Chronik | Welt
22.11.2017

Deutschland: Geständnis nach Mord an Joggerin

Der Angeklagte soll auch für den Mord an einer französischen Austausch-Studentin verantwortlich sein.

Erschlagen habe er sein Opfer, an eine Vergewaltigung könne er sich aber nicht erinnern: Zum Auftakt des Prozesses um den Mord an einer Joggerin in Endingen am Kaiserstuhl hat der Lastwagenfahrer Catalin C. am Mittwoch vor dem Landgericht Freiburg ein Geständnis abgelegt. Der Mann soll auch für den Tod einer französischen Studentin in Tirol verantwortlich sein.

Der Angeklagte gab am Mittwoch bei dem Prozess in Deutschland an, dass er "keine Erklärung" für seine Tat habe und "fassungslos" sei, verlas sein Anwalt aus einer Erklärung des Angeklagten. Entscheidende Details der Tat fehlten im Geständnis jedoch.

Die Joggerin sei ein Zufallsopfer gewesen, erklärte Anwalt Klaus Malek. Am Morgen der Tat habe der 40-jährige C. sich "depressiv" gefühlt und bei einem Spaziergang im Wald eine Flasche Obstbrand getrunken. Als plötzlich eine Frau vor ihm gestanden habe, sei er wütend geworden und habe mit der Flasche zugeschlagen. C. habe daraufhin geglaubt, die Frau sei bereits tot. Was danach passiert sei, wisse er nicht mehr. Er habe keine sexuellen Motive gehabt. Er wisse, dass er Verantwortung trage - und es tue ihm leid.

Leiche erst nach groß angelegter Suche gefunden

Damit ging der Rumäne nicht auf den Vorwurf der Vergewaltigung ein. Staatsanwalt Tomas Orschitt hatte zuvor die Sicht der Anklage geschildert: C. habe die 27-Jährige Joggerin Carolin G. Anfang November vergangenen Jahres in einem kleinen Wald nahe Endingen überfallen und gewürgt, bis sie das Bewusstsein verlor. Er habe sie eine Böschung hinuntergezogen und in einem nicht einsehbaren Bereich mit der Faust vergewaltigt und ihr schwere Verletzungen im Beckenbereich zugefügt.

Anschließend habe er sein Opfer die Böschung weiter hinunter geschleift, der Frau mit einer runden Metallstange den Schädel zertrümmert und sie so ermordet. Danach habe er einen Schuh und das Mobiltelefon mitgenommen, den Schuh später im Wald versteckt und das Handy zerstört.

Die Leiche der Frau wurde erst vier Tage später bei einer groß angelegten Suche gefunden. Anschließend folgte eine Sonderkommission der Polizei mehr als 4.000 Spuren, bis sie einen Tatverdächtigen hatte. C. wurde Anfang Juni auf dem Speditionsgelände seines Arbeitgebers festgenommen. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Dort kam es wenige Tage nach der Verhaftung zu Übergriffen von anderen Gefangenen. Sie brachen ihm die Nase und schlugen ihm einige Zähne aus.

Kaum emotionale Regungen

Der psychiatrische Gutachter Peter Winkler gab an, der Angeklagte habe bei ihren Gesprächen über die Tat kaum emotionale Regungen gezeigt - anders, wenn er von seiner Frau und den drei Kindern gesprochen habe. Er habe "keine schöne" Kindheit erlebt und seit seinem Umzug nach Deutschland 2015 häufiger Alkohol als Mittel gegen die Einsamkeit getrunken. C. habe dem Gutachter gesagt, dass er fast ein Jahr komplett in seinem Lastwagen gelebt habe. Zeugenberichte über eheliche Probleme habe er abgestritten.

Der Beschuldigte habe versucht, seine Tat zu verdrängen. Das sei ihm nur teilweise gelungen, manchmal komme ihm dennoch das Grauen - auch wegen des ihm vorgeworfenen Mords an einer Austauschstudentin in Kufstein, die er Anfang 2014 ebenfalls vergewaltigt haben soll. Erst über diesen Fall kam die Polizei C. auf die Spur. Zu der Tat in Österreich wollte sich C. nicht weiter äußern.

Im Freiburger Prozess sollte am Nachmittag noch der Kriminalpolizist vernommen werden, der den Abschlussbericht schrieb. Bis Weihnachten sind sieben weitere Verhandlungstage angesetzt.

