Die große Weltverschwör­ung

NEWSEUM PRESIDENT JOHN F. KENNEDY
Foto: AP/Uncredited Nicht Lee Harvey Oswald soll John F. Kennedy 1963<br />
&nbsp;ermordet haben, sondern Agenten des Geheimdienstes CIA

"Bewohner der Ostküste", "die CIA" und andere wollen uns angeblich vernichten.

Auch mich erreichen immer wieder Verschwörungstheorien. Besonders viele kamen, als ich etwa über John F. Kennedy oder über Mayerling schrieb. Im Mordfall Kennedy meldeten sich "gut informierte Kreise", die wussten, dass der US-Präsident nicht vom Einzeltäter Lee Harvey Oswald erschossen wurde, sondern wahlweise "vom Geheimdienst CIA, im Auftrag seines Nachfolgers Lyndon B. Johnson oder Fidel Castros". Und zu Mayerling erklärten "Urenkel von Augenzeugen", dass nicht Kronprinz Rudolf der Täter war, sondern "Angehörige fremder Mächte", die den Thronfolger "aus politischen Gründen" getötet hätten.

Die Verschwörungstheoretiker glauben nicht, dass die Geschichte anders verlaufen sein  k ö n n t e  als von Historikern überliefert, sondern sie sind sich da sogar ganz s i c h e r. Die Ex-FP-Politikerin Susanne Winter, die sich eben noch über ein Posting freute, demzufolge "Geld-Juden und Zionisten" an allem schuld sind, hat die Verschwörungsfantasien nicht erfunden – die gab es schon im Mittelalter, als schuldlose Menschen als "Hexen" verbrannt und Juden als "Brunnenvergifter" für den Ausbruch tödlicher Seuchen verantwortlich gemacht wurden.

Mozarts "Mörder"

Je prominenter der Name, desto interessanter ist er für Verschwörungstheoretiker. Bücher wurden geschrieben und Filme gedreht, in denen behauptet wird, Mozart wäre 1791 von seinem Konkurrenten Salieri ermordet worden. Beweis dafür gibt es keinen.Einem Komplott fielen laut zahlreichen Verschwörungstheoretikern auch Kronprinz Rudolf und Mary Vetsera zum Opfer: Das Liebespaar sei mit einer Sektflasche erschlagen, mit Zyankali vergiftet, bei einem Jagdunfall erschossen worden. Mitschuld am Aufkommen solcher längst widerlegter Thesen waren freilich die k. u. k. Behörden, die seriöse Untersuchungen verhinderten und damit jeder Spekulation Tür und Tor öffneten.

Propagandalüge

Zu Hitlers wirren Verschwörungstheorien zählte, dass der Zweite Weltkrieg auf Machenschaften "des Judentums" zurückzuführen sei. Und Neonazis behaupten heute noch, dass es in NS-Konzentrationslagern keine Massenmorde gab, vielmehr seien die Bilder der Leichenberge "von Hollywood nachgestellt" worden. Auch diese dreiste Propagandalüge ist nichts anderes als eine Verschwörungstheorie.Einer kranken Fantasie entsprang weiters die Behauptung Stalins, sein Gegenspieler Trotzki wollte ihn töten lassen. Der Sowjet-Diktator ließ auch Ärzte hinrichten, von denen er meinte, dass sie ihn vergiften würden.

Dass Hitler und Stalin ihre Verbrechen durch Verschwörungstheorien zu rechtfertigen versuchten, ist naheliegend, da totalitäre Regime auf Fragen einfache Antworten suchen, ohne die Bevölkerung mit der Realität belasten zu müssen.Als ich im November 2013 eine KURIER-Serie zum 50. Todestag von John F. Kennedy schrieb, meldete sich nebst vielen anderen der deutsche Autor Mathias Bröckers zu Wort, der in seinem Buch "JFK – Staatsstreich in Amerika" behauptet, nicht Lee Harvey Oswald hätte auf den Präsidenten geschossen, sondern ein von der CIA gedungener Mörder. Meinen Einwand, dass am Tatort Lee Harvey Oswalds Gewehr gefunden wurde, ließ der Autor nicht gelten. Als Grund für das Attentat gab er an, John F. Kennedy hätte sich – gegen die Interessen der Militärs und der Waffenlobby – für den Weltfrieden eingesetzt. Und deshalb musste er am 22. November 1963 sterben.

