Chronik | Welt
19.12.2017

Gedenken an die Opfer: Ein Riss, der schwer zu kitten ist

Was sich aus den Versäumnissen im Umgang mit den Opfern lernen lässt.

17 Meter lang ist der goldfarbene Riss, der die Stufen und den Platz vor der Gedächtniskirche durchzieht. Jener im Leben der Opfer und Angehörigen geht noch viel tiefer.

Verursacht hat ihn Anis Amri, der am 19. Dezember 2016 mit einem LKW in den Weihnachtsmark am Breitscheidplatz fuhr und zwölf Menschen aus dem Leben riss und fast 100 verletzte. Die Namen der Toten und ihre Herkunftsländer sind nun in die Stufen vor der Kirche eingraviert – das Mahnmal wurde bei der gestrigen Gedenkfeier mit der Regierungsspitze von Kanzlerin Merkel bis Bundespräsident Steinmeier enthüllt.

Dass sich der Riss im Leben der Hinterbliebenen nicht so schnell füllen lässt, wie es die Goldlegierung symbolisiert, machten sie kürzlich deutlich. Sie fühlten sich vom Staat alleingelassen, nicht unterstützt, ließen sie die Kanzlerin in einem offenen Brief wissen.

Tätern wird mehr Raum gegeben

Barbara John kennt die Wut und Sorgen von Menschen, die ähnliches durchgemacht haben. Sie betreut als Ombudsfrau die Opfer und Hinterbliebenen der rechtsextremistischen NSU-Mordserie (Nationalsozialistischer Untergrund). Ihr Fazit aus der Arbeit mit den Betroffenen: Den Tätern wird mehr Raum gegeben, als den Opfern, erklärt sie im Gespräch mit dem KURIER. Das begann mit dem Terror der RAF und zieht sich bis zu den jüngsten Terroranschlägen im Namen des IS durch. "Zwar werden die Mörder oft zu langen Haftstrafen verurteilt, das nennt sich dann lebenslänglich, aber spätestens nach 15 Jahren können die meisten das Gefängnis verlassen. Es sind die Opfer, die ihr Leben lang unter den Folgen der Taten leiden und damit fertig werden müssen."

Auch Attentäter Amri ist trotz seines Todes präsenter als die Betroffenen, alleine durch die Fotos in den Medien. "Er hat einen Platz in der Gesellschaft, auch wenn seine Bildpräsenz mit Abscheu und Verachtung gesehen wird", sagt John. Die Vernachlässigung ihrer Schicksale ist etwas, was Opfer zusätzlich ertragen müssen – etwa zu den Pannen der Sicherheitsbehörden und der mangelnden Entschädigung des Staates, wie aus dem Brief der Opfer hervorgeht.

Kanzlerin Angela Merkel räumte gestern Versäumnisse ein. Das Treffen mit den Angehörigen am Montag war ein "offenes und schonungsloses Gespräch" über die Schwächen des Staates in dieser Situation. "Für mich (...) heißt es, daran zu arbeiten, dass wir die Dinge, die nicht gut gelaufen sind, besser machen".

Barbara John weiß, was nötig wäre: eine Anlaufstelle, die rund um die Uhr für die Betroffenen da ist. Auch nach Jahren treten, wie etwa bei den Betroffenen des NSU-Terrors, Spätfolgen auf. "Die Menschen sind auf Dauer geschwächt, viel anfälliger für Krankheiten." Es gibt zwar Traumaambulanzen, aber was Terroropfer betrifft, gibt es wenig medizinische Forschung, so John.

Von Betroffenen lernen

Wichtig sei auch, dass die Betroffenen aktiv werden können, um aus ihrer Opfer-Rolle zu kommen. Dafür brauche es eine Interessensvertretung, eine Organisation, wo sie mit ihren Erfahrungen in die Öffentlichkeit hineinwirken, sagt John. "Sie sind Anlaufstelle für die Presse, Sicherheitsbehörde, Politik und Öffentlichkeit. Das ist wichtig, weil sie die eigentlichen Kenner sind." Der Austausch untereinander helfe auch den Menschen selbst, berichtet John. Das zeigt sich in Ländern wie Spanien, Frankreich oder Norwegen, wo es Selbsthilfegruppen für die Opfer von Terroranschlägen gibt. Der Riss, der sich durch ihr aller Leben zieht, lässt sich aber auch dadurch nicht so einfach kitten.