Beliebtes Ziel für Austauschstudenten: Frankreich (im Bild die Sorbonne, Paris)

© REUTERS/BENOIT TESSIER

30 Jahre Erasmus
01/27/2017

"Die beste Zeit meines Studiums"

EU-Programm Erasmus. Ehemalige Austauschstudenten berichten über ihre Zeit im Ausland.

von Irene Thierjung, Margaretha Kopeinig

Eine Erfolgsgeschichte – so nennt die EU ihr Studenten-Austauschprogramm Erasmus. Als Erfolgsgeschichte betrachten es auch die meisten der neun Millionen Europäer, die in den vergangenen 30 Jahren drei Monate bis ein Jahr in einem anderen EU-Land verbracht haben.

Was blieb von der Zeit im Ausland am stärksten in Erinnerung? Bei den meisten Erasmus-Teilnehmern eindeutig die dabei entstandenen Freundschaften zu Menschen aus ganz Europa. Elf Jahre ist es etwa mittlerweile her, dass die 33-jährige Wiener Lehrerin Christina Haller drei Monate an der Universität Stavanger in Norwegen studierte. Seither besuchten sie vier Mal Freundinnen von damals in Wien – aus Tschechien, Belgien und Irland.

"Urlaub mit Uni"

In guter Erinnerung blieben Christina auch die Ausflüge in Norwegen: "Wir haben versucht, mit wenig Mitteln so viel vom Land zu sehen wie möglich", sagt sie dem KURIER. Viel unterwegs war auch Sophie Geiblinger. Die 25-jährige Lektorin studierte im Sommersemester 2014 an der Universität der slowenischen Hauptstadt Ljubljana, nachdem sie sich während eines Besuches bei einem Freund in die malerische Stadt verliebt hatte. Als "Urlaub mit Uni zwischendurch" beschreibt Sophie heute ihre Zeit in Ljubljana. "Meine Freunde und ich haben uns Autos ausgeborgt, waren viel wandern", erzählt die junge Frau. Auch für sie stehen im Rückblick die Freundschaften im Mittelpunkt. "Ich kenne jetzt Leute in ganz Europa."

"Ein Jahr im Ausland zu leben, ist eine Bereicherung", befindet der 33-jährige Architekt Björn Haunschmid. Er verbrachte ab 2008 ein Jahr mit seiner Freundin in der spanischen Hauptstadt Madrid. "Man lernt das Leben in einem anderen Land kennen und sieht, wie gut es in Österreich funktioniert – aber auch, was nicht funktioniert."

Und was hat Erasmus für die persönliche Entwicklung bedeutet? "Die Zeit im Ausland hat mich selbstständiger, selbstbewusster und offener gemacht. Man ist auf sich alleine gestellt", sagt die 29-jährige Sandra Lumetsberger aus Wien. Die heutige KURIER-Redakteurin lernte 2010 ein halbes Jahr in Karlstad das schwedische Hochschulsystem kennen und nutzte die Zeit wie Christina und Sophie für viele Ausflüge: "Die beste Zeit meines Studiums."

Mehr Selbstständigkeit und Organisationstalent – das bestätigt auch Evelyn Wastl, die 2012 fünf Monate im tschechischen Prag verbrachte. "Und man lernt einen offenen Umgang mit anderen, über seinen Schatten zu springen und andere Kulturen zu respektieren", sagt die 28-jährige Absolventin der Biotechnologie aus Graz, die derzeit in der Forschung arbeitet. Ihr Zimmer im Studentenheim teilte sie mit einer Türkin, eine der Freundschaften, die noch immer bestehen, ist die zu einem jungen Mann aus dem Jemen. "Es war eine fantastische Erfahrung."

Fachliche Bereicherung

Auch fachlich habe der Aufenthalt viel gebracht – das trifft auch auf Lehrerin Christina zu: "Die Zeit in Norwegen hat mein Englisch massiv verbessert, vor allem das Alltagsenglisch." Und davon profitieren heute auch ihre Schülerinnen und Schüler.

(von Irene Thierjung)

Erasmus+ ist das erfolgreichste Projekt der EU

Es ist beliebt, bekannt und äußerst angesehen – das Studentenaustausch-Programm der EU. Gestern, Donnerstag, hat die EU-Kommission das 30-jährige Erasmus-Jubiläum ganz stolz gefeiert.
Was 1987 unter elf Mitgliedsländern begann, umfasst heute 33 Staaten, auch die Türkei, und ist global angelegt. Studierende, Wissenschafter, Lehrlinge und Sportler können EU-finanzierte Praktika, Aus- und Fortbildungskurse sowie Forschungsarbeiten außerhalb der EU absolvieren.
Nicht mehr von Erasmus, sondern von Erasmus+ ist seit 2014 die Rede, weil bisherige EU-Programme für lebenslanges Lernen, Jugend und Sport sowie Kooperationsprojekte im Universitätsbereich zusammengeführt und erweitert worden sind.

Karriere

Der Vizepräsident der EU-Kommission, Jyrki Katainen, selbst ein ehemaliger Erasmus-Student an der britischen Uni Leicester, verkündete begeistert: „Das Austauschprogramm gehört zu den erfolgreichsten Projekten der EU. Ich konnte mein Potenzial dadurch besser ausschöpfen, Erasmus hat meinen Horizont erweitert und mein Selbstbewusstsein gestärkt“, betonte der 45-jährige Finne.


In drei Jahrzehnten konnten neun Millionen Studenten von Erasmus profitieren. Die Zahl der Teilnehmer steigt kontinuierlich. 678.000 Menschen nutzten 2015 die Möglichkeit, im Ausland zu studieren, eine Aus- oder Weiterbildung zu machen oder Arbeitserfahrungen in Unternehmen zu sammeln.
Frankreich, Deutschland und Spanien entsendeten die meisten Teilnehmer, während ebenfalls Spanien und Deutschland sowie das Vereinigte Königreich die meisten Austausch-Kräfte empfingen.


Finanziert werden im Rahmen von Erasmus+ auch Maßnahmen zur Bekämpfung von Radikalisierung. „Bildungsangebote und Jugendprojekte haben eine Schlüsselfunktion bei der Förderung von sozialer Integration und der Verbesserung des interkulturellen Verständnisses“, sagt Katainen.
Im Schnitt bekommt ein Erasmus-Student ein monatliches Stipendium von 281 Euro, für sozial schwächere Studenten gibt es zusätzliche Förderung bis zu 200 Euro im Monat.
Seit 1992 gehört auch Österreich dem Erasmus-Programm an. Bis Ende 2017 – so die Schätzung – kommen 243.400 Studenten, Lehrlinge und Auszubildende in den Genuss des Austauschprogrammes. Bevorzugte Zielländer für Österreicher sind Deutschland, Spanien und Italien. Bei ausländischen Erasmus-Studenten sind die Universität Wien, die Technische Universität und an dritter Stelle die Wirtschaftsuniversität Wien die begehrtesten Stätten. „Erasmus ist die beste Medizin gegen Ignoranz“, fasst der ehemalige Linzer Universitätsprofessor und Vizechef der Sozialdemokraten im EU-Parlament, Josef Weidenholzer, seine Erfahrungen zusammen.

(von Margaretha Kopeinig, Brüssel)

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