FILE - Pope Benedict XVI celebrates mass at the Cathedral Square in Erfurt, Germany, 24 September 2011. The head of the Roman Catholic Church is visiting Germany from 22-25 September 2011. Foto: Martin Schutt dpa/lth (zu dpa:"Papst Benedikt XVI. gibt Pontifikat am 28. Februar auf") +++(c) dpa - Bildfunk+++

© dpa-Zentralbild/Martin Schutt

Vatikan
09/08/2016

Ex-Papst über NS-Zeit: Kirche als "Ort des Widerstandes"

Im Interview-Band "Letzte Gespräche" berichtet Benedikt XVI., wie sehr er während der Zeit des Zweiten Weltkriegs gelitten habe.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat während des Zweiten Weltkriegs nicht den Eindruck gehabt, dass die katholische Kirche mit dem Nationalsozialismus kooperierte. "Wir haben das anders erlebt, muss ich sagen. Wir haben sie wirklich als bedrängt - ich will nicht sagen verfolgt - und als Ort des Widerstandes erlebt", sagt der 89-Jährige in dem Interview-Band "Letzte Gespräche".

"Der Gedanke, dass die Kirche irgendwie mitbeteiligt sei, ist uns nie gekommen. Das ist erst später so aufgebaut worden." Er habe nach eigenen Angaben damals nur teilweise von den Geschehnissen in den NS-Vernichtungslagern gewusst. "Von Vergasungen haben wir nichts gehört", sagt Joseph Ratzinger dem Journalisten Peter Seewald in dem Buch, das am Freitag erscheint. "Wir wussten wohl, (...) dass man das Schlimmste befürchten musste, aber konkret habe ich es erst nach dem Krieg erfahren", berichtete der frühere Papst, der zu Kriegsende 18 Jahre alt war.

"Für uns war klar: In dieser Gesellschaft habe ich keine Zukunft."

Vier Jahre zuvor wurde Ratzinger Mitglied der Hitlerjugend. "From Hitler Youth to Papa Ratzi" heißt 2005 die Headline des britischen Boulevard-Blattes Sun. In vielen britischen und US-amerikanischen Medien hielt sich lange die These: Über dem Pontifikat Benedikts liegt Adolf Hitlers langer Schatten. Später wurde er als Flakhelfer einberufen, was nach seiner Wahl zum Papst 2005 vor allem im Ausland heftig kritisiert worden war.

In dem Interview-Band berichtet Benedikt XVI., wie sehr er in dieser Zeit gelitten habe. "Insgesamt war die Atmosphäre bedrückend. Man wusste, auf die Dauer soll die Kirche verschwinden", sagte er. "Für uns war klar: In dieser Gesellschaft habe ich keine Zukunft."

Die Schatten über dem Pontifikat

Kaum jemand hätte bei Amtsantritt Benedikts XVI. gedacht, dass er vor allem als Krisenmanager tätig werden müsste. Doch während seiner Amtszeit brach eine beispiellose Welle an Skandalen über den Vatikan herein, die besonders mit einem Schlagwort in Erinnerung bleiben wird: Missbrauch in der katholischen Kirche. Die erste große Häufung , etwa in den USA, wurde in den frühen Nuller-Jahren publik. Doch mit den Vorwürfen gegen Mitglieder des katholischen Klerus in Irland, Deutschland und auch Österreich brach schließlich während Benedikts Pontifikat das Tabu um sexuellen Missbrauch vollends auf. Allein in Irland wurden Zehntausende Fälle eingereicht, die teils von extremer Brutalität zeugten. Oft waren die Vorwürfe intern bekannt und vertuscht worden. Auch heute noch erfährt der Vatikan jährlich von rund 600 Vorkommnissen.

Der Papst wurde auch persönlich mit Vorwürfen konfrontiert: Im Jahr 2010 wurden einige Vorfälle in Deutschland bekannt, darunter bei den Regensburger Domspatzen. Ein pädophiler Priester wurde damals unter Zustimmung von Joseph Ratzinger, damals Erzbischof von München und Freising, in der Gemeindearbeit eingesetzt. Dort verging er sich erneut an Jugendlichen. Der Tübinger Theologe Hans Küng kritisierte den Papst später scharf: Von diesen Fällen habe Ratzinger ohne Zweifel gewusst, schrieb Küng, auch wegen der engen Verbindung zu seinem Bruder Georg, der damals Domkapellmeister war. Auch Georg Ratzinger geriet in die Kritik, nachdem er zugegeben hatte, ihm sei früher „mal die Hand ausgerutscht“.

Gegenmaßnahmen

Unter Benedikt wurde das Gegensteuern zur Chefsache. Immer wieder betonte er, die Fälle aufklären und eine Wiederholung ausschließen zu wollen; das ausgegebene Motto lautete: „Null Toleranz“. Endlich kam auch die von Opfern lang ersehnte Entschuldigung.

Der zweite große Skandal ging unter dem BegriffVatileaks in die Geschichte des Heiligen Stuhls ein. Eine undichte Stelle hielt den Vatikan in Atem, immer wieder sickerten Interna aus den dicken Mauern des Apostolischen Palastes. Bis schließlich der Schuldige gefunden war: der ergebene Diener Benedikts, Paolo Gabriele. Er hatte seit 2006 systematisch Dokumente entwendet und an Medien weitergegeben.

In einem Prozess, in dem viele Fragen offen blieben, wurde der Diener im Eiltempo zu 18 Monaten verurteilt. Zu Weihnachten begnadigte Benedikt seinen ehemaligen Vertrauten; heute arbeitet Gabriele im vatikanischen Kinderkrankenhaus. Der Familienvater gab stets an, im Interesse des Papstes gehandelt zu haben, im „Kampf gegen das Böse und die Korruption“. Das Buch des Journalisten Gianluigi Nuzzi, das mit Informationen Gabrieles gespeist ist, wurde zum Bestseller. Hauptthema ist dabei die Vatikanbank IOR und ihre vermuteten Schwarzgeldgeschäfte. Die Bank hatte schon lange den Ruf, die vatikanische Verschwiegenheit für sich zu nutzen. Der Chef der IOR, Ettore Gotti Tedeschi, musste schließlich seinen Hut nehmen; 2010 gründete Benedikt die Finanzaufsicht AIF, die die Geschäfte der Bank strenger im Auge behalten sollte.

Missgriffe

Was eigentlich als versöhnlicher Akt wirken sollte, löste 2009 weiteren Wirbel aus: die Rücknahme der Exkommunikation der Piusbischöfe. Denn unter diesen Anhängern der abgespaltenen, erzkonservativen Bruderschaft befand sich auch derHolocaust-Leugner Richard Williamson. Dieser hatte die Existenz von Gaskammern bestritten. Seither ficht er juristische Kämpfe aus. Auch wenn die Piusbruderschaft ihr umstrittenes Mitglied vor die Tür setzte, blieb der Skandal am Vatikan haften.

Ein weiterer Fehltritt passierte schon früh in Benedikts Pontifikat: 2006 zitierte der Papst bei einer Vorlesung den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos: Der Prophet Mohammed habe nur „Schlechtes und Inhumanes“ gebracht. Die Folge waren teils gewalttätige Proteste in der islamischen Welt. Der Pontifex sah sich zu einer kalmierenden Geste gezwungen: Bei seiner ersten Reise in ein islamisches Land, der Türkei, betete er in der Blauen Moschee von Istanbul gemeinsam mit dem Großmufti.