in die Chroniken geschafft hat.

Ein Bruderkuss, als die Zeiten noch besser waren: Honecker und Gorbatschow 1986

Dem Umsturz folgt der eigene Fall

Den Mauerfall selbst hat Gorbatschow laut eigener Aussage verschlafen. Es sei auch nicht nötig gewesen, ihn dafür zu wecken, die Haltung des Kreml in dieser Sache sei schließlich klar gewesen, meinte er später. Auch 1990, als die baltischen Republiken nach und nach begannen, ihre Unabhängigkeit erklärten, blieb der letzte Präsident der Sowjetunion bei seinem Kurs – und ebnete gemeinsam mit Helmut Kohl die Wiedervereinigung Deutschlands. „Das geteilte Deutschland ist eine Zeitbombe gewesen. Damit hat Europa auf Dauer nicht leben können.“

Russland hingegen wollte mit ihm nicht länger leben. Im August 1991 wurde gegen Gorbatschow geputscht, unter der Führung des damaligen KGB-Chefs, des Innen- und Verteidigungsministers sowie des Premiers. Das letzte Aufbäumen der Sowjetherrschaft, die den Niedergang des kommunistischen Riesenreiches nicht akzeptieren wollte, sollte aber nur zwei Tage dauern. Der Putsch scheiterte am Widerstand der Bevölkerung und an Boris Jelzin – der damalige Präsident der russischen Teilrepublik stellte sich am Höhepunkt des Aufstandes gar auf einen Panzer, um mit einem Megaphon gegen die Putschisten zu wettern.

Nach dem Putsch war Jelzin der neue starke Mann - Gorbatschow hatte ausgedient

Die Sowjetunion zu Grabe getragen

Gorbatschow war damit aber am Ende seiner Ära angelangt – er war von Jelzin entmachtet worden, als letztes Symbol der Sowjetunion gebrandmarkt. Der noch junge Jelzin ließ die KPdSU verbieten, versetzte den letzten Präsidenten des Sowjetreichs somit in einen Status der völligen Handlungsunfähigkeit. Am 25. Dezember 1991 erklärte Gorbatschow dann auch formal seinen Rücktritt – und damit das Ende der 69 Jahre herrschenden Sowjetmacht.

Dass der heute 83-Jährige mit seinem Wirken und seinem zeitgerechten Rückzug eine unblutige Revolution ermöglicht hat, dankt ihm heutzutage kaum jemand in Russland, auch die Verleihung des Friedensnobelpreises konnte daran nicht viel ändern. Zu sehr ist sein Name mit der Aufgabe der Macht verbunden, die auch Präsident Putin heute immer wieder beschwört. Russland habe erst unter seiner Ägide wieder den Weg zurück zur Supermacht gefunden, so das Diktum des jetzigen russischen Präsidenten – dass die Demokratie da gern auf der Strecke bleibt, scheint daneben unerheblich.

Zwiespätiges Verhältnis: Der einstige Präsident der UdSSR und der jetzige russische Staatschef

Wechselhafte Töne

Gorbatschows Verbindungen zu Putin waren deshalb auch lange Zeit von Skepsis geprägt, nicht zuletzt die finanzielle Unterstützung für das regierungskritische Blatt Novaja Gazeta zeugte davon. Dessen autokratischer Stil war ihm lange Zeit ein Dorn im Auge, 2011 riet er Putin sogar öffentlich, seinen Hut zu nehmen. Erst mit Ausbruch der Ukraine-Krise änderte sich dies, die Töne des Ex-Präsidenten seinem De-facto-Nachfolger gegenüber wurden seither deutlich milder – man sagt ihm sogar nach, mit Putin gemeinsame Sache zu machen (siehe hier). Unermüdlich weist Gorbatschow darauf hin, dass der Konflikt nur eines zur Folge habe, nämlich die „Zerstörung des gemeinsamen Hauses Europa“. Dass ihm davor graut, ist aber nur verständlich. Schließlich wäre damit auch sein Lebenswerk zerstört – von dem er ja bis heute zehrt.

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