Chronik | Welt
11.11.2016

"Dunkelster Tag in Geschichte Amerikas"

Nach der Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten schwankt Kalifornien zwischen Schockstarre und Protest.

Am Morgen danach im Café um die Ecke. Man kennt einander hier, ungewöhnlich für die US-Millionenstadt Los Angeles. Es war noch nie so still. An normalen Tagen wird beim Warten auf den Cappuccino über die neuesten Entertainmentnews gelacht, auf die hohen Immobilienpreise geschimpft und die neueste Diät diskutiert. Aber heute ist kein normaler Tag.

Für fast alle ist eine Welt zusammengebrochen, ihre Welt. "Wir sind aus unserer Seifenblase gefallen", sagt der Cafetier, der im Gegensatz zu den meisten seiner Zunft in L. A. kein Schauspieler ist. "Wir haben die weiße Rechte unterschätzt, die nie darüber hinwegkam, dass acht Jahre lang ein Schwarzer an der Macht war. Die haben sich jetzt gerächt. Wir haben den Rassismus unterschätzt."

Der Mann ist Collegeprofessor, unterrichtet an der UCLA und lebt seit mehr als 40 Jahren in der Nachbarschaft. Er hat Venice noch als heruntergekommene Künstlerkolonie erlebt und als Heimat der Surfer, liberal, progressiv.

"Bernie hätte gegen ihn (Trump) gewonnen", wirft die Besitzerin einer Boutique ein. Sie meint Bernie Sanders, den skandalfreien Linken, der keine eMails gelöscht und niemals teure Reden für Goldman Sachs gehalten hat, bei der demokratischen Präsidentschaftskandidatur aber den Kürzeren gegen Hillary Clinton gezogen hat.

"Shellshocked"

Der Garten des Cafés wirkt wie ein Sanatorium. Leute sitzen schweigend herum, starren in ihre Handys oder bloß in die Luft. "Shellshocked" nennt man das in Amerika, oder posttraumatisches Stresssyndrom.

"Ich wünschte, ich könnte ihnen sagen, dass alles wieder gut wird, dass wir so etwas schon öfter überstanden haben", sagt der Cafetier und deutet auf eine Gruppe junger Leute, die sich umarmen. Zwei Frauen weinen, ein junger Hipster wischt sich die Augen. "Aber das hier, das ist neu. Es ist der dunkelste Tag in der Geschichte Amerikas."

Ein großes Statement, wenn man Pearl Harbor und 9/11 bedenkt. Der Vergleich mag hinken, ganz von der Hand zu weisen ist er nicht. Ich habe solche Szenen der kollektiven Depression, des Schocks nur nach dem 11. 9. 2001 und nach Hurrikan Katrina erlebt. Der Unterschied ist, dass man damals sofort danach mit dem Wiederaufbau beginnen konnte. Nicht erst vier Jahre später.

Von Elisabeth Sereda, Los Angeles