So sieht Fukushima heute aus

Drei Jahre nach dem GAU: Neue Bilder, Zahlen und Fakten zum Reaktorunfall und seinen Folgen.

März 2014, drei Jahre nach dem GAU: Verwaistes Land in der Präfektur Fukushima, im Hintergrund das Atomkraftwerk. März 2014: Eine einsame Straße in der Stadt Namie. März 2014: Ein Mitarbeiter einer Fischfabrik testet Proben auf Radioaktivität Februar 2014: Fischer laden frischgefangene Ware von einem Kutter.

Das ganze Ausmaß der Katastrophe von Fukushima ist trotz unzähliger Meldungen immer noch schwer nachvollziehbar. Der KURIER versucht sich zum dritten Jahrestag deshalb an einer umfassenden Bestandsaufnahme in Bildern, Zahlen, Fakten und Berichten.

Noch heute, am dritten Jahrestag der Atomkatastrophe, ist Namie in der Präfektur Fukushima eine Geisterstadt. Verlassene Straßen und verwüstete Schaufenster prägen das Stadtbild. In vielen Gebieten liegt die Strahlung bei weit über 50 Millisievert im Jahr und damit über der Evakuierungsgrenze von 20 Millisievert. In Namie lebt deshalb seit drei Jahren niemand mehr. Auch für geringer verstrahlte Zonen der Stadt ist der Zugang verboten oder nur für wenige Stunden am Tag genehmigt.

Leben im Container

Der Wiederaufbau stockt in der ganzen Region: Rund 140.000 Opfer leben immer noch in containerähnlichen Behelfsunterkünften. Die Trümmer des Tsunami sind zumindest fast überall beseitigt. Rund 70 Prozent der beim Tsunami zerstörten Agrarflächen können ab diesem Frühjahr wieder benutzt werden, gab das Landwirtschaftsministerium dieser Tage bekannt. Auch seien nun 143 der 319 zerstörten Fischereihäfen wieder vollständig aufgebaut.

Gestorben ist durch die Verstrahlung noch niemand. Mehrere Bewohner der Region verübten jedoch Selbstmord. Nach amtlichen Angaben starben außerdem fast 2000 Menschen an Stress oder anderen Krankheiten, die auf die Katastrophe zurückzuführen sind.

Keine Anklage

Juristisch wurde bisher niemand für den Reaktorunfall verantwortlich gemacht. Im Jahr 2012 reichten 15.000 Betroffene eine Klage gegen den Atomkraftwerkbetreiber Tepco ein. Im September 2013 entschied die Staatsanwaltschaft jedoch, keine Anklage zu erheben. Darauf haben Anfang März mehrere hundert Demonstranten hingewiesen, die sich in der japanischen Hauptstadt Tokio zu einer Protestkundgebung versammelten. "Es gibt viele Opfer, aber keine Anklagen", sagte die Organisatorin der Veranstaltung.

Namie ist eine Kleinstadt im Landkreis Futaba der japanischen Präfektur Fukushima. Seit der AKW-Katastrophe im März 2011 ist sie verwaist.
  Am 11. März 2011 wurde die Stadt von dem Erdbeben und dem darauffolgenden Tsunami schwer getroffen. Aufgrund des Akw-Unglücks musste die Stadt außerdem zum größten Teil evakuiert werden, weil sie innerhalb der 20-Kilometer-Evakuierungszone liegt. Dieses Gebiet wurde kurz nach der Katastrophe zum Sperrgebiet. Die Stadt Namie wird seither von der Natur zurückerobert. 
  Im April 2013 wurde Namie aus der Sperrzone wieder ausgegliedert, seitdem ist sie nach radioaktiver Belastung in drei Zonen eingeteilt.

Bild: Verlassene Schule in Namie Straßenblockaden verhindern, das ehemalige Bewohner unerlaubt in die Stadt kommen können. Die rund 21. 000 frühere Bewohner dürfen einmal im Monat mit einer Sondergenehmigung ihre Häuser aufsuchen, sie dürfen dort aber nicht lange bleiben oder gar übernachten. Ehemalige Bewohner haben vor einem verlassenen Haus eine kleine Gedenkstätte für die Opfer der Katastrophe errichtet. Bei dem Erdbeben und dem darauffolgenden Tsunami starben rund 20.000 Menschen, viele gelten bis heute als vermisst. Der aktuelle Verstrahlungsgrad wird vor einem öffentlichen Gebäude in Namie ausgewiesen.
  Ein Cola-Automat mitten auf einem Reisfeld. Der Tsunami riss den Automaten 2011 mit sich. Das Reisfeld auf dem er gelandet ist, verödet seither. Menschen besuchen den Friedhof von Namie. Autowracks, Tsunami-Schutzwälle und diverser Müll säumen den Strand nahe der Stadt. Insgesamt wurden nach der Nuklearkatastrophe rund 160.000 Menschen aufgefordert ihre Wohngebiete zu verlassen.

Bild: Namie bei Nacht Auch die Stadt Futaba wurde 2011 evakuiert. Jetzt ist auch sie eine Geisterstadt. Auf dem Bahnhof sind dutzende Fahrräder zurückgeblieben. Iwaki ist ebenfalls eine Stadt in der Präfektur Fukushima. Sie befindet sich am Rande der Sperrzone. Nach der Katastrophe sind viele der früher 350.000 Einwohner weggezogen.

