Chronik | Welt
02.04.2017

Die heimliche US-Präsidentin

"The Donald’s" Tochter ist seine Assistentin, das Weiße Haus fast ein Familienbetrieb.

Dass Donald Trump immer schon große Stücke auf diese Frau hielt, ist kein Geheimnis. Vor zehn Jahren sagte Amerikas neuer Präsident in einer Fernseh-Talkshow, Ivanka habe eine tolle Figur: "Wenn sie nicht meine Tochter wäre, würde ich vielleicht mir ihr ausgehen."

Die als anzüglich empfundene Bemerkung hat sich überlebt. Äußerlichkeiten sind nicht mehr das Entscheidende. Zehn Wochen nach Amtsantritt ist Trump bei historisch schlechten 35 Prozent in den Beliebtheitsumfragen angekommen. Er braucht den Kopf und die Ausstrahlung der 35-Jährigen, die aus erster Ehe mit dem tschechischen Model Ivana Zelnickova hervorging und seine wichtigste Vertraute ist.

Drei Kinder

Darum bekommt die Mutter von drei kleinen Kindern jetzt, was es seit Anna Roosevelt, der Tochter von Präsident Franklin Delano Roosevelt, so noch nie gab: einen festen Job im Weißen Haus. "Assistentin des Präsidenten". Ohne Gehalt zwar. Aber mit abhörsicherem Mobiltelefon und – um wirklich überall mitreden zu können – Zugang zu allen Regierungsgeheimnissen.

Weil Ivankas Ehemann Jared Kushner (36) bereits seit Monaten der vielleicht wichtigste Berater Trumps ist, wird die Präsidentschaft des ausgeprägt misstrauischen New Yorker Geschäftsmanns damit fast zum Familienbetrieb. Dabei hatte die erfolgreiche Unternehmerin eine Anbindung an die Regierung ausgeschlossen: "Ich werde nur Tochter sein."

Gestimmt hat immer schon eher das Gegenteil: Ivanka Trump, spekulieren US-Medien, sei so etwas wie Amerikas heimliche Präsidentin. Ob bei der Visite von Japans Premierminister Shinzo Abe oder den Besuchen von Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu, Kanadas Premier Justin Trudeau oder Bundeskanzlerin Angela Merkel – stets saß sehr zur Verwunderung der Gäste die Frau, "die so aussieht, als rieche sie nach Vanille" (Jugendmodezeitschrift Teen Vogue), mit den Mächtigen der Welt an einem Tisch und diskutierte wie selbstverständlich mit. First Lady Melania Trump weilt mit Sohn Barron (10) die meiste Zeit in New York.

Trumps Ausputzerin

Gehässige Medien haben die von Natur aus Nichtblonde darum bereits "proxy wife" getauft – Nebenfrau. Ivanka Trump zieht den Titel "erste Tochter" vor. In vielen Lebenslagen. Als Trump kurz nach Amtsantritt einem im Jemen gefallenen Elitesoldaten der Navy Seals die letzte Ehre erwies, kondolierte seine Lieblingstochter an seiner Seite. Nr. 2 (Tiffany) spielt politisch keine Rolle.

Ivanka und Gatte Jared sind die Fix-Sterne im Universum des Präsidenten. Beide haben die Wahlkampagne eng begleitet und nach dem Sieg im November maßgeblich am Kabinett mitgefeilt. Ivanka Trump ist in ihrem wohltemperierten Auftreten der Gegenentwurf zum impulsiven Vater. Oft spielte sie die Feuerwehr, wenn Brände zu löschen waren, die der Präsident mit sexistischen oder anti-semitisch interpretierbaren Äußerungen entfachte. Dann betont die Geschäftsfrau in perfekt manikürten Interviews die Großherzigkeit des Vaters, der Frauen "aufrichtig bewundert". Oder sie führte ihre jüdisch-orthodoxe Ehe als Gegenbeweis an. Ivanka, schrieb ein Leser der Washington Post, sei "eben doch Donalds bester Libero".

Dass die Ausputzerin offiziell in die Kern-Belegschaft des Weißen Hauses eintritt, dass von ihrer Hochglanz-Oberfläche möglichst viel auf den politisch strauchelnden Mann im Oval Office abstrahlen soll, macht die Puristen nervös. Seit 50 Jahren gebietet ein Anti-Vetternwirtschaft-Gesetz in Washington, dass kein öffentlicher Bediensteter einen Verwandten in einer Behörde einstellen darf, deren Vorgesetzter er ist. Trump ignoriert das. So tat er es bereits, als die Kaufhauskette Nordstrom eine Modelinie seiner Tochter mangels Nachfrage aus dem Sortiment nahm. "Unfair" werde die Frau behandelt, die "mich immer dazu drängt, das Richtige zu tun", twitterte Trump.

Ivanka Trump will den inquisitorischen Fragen nach Verquickung ihrer privatwirtschaftlichen Interessen mit den Obliegenheiten des Weißen Hauses durch Transparenz begegnen. Anders als der Vater will sie ihre finanziellen Verhältnisse offenlegen. Aus der Leitung ihres Unternehmens hat sie sich zurückgezogen, heißt es. Eine ehemalige Vize-Justizministerin der demokratischen Regierung Bill Clintons (Ivanka ist mit Tochter Chelsea befreundet) soll über die Trennschärfe wachen.

Bezahlter Mutterschutz

Nur dann kann sich die auf Privatschulen erzogene und an Elite-Universitäten ausgebildete Power-Frau, die das großstädtische Luxus-Leben in New York vorläufig gegen eine Villa im ereignisarmen Washingtoner Diplomaten-Viertel Kalorama aufgegeben hat, ihren Leib- und Magenthemen widmen, die der Vater zum Teil ins Regierungsprogramm aufgenommen hat: Bezahlter Mutterschutz, steuerliche Entlastung von Kinderbetreuung, bessere Ausbildung, Förderung von Frauen im Allgemeinen und Besonderen.

Dazu hat Ivanka Trump die Initiative #WomenWhoWork (Frauen, die arbeiten) ins Leben gerufen, eine Art Internet-Ratgeber. "Was kann eine mit Silberlöffeln geborene Frau Leuten beibringen, die an ihren Schreibtischen mit Plastikgabeln Salat essen?", ätzt das Magazin New Yorker.

Im Mai erscheint ihr neues Buch. Es soll junge Frauen inspirieren, Karriere und Familie gleichermaßen zu verfolgen. "Feminismus als Verkaufsstrategie", sagen Kritiker. Sie nehmen ihr, anders als der früheren Präsidentengattin Michelle Obama, das Engagement nicht ab. Ivanka Trump wird auch dazu Ende April in Deutschland Auskunft geben. Beim Frauenkongress "W20". Auf Einladung von Angela Merkel. Als Angestellte ihres Vaters.