Suche nach Vermissten

© APA/AFP/ANDREAS SOLARO

Italien
08/28/2016

Erdbeben: Zerstörte Gebäude werden abgerissen

Zehn Menschen werden in Amatrice noch vermisst. In einem bewegenden Brief entschuldigt sich ein Retter bei einem toten Kind.

In Amatrice, dem Epizentrum des schweren Erdbebens in Mittelitalien, haben Feuerwehrmannschaften am Sonntag begonnen, die zerstörten Gebäude abzureißen. Jedes zweite Haus sei schwer beschädigt worden, berichteten die Behörden. Befürchtet wird auch, dass der Rathausturm von Amatrice sowie die aus dem 15. Jahrhundert stammende Kirche des Heiligen Augustinus einstürzen könnten.

Der Bürgermeister von Amatrice, Sergio Pirozzi, forderte, dass der Stadtkern komplett abgerissen und neu aufgebaut werde, wie es bereits bei den vom Erdbeben 1976 in Friaul beschädigten Gemeinden der Fall gewesen war. Pirozzi äußerte die Hoffnung, dass die Bevölkerung die zerstörte Ortschaft nicht verlassen werde.

Zehn Vermisste

Beim Erdbeben in der Nacht auf Mittwoch kamen laut den bisherigen Zahlen 291 Personen ums Leben. 238 Menschen konnten lebend aus den Trümmern geborgen werden. Allein in Amatrice wurden 224 Todesopfer gemeldet, 14 müssen noch identifiziert werden. Zehn Personen werden vermisst. 6.120 Mitglieder von Rettungsmannschaften sind im Erdbebengebiet im Einsatz. 2.500 Obdachlose werden betreut. Seit dem schweren Erdbeben in der Nacht auf Mittwoch wurden über 1.800 Nachbeben gemeldet.

Der Bischof der mittelitalienischen Stadt Ascoli Piceno, Giovanni D'Ercole, feiert die Sonntagsmesse im Zeltlager der Erdbeben-Gemeinde Pescara del Tronto. Er rief die Obdachlosen auf, den Mut in einen Neubeginn nicht zu verlieren. Der Bischof hatte am Samstag das Begräbnis für 35 Todesopfer in der Region Marken zelebriert.

Papst will Erdbebengebiet besuchen

Papst Franziskus hat beim Angelus-Gebet am Sonntag in Rom seine Nähe zu der vom Erdbeben betroffenen Bevölkerung ausgedrückt. Er äußerte seinen Wunsch, bald das Erdbebengebiet zwischen den Regionen Latium und Marken zu besuchen, um "als Vater und Bruder" seinen Trost zu bringen.

"Die Kirche teilt Eure Sorgen und Euer Leid", sagte der Papst den Betroffenen in der Erdbebenregion. Er bete für die Toten, für die Überlebenden und für die Rettungsmannschaften.

Die Fürsorge der Rettungsmannschaften bezeuge wie wichtig Solidarität zur Überwindung derart schmerzhaften Ereignisse sei, sagte der Papst. Er rief die auf dem Petersplatz versammelten Pilgern auf, für die Erdbebenopfer zu beten.

Schlamperei bei Bauten?

Die Staatsanwaltschaft in den verwüsteten Regionen leitete Ermittlungen wegen möglicher Schlamperei im Bau ein. In der Provinz Rieti soll etwa untersucht werden, ob gegen Bauvorschriften verstoßen wurde. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf die Volksschule von Amatrice. Sie war 2012 renoviert und als bebensicher erklärt worden, stürzte jedoch beim Erdbeben in der Nacht auf Mittwoch fast komplett ein.

Auch die Staatsanwaltschaft in der Provinz Ascoli Piceno ermittelt wegen Fahrlässigkeit. Untersucht werden soll unter anderem, wer für den Bau, Wiederaufbau oder die Erdbebensicherung der Wohngebäude zuständig war. Ein Teil des betroffenen Gebiets war bereits 1997 bei einem Beben in Mitleidenschaft gezogen worden.

Solidarität

Das Erdbeben in Mittelitalien löste indes eine Welle der Solidarität aus. Über sechs Millionen Euro wurden in Italien bereits als Spenden per SMS gesammelt. Auch Queen Elizabeth habe für die Erdbebenopfer gespendet. Beim Erdbeben in Amatrice kamen drei Briten ums Leben. Auch Stars mit italienischen Wurzeln wie Madonna und Bruce Springsteen riefen zu Spenden auf.

Seit dem schwersten Erdstoß einer Stärke von mehr als 6 in der Nacht auf Mittwoch verzeichneten die Behörden circa 1.300 weitere Beben, was die Rettung erschwerte. Das Erdbeben hatte ganze Dörfer der Regionen Latium und in den Marken dem Erdboden gleichgemacht. Die Retter suchten auch in der Nacht weiter nach Überlebenden in den zerstörten Gemeinden.

Bewegender Brief eines Feuerwehrmannes

"Giulia, entschuldige, dass wir zu spät gekommen sind und Dich nicht retten konnten": Der Brief eines Feuerwehrmannes, der nach 16 Stunden Suchaktion im Erdbebengebiet in Mittelitalien die vierjährige Giorgia aus den Trümmern ihres Kinderzimmers in Pescara del Tronto lebend bergen, ihre neunjährige Schwester Giulia jedoch nicht retten konnte, bewegt Italien.

Der Feuerwehrmann, der nur seinen Vorname Andrea angab, legte ein handgeschriebenes Blatt auf den weißen Sarg Giulias, die während des Erdbebens ihre kleine Schwester Giorgia schützend umarmt hatte und sie damit retten konnte.

"Hallo Giulia, ich habe versucht, Dich aus diesem Trümmergefängnis zu befreien. Entschuldige, dass wir zu spät gekommen sind. Du hattest schon aufgehört, zu atmen. Ich möchte jedoch, dass Du weißt, dass wir alles getan haben, um Euch von dort herauszuholen", schrieb Andrea, der aus der Erdbebenstadt L'Aquila stammt.

"Jetzt weiß ich, es gibt einen Engel, der vom Himmel auf mich herabschaut. Du wirst der strahlendste Stern sein. Ciao Giulia, auch wenn Du mich nicht kennengelernt hast, sollst Du wissen, dass ich Dich lieb habe. Andrea".

Vier Feuerwehrleute trugen die Leiche Giulias am Samstag aus der Sporthalle, in dem das Begräbnis zelebriert wurde. Tragischer Zufall: Giorgia wurde ausgerechnet am Samstag vier Jahre alt, als ihre Schwester beerdigt wurde.