"Die Falle 9/11": Doku von Stefan Aust

Der ehemalige Spiegel-Chef gestaltete eine TV-Doku über die Terroranschläge von 9/11 und die Reaktionen des Westens. Zu sehen in "Die Falle 9/11" um 21.55 Uhr auf ARD.

Er war Spiegel-Chef, schrieb den Bestseller "Der Baader Meinhof Komplex". Nun gestaltete Stefan Aust für ARD (4. 9., 21.55) und Servus TV (8. 9., 20.15) eine Doku über die Folgen von 9/11.

KURIER: Warum heißt Ihr Film "Die Falle 9/11"?
Stefan Aust: Weil wir erzählen, wie der Westen nach 9/11 reagierte, und, dass er in weiten Teilen so reagierte, wie El Kaida sich das vorgestellt hat. Terroristen kalkulieren ja bei ihrer Tat die Reaktion darauf ein, ist meine Theorie. Wir beschäftigen uns also mit dem Irak-, und dem Afghanistankrieg, mit dem, was an den Rändern passiert ist, von Abu Ghraib bis Guantánamo. Und unsere These lautet: Man wollte die USA in einen langwierigen, blutigen Krieg verwickeln. Das ist in Afghanistan geglückt.

Was glaubt die El Kaida dadurch zu gewinnen?
Die El Kaida ist ein politisch-religiöses Wahnsystem, aber in sich logisch. Sie ist davon ausgegangen, dass sie ganz wesentlich daran beteiligt war, die Sowjetunion in Afghanistan zu ruinieren. Damals von den Amerikanern noch unterstützt. Die El Kaida hoffte also, dass die Amerikaner wie die Russen eine an Blut und Geld geschwächte Nation werden. Das ist tatsächlich passiert.

Wo liegen Ihre Sympathien?
Ich bin ein Kind des Westens. Mir tut es besonders weh, wenn die Amerikaner sich in eine Falle begeben, sei's eine militärische, sei's eine moralische. In einem solch asymmetrischen Krieg landet man schnell bei "enhanced interrogations", zu Deutsch: Folter. Dafür gibt es sogar schriftliche Richtlinien, die wir im Film zeigen: Wann ist Entblößen das Mittel der Wahl, wann Erschrecken mit Hunden, wann sexuelle Erniedrigung? Das ist Terrorismusbekämpfung mit terroristischen Mitteln. Und wenn dann Bilder rauskommen wie die aus Abu Ghraib - wie "peinlich"!

Sie zeigen die Abu-Ghraib-Bilder ungepixelt, zeigen Handy-Videos von US-Soldaten von Gräueltaten. Wo war Ihre Schmerzgrenze?
Meine Schmerzgrenze ist ziemlich ausgeprägt. Ich habe mich schon bei "Bambi" gegruselt, das heißt: Ich habe ein klares Gefühl dafür, wann ich abschalten würde. Aus diesem Grunde haben wir die schlimmen Szenen sehr kurz geschnitten. Bevor man die Augen schließen kann, ist es schon vorbei. Ich finde, es ist notwendig, diese Bilder zu zeigen, aber an der Art und Weise merken Sie, dass wir es nicht aus Bildgeilheit oder Effekthascherei tun.

Wäre ein westliches Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit Schwäche?
Nein, im Gegenteil. Das Beharren auf den eigenen moralischen, rechtsstaatlichen Prinzipien stärkt den Westen. Die Amerikaner hätten Aufklärung statt Willkür verbreiten müssen.

Die erstaunlichste Erkenntnis bei den Interviews?
Die Genauigkeit, mit der der frühere Koordinator für Nationale Sicherheit Richard Clarke erzählte, was sich im Weißen Haus abspielte, als man den Einmarsch im Irak beschloss. Von der Analyse her fand ich Bruce Riedel interessant. Er berät Obama bei seiner Afghanistan-Strategie.

Und ehrlich gesagt, auch wenn ich nicht in jeglicher Hinsicht mit ihm einer Meinung bin, ist natürlich Bushs Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ein faszinierender Gesprächspartner. Er verkörpert in Reinkultur die Strategie von Bush. Er ist von keinem Zweifel angekränkelt, nicht das Richtige getan zu haben.