Vor dem AKW-Unfall stammte mehr als die Hälfte des angebotenen Fisches von Fischern aus der Region, jetzt wird kein einziger angeboten. Fischen ist in der Meeresgegend um  das AKW verboten. Der Usuiso-Strand liegt nahe der Stadt Iwaki, südlich vom Atomkraftwerk: Der Rettungsturm wird seit dem Unglück nicht mehr benutzt, der Strand ist Sperrgebiet. Surfer treiben sich auf dem an sich geschlossenen Strand Toyoma nahe Iwaki herum. Alle Strände in der Region Fukushima sind für Besucher gesperrt. Erst am Donnerstag gab es Meldungen, dass verstrahltes Wasser in den Ozean fließt. Erdbeben und Tsunami richteten im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi schwere Schäden an. In drei Reaktoren kam es zur Kernschmelze, wodurch radioaktive Stoffe in großen Mengen frei wurden. Luft, Böden, Wasser und Nahrungsmittel in der land- und meerseitigen Umgebung wurden kontaminiert.

Bild: Eine alte Frau besucht das Grab eines Verwandten in Namie. Die Aufräumarbeiten werden noch Jahrzehnte dauern.

Bild: Ein Mann schneidet das Gras auf einem verlassenen Hof.
In Bildern

Fukushima: Vor und nach der Katastrophe

Google zeigt Bilder aus der Region rund um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima. Internetnutzer können das Gebiet per Street View erkunden, wie es vor und unmittelbar nach der Atomkatastrophe aussah und wie es sich heute darstellt. Das Kraftwerk war am 11. März 2011 durch ein Erdbeben und einen Tsunami schwer beschädigt worden.

Zu sehen sind bei Street View unter anderem Bilder von Städten und Dörfern, deren Bewohner wegen der immer noch sehr hohen radioaktiven Strahlung nach wie vor nicht zurückkehren können. Auf anderen Fotos ist zu sehen, wie der Wiederaufbau Fortschritte macht. Die neuen Bilder sind zwischen April und August 2013 entstanden.

Die Region rund um Fukushima: vor der Atomkatastrophe und danach.
2008: Iwanuma, Miyagi 2013: Iwanuma, Miyagi 2008: Das Shizugawa-Krankenhaus vor dem Tsunami. 2011: Das Shizugawa-Krankenhaus kurz darauf. 2013: Nichts mehr vom Krankenhaus zu sehen. 2011: Eine Grundschule kurz nach der Katastrophe. 2013: Die Schule wurde wieder aufgebaut und dienst jetzt als Rathaus. 2011: Ishinomaki, Miyagi 2013: Ishinomaki, Miyagi 2011: Nagaoka, Miyagi 2013: Nagaoka, Miyagi
In Zahlen

Fakten zur Katastrophe

Ein verheerendes Erdbeben und eine gewaltige Flutwelle führten am 11. März 2011 in Japan zum Atomunfall von Fukushima. Zahlen und Fakten zur Dreifach-Katastrophe, die die drittgrößte Industrienation der Welt erschütterte.

Das Erdbeben mit der Stärke 9,0 war das bisher schwerste in der Geschichte Japans. Es löste auch einen Tsunami aus. Mehr als 260 Küstenstädte wurden zum großen Teil zerstört. Die Naturkatastrophe forderte rund 15.800 Tote und mehr als 3.700 Vermisste. Die Katastrophenregion um Fukushima ist auf Jahrzehnte oder noch länger unbewohnbar. Mehr als 100.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen, Tausende leben noch immer in Notunterkünften. Über 10.000 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser flossen in den Ozean. Es geriet 168 mal so viel Cäsium 137 in die Umwelt wie bei der Explosion der Hiroshima-Bombe. Im etwa 240 Kilometer entfernten Tokio wurde radioaktives Jod im Trinkwasser nachgewiesen. Die zivilen Schäden der Dreifach-Katastrophe belaufen sich insgesamt auf etwa 160 Milliarden Euro.
  Nach Angaben des Fukushima-Betreibers Tepco wird es noch bis zu 40 Jahren dauern, bis das Kraftwerk vollständig gesichert ist. Rund 20.000 Arbeiter halfen bisher, die Reaktoren unter Kontrolle zu bringen. Alle zwei Millionen Bewohner der Katastrophenprovinz Fukushima sollen langfristig Gesundheitschecks unterzogen werden.
Im Inneren

Ein Blick ins AKW Fukushima

Bei einer technischen Operation wurde das havarierte Kraftwerk für Fotografen zugänglich.

Es war ein Unterfangen von höchster Gefahr: In Fukushima sollten im November 1500 nukleare Brennstäbe aus dem Kühlbecken im desolaten Reaktor 4 geholt werden. Dabei war es gestattet, ein Blick ins Innere der Atomruine zu werfen. Das Gebäude war nach dem Erdbeben und Tsunami vor drei Jahren stark beschädigt worden; sollte ein neues Erdbeben eintreten, würde der Reaktor wohl einstürzen. Die Bergung der Brennstäbe soll noch bis Ende 2014 dauern. Dabei dürfen keine Fehler gemacht werden. Die rund 1500 Brennstäbe enthalten 14.000 Mal viel Radioaktivität wie die Hiroshima-Bombe. Ein Roboter-Kran soll bei der Arbeit helfen.
  Bei der Fukushima-Katastrophe wurden rund 150.000 Menschen ihrer Heimat beraubt. Inzwischen gab Japans Regierung zu, dass sie wohl nie mehr zurückkehren können. Seit der Katastrophe kommt es immer wieder zu gefährlichen Pannen, meist fließt radioaktives Wasser aus. Die Betreiberfirma Tepco hat sich als schlechter Krisenmanager erwiesen. Japan setzt setzt trotzdem weiter auf Atomenergie.
(KURIER/APA/dpa / la) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?