"Besonders interessant"

Die Innsbrucker Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass nach Ende des Prozesses in Deutschland Mordanklage gegen den Beschuldigten erhoben wird. Man warte noch die Übermittlung der Prozessprotokolle aus Freiburg ab, sagte Staatsanwaltschaftssprecher Hansjörg Mayr der APA. Nach Prozessende werde der Tatverdächtige auch nach Österreich ausgeliefert. Mayr bezeichnete das Geständnis des Beschuldigten in Deutschland für den Tiroler Fall als "besonders interessant".

Die Leiche der Französin Lucile K., die aus der Gegend von Lyon stammte und im Rahmen eines Auslandssemesters in Kufstein studiert hatte, war am 12. Jänner 2014 von Polizisten am Ufer des Inns entdeckt worden. Freunde und Studienkollegen hatten die junge Frau als vermisst gemeldet. Todesursache waren laut Obduktion heftige Schläge auf den Kopf. Taucher fanden schließlich die Tatwaffe im Inn.

Vom Mord bis zum Geständnis

12. Jänner 2014: Polizisten finden am Innufer in Kufstein die Leiche der französische Studentin, die aus der Gegend von Lyon stammt und seit vier Monaten im Rahmen eines Austauschprogrammes in Kufstein weilt. Die junge Frau ist zuvor von Studienkollegen als vermisst gemeldet worden.

13. Jänner 2014: Für die Ermittler stellt sich schnell heraus, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handelt. LKA-Chef Walter Pupp spricht am Tag danach von "stumpfer Gewalt", die zum Tod der 20-Jährigen geführt hat. Hinweise auf den oder die Täter bzw. auf die Tatwaffe gibt es vorerst keine. Auch die Sachen der jungen Frau - Tasche und Handy - bleiben vorerst verschwunden. Deshalb schließen die Ermittler auch einen Raubmord als Motiv nicht aus.

27. Jänner 2014: Bei einem Tauchgang im Inn finden Polizeitaucher die Tatwaffe. Dabei handelt es sich um ein 58 Zentimeter langes Rohr mit einem 2,3 Zentimeter großen Durchmesser. Die 1,7 Kilogramm schwere Eisenstange kommt laut Ermittlern bei der Bedienung von hydraulischen Hebesystemen, aber auch bei Lastkraftwagen zum Einsatz, um die Fahrerkabine anzuheben.

24. Juni 2015: Der Fall wird in der ZDF-Fernsehsendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" ausgestrahlt. In den folgenden Tagen gehen etliche Hinweise ein. Laut Ermittlern befindet sich aber nichts Brauchbares darunter.

26. Jänner 2017: Ein Verbrechen in Deutschland gibt dem Fall eine neue Wende: Am Tatort einer Anfang November in Endingen bei Freiburg getöteten 27-jährigen Joggerin stellen die Ermittler DNA-Fragmente sicher, die mit den Spuren im Fall Lucile übereinstimmen. Die Ermittler sprechen beim deutschen Opfer von schwerem sexuellen Missbrauch. Die Tiroler Ermittler ziehen daher nun auch sexuellen Missbrauch als Tatmotiv in Betracht. Zudem sprechen sie von einem Durchbruch bei den Ermittlungen.

5. April 2017: Die deutschen Kriminalisten veröffentlichen ein Phantombild. In der Folge gehen zahlreiche Hinweise ein, auch bei den hiesigen Stellen. Vorerst scheint aber keine heiße Spur darunter zu sein.

2. Juni 2017: Die deutschen Ermittler vermelden die Festnahme eines Verdächtigen. Ersten Informationen zufolge soll es sich um einen Fernfahrer handeln, der im Raum Freiburg arbeitet.

10. Oktober 2017: Die Staatsanwaltschaft in Deutschland gibt bekannt, Mordanklage gegen den 40-jährigen Rumänen im Fall Endingen erhoben zu haben.

22. November 2017: Beim Prozessauftakt in Freiburg legt der Beschuldigte ein Geständnis ab. "Ich weiß, dass das, was ich getan habe, nicht zu verzeihen ist. In mir war Aggression, aber kein sexuelles Verlangen", sagt er vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck erklärt indes, nach Prozessende in Deutschland Mordanklage im Fall Lucile erheben zu wollen. Zunächst soll noch die Übermittlung der Prozessprotokolle aus Freiburg abgewartet werden.