Überdosis Schlafmittel

Marilyn Monroe Foto: AP Kennedy steht aber auch auf der anderen Seite der Verschwörungs-Skala, und zwar als Täter, hat er doch ein Jahr vor seinem Tod Marilyn Monroe "beseitigen" lassen, weil seine Affäre mit ihr eine Gefahr für sein Amt dargestellt hätte. Dass Amerikas Sexidol laut Autopsie durch eine Überdosis Schlafmittel gestorben ist, kann Verschwörungstheoretiker nicht überzeugen.

Beliebt ist auch die Behauptung, dass die Amerikaner 1969 nicht auf dem Mond gelandet und die Fotos und Filme von dort plumpe Fälschungen sind. Das Argument, dass es für solche Theorien keine Beweise gibt, dient Verschwörungstheoretikern als weiterer Beweis: Gerade der Mangel an Beweisen sei der beste Beweis dafür, wie arglistig die staatlichen Behörden wieder einmal vorgegangen sind.

Papst & Prinzessin Di

Oft wird behauptet, dass Papst Johannes Paul I. nach seinem nur 33-tägigem Pontifikat im Jahr 1978 nicht an den Folgen seiner nachgewiesenen Herzschwäche gestorben sei, sondern von der Mafia vergiftet wurde, weil er Unregelmäßigkeiten in der Vatikan-Bank aufdecken wollte. Allerdings hat mir Kardinal König in einem Interview erklärt, dass es "wohl ein Fehler des Konklaves war, das nach dem Tod des Papstes tagte, seinen Leichnam nicht obduzieren zu lassen. Erst dadurch konnten so viele Gerüchte, die alle haltlos sind, entstehen."Für den Unfall Prinzessin Dianas, den der alkoholisierte Fahrer Henry Paul verursacht hat, gibt es zahllose Erklärungen, deren "populärste" von Mohamed Al-Fayed, dem Vater ihres ebenfalls getöteten Liebhabers, stammt. Demnach sei das Paar am 31. August 1997 Opfer einer Verschwörung des britischen Königshauses geworden.

Die Queen als Mittäterin! Absurder geht’s nicht.

Das Internet führte zu einer immensen Steigerung von Verschwörungsfantasien. So gehen nicht wenige davon aus, dass das Attentat auf das World Trade Center am 11. September 2001 nicht von der Terrororganisation al-Qaida, sondern von der US-Regierung geplant wurde, um damit den Irak-Krieg rechtfertigen zu können. Neben staatlichen Machtapparaten stehen auch "die Bewohner der Ostküste", "Freimaurer", "der israelische Geheimdienst Mossad", "Bolschewiken", "das Judentum" oder gar eine "geheime Weltregierung" an vordersten Stellen der Übeltäter. Die uns letztlich alle beseitigen wollen.Selbst gerichtliche Erhebungen, wonach Jörg Haider am 11. Oktober 2008 in seinem Auto stark alkoholisiert mit 142 km/h gegen einen Betonpfeiler raste und dabei starb, wollen viele seiner Fans nicht hinnehmen.

Auch da müssen dunkle Mächte mitgespielt haben.

Tipp

Das neue Buch von Georg Markus

Soeben erschienen: Das neue Buch von Georg Markus "Apropos Gestern", in dem der Autor seine "Geschichten hinter der Geschichte" erzählt. Er erinnert sich an historische Themen aus der k. u. k. Zeit, an Begegnungen mit Habsburgern, Künstlern, Politikern, Stars und anderen Großen aus unseren und aus vergangenen Tagen.

Amalthea Verlag, 300 Seiten, zahlreiche Abbildungen, € 24,95. Erhältlich im Buchhandel oder – handsigniert vom Autor – im kurierclub.at

Buch, Cover, Buchcover "Apropos Gestern" von Georg… Foto: /Amalthea Verlag

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?