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Deutschland
02/23/2015

Heftige Debatte um Masern-Impfpflicht

In Berlin ist ein Kleinkind an Masern gestorben. Eine Schule wurde geschlossen.

von Susanne Bobek

Die Masern-Epidemie hat neue, schreckliche Ausmaße erreicht: In Berlin ist ein eineinhalbjähriger Bub an der schweren Infektionskrankheit gestorben. Der schwerwiegende Krankheitsverlauf eines Mädchens führte dazu, dass am Montag 1025 Schüler einer Oberschule in Lichtenrade frei hatten. Mitschüler und Lehrer der Jugendlichen müssen nun Impfbücher vorlegen.

"Es gibt viele Impfgegner, die Masern als Kinderkrankheit abtun", kritisierte der Berliner Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU). Koalitionspolitiker in Berlin erwägen die Einführung einer gesetzlichen Impfpflicht. "Wenn wir es nicht schaffen, mit verstärkter Aufklärung und Beratung die Impfraten bald zu steigern, sollten wir über eine Impfpflicht in Kindergärten und Schulen nachdenken", sagte der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn. Oppositionspolitiker der Grünen und Linken lehnen diesen Vorschlag vehement ab. "Zwänge verschärfen oftmals eine Ablehnung", sagte Anton Hofreiter, der Co-Fraktionschef der Grünen im Bundestag.

Die Diskussion, ob man das Allgemeinwohl über das Individualwohl der Impfgegner stellt, wird in Österreich so noch nicht diskutiert und wäre politisch nicht durchsetzbar, sagt der Grazer Kinderarzt Univ-Prof. Reinhold Kerbl. Impfschäden wären aber extrem selten. Sie liegen nach Angaben des deutschen Paul-Ehrlich-Instituts im Promillebereich. "Todesfälle durch die Masernimpfung sind nicht bekannt", sagt Kerbl. "Es ist ein vollkommener Blödsinn zu sagen, dass Kinder die Masern durchmachen sollen und damit ihr Immunsystem stärken. Das ist durch nichts belegbar."

Seit den 1970er-Jahren sinkt die Masernimpfrate beständig. Jens Spahn nennt Impfverweigerer egoistisch, weil sie sich darauf verließen, dass andere zur Impfung gingen und dann schon nichts passiere.

Deutsche Kinderärzte können sich vorstellen, dass Kinder bei der Einschreibung in eine überwiegend staatliche finanzierte Kita (Kindertagesstätte) oder Schule einen Impfnachweis vorlegen müssen. Wer in Australien sein Kind nicht impfen lässt, bekommt keinen Kita-Platz.

„Anti-Vaxxers“ und Republikaner

„Das Telefon klingelt fast rund um die Uhr“, sagt Dr. Anita Chandra-Puri. Seit Tagen rufen Eltern bei der Kinderärztin in Chicago an und wollen „alles über Masern wissen“: Ob sie ihre Kinder schnell impfen lassen könnten, welche Nebenwirkungen es gäbe. In den USA gehen die Masern um. Allein für Jänner meldete die US-Seuchenschutzbehörde CDC 102 Erkrankungen in 14 Bundesstaaten. Dabei hatten die Vereinigten Staaten die Infektionskrankheit im Jahr 2000 für ausgelöscht erklärt.Im Vorjahr kehrte sie zurück.

„Es gibt allen Grund, sich impfen zu lassen – es gibt keinen Grund, es nicht zu tun. Masern sind vermeidbar“, appellierte Präsident Barack Obama an seine Landsleute. Dafür wurde er von Republikanern scharf kritisiert. Laut CDC entfallen 79 Prozent der Ansteckungen auf Amerikaner, die ganz bewusst auf einen Impfschutz verzichtet haben. Impfpflicht gibt es in den USA keine, in vielen öffentlichen Schulen allerdings dürfen Kinder ohne Impf-Nachweis den Unterricht nicht besuchen. 20 Bundesstaaten jedoch erlauben eine Ausnahme. Wie etwa Kalifornien, wo viele der „Anti-Vaxxers“ leben: Sie wollen ihre Kinder nicht mit Chemie vollpumpen. Viele halten zudem an einem Aberglauben fest, dass die Impfung Autismus auslösen könne, was nachweislich nicht stimmt.

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