Chronik | Welt
29.12.2017

"Bei uns hieß er der Schindler-Schwindler"

Oskar Schindler. Ein Nachbar und Zeitzeuge über die andere Seite des berühmten Judenretters.

Dieter Hensel kann sich noch gut an den großen eleganten Mann erinnern, der regelmäßig vor der Haustür stand. "In Begleitung von ein oder zwei jungen Damen" sei Oskar Schindler erschienen, um sich den Schlüssel der leer stehenden Wohnung einen Stock über den Hensels abzuholen. Dass dort oben "das Liebesnest" des zur Legende gewordenen Unternehmers war, das erfuhr der gerade einmal fünfjährige Bub erst viel später von seiner Mutter Augustine.

Es war Anfang 1945, und im mährischen Ort Brünnlitz (heute Brnenec) war der Fabrikant Oskar Schindler in die ehemaligen Werkshallen der Textilfabrik Löw-Beer eingezogen, um dort Kochtöpfe, vor allem aber Munition für das bereits in seinen letzten Zügen liegende "Dritte Reich" zu produzieren. 1200 Juden hatte er aus Krakau hierher bringen lassen: Um sie für sich arbeiten zu lassen und um so ihr Leben vor der Vernichtung in der Todesmaschinerie der Nazis zu retten.

Trinkfest

Diese Tat hat Schindler zu einem historischen Helden gemacht, weltweit berühmt geworden durch Steven Spielbergs Kinofilm "Schindlers Liste". Der Oskar Schindler, den Dieter Hensel als Kind kennenlernte und von dem ihm seine Mutter so viel erzählt hat, hatte wenig Heldenhaftes an sich. "Schindler-Schwindler hat man ihn in Brünnlitz genannt", erzählt Hensel: "Er galt als Spitzbub."

Über diesen Spitzbuben kursierten damals in dem kleinen mährischen Dorf viele halbseidene Frauengeschichten, aber ebenso viele abenteuerliche Anekdoten. Wie er beim Trinken die SS-Mannschaften des naheliegenden Konzentrationslagers Groß-Rosen davon überzeugte, dass er jeden einzelnen seiner jüdischen Mitarbeiter brauche. Glatt unter den Tisch gesoffen soll er sie haben, bis sie ihre Pläne, auch diese Menschen in die Vernichtungslager zu deportieren, fallen ließen.

Wie viel Idealismus hinter Schindlers Handlungen stand, das kann und will Dieter Hensel heute nicht beurteilen. Was er weiß, ist, dass das Lager für die Arbeiter auf der Wiese genau gegenüber von seinem Elternhaus lag, "und dass die Menschen dort schlicht wie Gefangene behandelt wurden, und keineswegs besser".

Schürzenjäger

Ganz anders hören sich die Erinnerungen zumindest einiger von Schindler geretteter Juden an. "Er war Vater, Mutter und Gott in einer Person", erzählte später eine der Frauen, die Schindler persönlich von der Rampe in Auschwitz nach Brünnlitz holte. "Wir haben es ausschließlich deinen Bemühungen zu verdanken, dass wir den Augenblick der Beendigung des Krieges erleben durften", heißt es in einem Begleitschreiben, das die geretteten Juden Schindler und seiner Frau Emilie geben, als die 1945 selbst fliehen mussten.

Emilie hatte während der Kriegstage kein leichtes Leben. Jeder im Dorf, erzählt der ehemalige Nachbar Hensel, habe gewusst, "dass er sie und die gemeinsame Tochter links liegen gelassen hat". Warum Schindler mit seiner Damenbegleitung täglich vor der Wohnung der Hensels stand, hatte praktische Gründe. Mutter Augustine war Chefsekretärin in der Textilfabrik gewesen. Darum hatte sie nicht nur Wohnrecht in der zum Unternehmen gehörenden Villa, sondern verwaltete auch die leere Wohnung einen Stock darüber.

Woher die wechselnden jungen Damen waren, die Schindler dort hinauf begleiteten, darüber hat Hensel keine verlässlichen Informationen. Dass er sie aus seinen Arbeiterinnen auswählte, das waren und blieben Gerüchte, die allerdings überall im Dorf kursierten. Dass Schindler ein Schürzenjäger war, das galt unter den Einheimischen dagegen als Tatsache.

Ein Jahr nach Kriegsende endete auch für die Hensels ihre Zeit in Brünnlitz. Als Deutsche wurden sie gewaltsam aus der Tschechoslowakei ausgewiesen.

Heute lebt Dieter Hensel in der Nähe von Stuttgart. Gute Erinnerungen aus diesen chaotischen Nachkriegstagen hat er erstaunlicherweise an die russischen Soldaten. Die hätten sich tschechischen Uniformierten, die das Haus der Familie stürmen wollten, mit der Waffe in den Weg gestellt und für Ordnung gesorgt. Keine gute Erinnerung hatte zumindest Mutter Augustine an Oskar Schindler mitgenommen. Als sie Jahrzehnte später die Mitarbeiter von Regisseur Spielberg anriefen, um ihre Erinnerungen an den Judenretter zu hören, verweigerte die alte Dame die Zusammenarbeit: "Sie wollte nicht all diese üblen Geschichten erzählen."