Wie kamen Sie an die Interviewpartner?
Es war nicht einfach. Die BBC ist ja an Richard Clarke gescheitert. Ich hab' ihn, weil er und ich im gleichen deutschen Verlag publizieren. Rumsfeld habe ich einen Brief geschrieben. Wir kannten einander von einem Treffen im Baltikum. Michael Hayden, den ehemaligen Direktor der CIA, hat mir ein Bekannter vermittelt.

An wem scheiterten Sie?
Das sage ich nicht. Aber die Liste wäre nicht lang. Ein Teil der Kunst, so eine Doku zu gestalten, besteht ja auch darin, sich zu überlegen, was und wen man im Sinne der Übersichtlichkeit weglässt.

Wie beurteilen Sie Obama?
Im Endeffekt hat er die Politik nicht wesentlich geändert. Das gezielte Töten, "targeted killing", hat sich sogar außerordentlich verstärkt. Was Obama noch trifft, und was man hätte erzählen können, wenn die Doku eine halbe Stunde länger gewesen wäre, ist die finanzielle Misere, in der er wegen der beiden Kriege steckt. Dagegen lässt ihn vor seinen Landsleuten nicht einmal das Erwischen von Bin Laden als "Held" dastehen.

Gibt es so etwas wie eine Moral von Ihrer Doku?
Wenn du auf Rache aus bist, musst du zwei Gräber graben. Meine Empfehlung wäre, die Bodentruppen rasch aus Afghanistan rauszunehmen. Ein Bekannter von mir nennt diese Strategie: Declare victory and get out!

Die wichtigsten TV-Termine zum Thema

Zum zehnten Jahrestag der Terroranschläge auf das World Trade Center überbieten sich die TV-Sender mit Dokus. Eine Auswahl:

Sonntag "Die Falle 9/11 - Ein Tag, der die Welt veränderte" (21.55, ARD , siehe oben). "Spiegel TV Spezial: Osama bin Laden - Die Chronik des Terrors" (22.40, Puls 4 ). "9/11 Mysteries - Die Zerstörung des World Trade Centers" (22.50, ORF 2 ). Themennacht "Zum 11. September" im ZDF mit "Das Drama von New York" (23.25).

Montag "Spiegel TV Österreich: 9/11 - 10 Jahre danach" (20.15, Puls 4 ). "Der 11. September! Wie ein Tag unser Leben veränderte" (22.15, RTL ), Peter Kloeppel geht Schicksalen von damals nach. "Kulturmontag" (22.30, ORF 2 ), live vom Ground Zero über die Baufortschritte des Freedom Tower von Daniel Libeskind.

Dienstag ARTE -Abend "Unter Terrorverdacht", u. a. mit "Freiheit oder Sicherheit - Der Antiterrorkampf und seine Folgen" (20.15). "kreuz und quer: Warum Gotteskrieger töten" (22.30, ORF 2 ).

Mittwoch "9/11 - Der Tag, der die Welt veränderte" (20.15, ORFeins ) mit Interviews mit George W. Bush und Tony Blair. "Terra Mater: Der Schutzengel-faktor" (20.15, ServusTV ) über einen Überlebenden des World Trade Center. "Weltjournal: Der elfte September und seine Folgen" (22.30, ORF 2 ) .

Donnerstag Thementag auf ServusTV : "Die Falle 9/11" (20.15, siehe oben); "Talk im Hangar-7" (21.50) mit Stefan Aust, Terrorexperte Friedrich Steinhäusler, Friedensforscher Daniele Ganser.

Sonntag 9/11 "ZiB-Sondersendung 9/11 - 10 Jahre danach" (14.20, ORF 2 ) mit Liveschaltung nach New York zur Gedenkfeier. Thementag "Schwarze Tage" auf 3sat , mit "Dienstag, 11. 9. 2001 - ORF -Livemitschnitt" (15.45).
Mehr 9/11 siehe Seiten 8 und 9

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011