Chronik | Welt
30.07.2017

Ein Prinz tritt ab

Prinz Philip verabschiedet sich diese Woche in die Rente.

Was für ein Schicksal. 65 Jahre lang immer einen Schritt hinter der Queen einherzuschreiten. Andererseits hat er diesen Lebensweg freiwillig eingeschlagen. Und es gibt wahrlich Grausameres als im Buckingham Palace zu residieren. Wie auch immer, am kommenden Mittwoch sagt der dienstälteste Prinzgemahl der Welt Good bye und tritt im stolzen Alter von 96 Jahren seinen wohlverdienten Ruhestand an.

Märchenprinz

Die Queen ohne Philip – das ist so unvorstellbar wie London ohne Big Ben, aber die Royal-Fans werden sich an das Fehlen des Prinzen gewöhnen müssen, dessen Einheirat in die Königsfamilie einem Märchen der Gebrüder Grimm entnommen sein könnte: Im Juni 1939 steht der 18-jährige Philip während seiner Marineausbildung in Dartmouth der erst 13-jährigen Prinzessin Elizabeth gegenüber. Das noch schüchterne Mädchen soll sich auf den ersten Blick in den feschen Kadetten verliebt haben, der im Übrigen ihr Cousin dritten Grades ist. Acht Jahre später, am 20. November 1947, findet im Westminster Abbey die Hochzeit statt. Für ihn stand schon beim Kennenlern fest, worauf er sich da einlässt: Elizabeth ist die ältere Tochter des regierenden Monarchen George VI. und damit die künftige Königin.

22.000 Termine

So lange ihr Vater am Leben ist, führt das junge Paar ein relativ normales Leben, geht auf Reisen, lässt sich vorteilhaft ablichten, zeugt Kinder. Doch mit dem Tod des Königs im Februar 1952 ist alles anders. Die Queen repräsentiert jetzt als Elizabeth II. das Empire, Philip muss schweren Herzens seine militärische Laufbahn beenden und seine Frau unterstützen. Er eröffnet Ausstellungen, besucht Schulen und Kindergärten, zeichnet Soldaten aus, engagiert sich für den Naturschutz, hält Reden. Insgesamt nimmt der nunmehrige Herzog von Edinburgh – wie der Daily Telegraph errechnete – in seinen 65 Dienstjahren 22.000 Einzeltermine wahr. Und er zieht seinen Job professionell durch – wenn er nicht gerade in eines seiner legendären Fettnäpfchen tritt.

Die Briten stehen Philip in den ersten Jahren seines Prinzendaseins ablehnend gegenüber. Noch sind die deutschen Bombardements im Zweiten Weltkrieg in Erinnerung, und seine Eltern entstammen deutschem Uradel: Philip wurde 1921 auf Korfu als Sohn des Prinzen Andreas von Griechenland und Dänemark, Mitglied des Hauses Schleswig-Holstein, geboren. Seine Mutter Alice war eine Prinzessin von Battenberg.

Schwere Kindheit

Philip hatte als jüngstes von fünf Kindern dieser Verbindung eine schwere Kindheit. Die Familie – sein Großvater war noch König von Griechenland – flüchtete nach einem Militärputsch, als Philip zehn Monate alt war. Der Vater verließ die Mutter – die von Geburt an taub war und unter schweren psychischen Störungen litt. Da sie immer wieder in Sanatorien eingewiesen wurde, schob man Philip zu Verwandten nach Frankreich und dann nach England ab. Dort sollte ihn – als er Prinzessin Elizabeth kennenlernte – sein Schicksal ereilen.

Schwarzer Humor

Und Philip mausert sich vom ungeliebten "Deutschen" zu einem der angesehensten Mitglieder des Königshauses. Die Briten lieben ihn für sein würdevolles Auftreten, seine bis ins hohe Alter durchgehaltene Disziplin und für seinen – oft vom Protokoll abweichenden – schwarzen Humor.Den andere wiederum als peinlich empfinden. Mitunter lässt Philip seine Landsleute ratlos zurück, da sie nicht wissen, ob ein Bonmot jetzt ernst oder heiter gemeint war:Wenn er etwa bei einem Besuch in China britische Studenten warnte: "Wenn Sie zu lange hier bleiben, kriegen Sie noch Schlitzaugen."Wenn er zum Chef eines privaten Fernsehkanals sagte: "Ach, Sie sind also verantwortlich für den ganzen Mist auf Channel Four!"Oder wenn es bei einem Elton-John-Konzert akustische Probleme gab und die Queen meinte: "Ich wünschte, er würde das Mikrofon zur anderen Seite drehen". Worauf Philip sagte: "Und ich wünschte, er würde es abdrehen."Wenn er bei einem Besuch in Papua-Neuguinea, wo vor Generationen Kannibalen lebten, jemanden fragte: "Wie haben Sie es geschafft, nicht gefressen zu werden?"Wenn er Bundeskanzler Helmut Kohl mit den Worten "Willkommen, Herr Reichskanzler" begrüßte.Oder wenn er in Kenia eine Einheimische in Stammeskleidung fragte: "Sie sind doch eine Frau – oder?"

Die Affären des Prinzen

Dabei soll er sich gerade in dieser Disziplin gut auskennen, werden Philip doch Affären mit Aristokratinnen, Musicalstars und einer Nachtklub-Besitzerin nachgesagt. Diesbezüglich ins Fettnäpfchen trat er auch, als er in einer Rede anlässlich seiner Goldenen Hochzeit sprach: "Toleranz ist die wichtigste Voraussetzung für eine glückliche Ehe. Und glauben Sie mir, die Queen ist reichlich mit Toleranz gesegnet." Elizabeth saß neben ihm und lächelte not very amused.

Wenn die Royals streiten

Obwohl laut Aussagen ehemaliger Mitarbeiter des Buckingham Palace in der royalen Ehe zuweilen die Fetzen fliegen, steht Elizabeth seit 70 Jahren eisern hinter – oder besser gesagt: vor ihrem Mann, lässt ihn so wenig wie möglich spüren, dass er keine wirklich bedeutsamen Aufgaben hat, überhäuft ihn mit Orden und ernannte ihn zum Oberhaupt der Royal Navy.Der letzte TerminIm Mai verlautete der Königspalast, dass sich Philip im Herbst 2017 zurückziehen würde, doch vorige Woche wurde überraschend bekannt gegeben, dass er bereits am nächsten Mittwoch, dem 2. August, seinen letzten offiziellen Termin – eine Marineparade – wahrnimmt. Seine Aufgaben werden künftig unter Prinz Charles, Prinzessin Anne und den Enkeln aufgeteilt.Allerdings schließt Prinz Philip nicht aus, die Queen auch weiterhin zu bestimmten Events zu begleiten, die er jedoch selbst auswählt. Womit er sich auf seinen 100er in einer Art Partial retirement zubewegt. Wie die Briten die Altersteilzeit nennen.