Chronik | Welt
18.03.2016

Deutscher Ex-Außenminister Westerwelle tot

Der FDP-Politiker litt an Leukämie. Guido Westerwelle wurde 54 Jahre alt.

Deutschlands früherer Außenminister Guido Westerwelle ist am Freitag in der Kölner Uniklinik gestorben. Dies teilte die Westerwelle Foundation in Berlin mit. Der FDP-Politiker wurde 54 Jahre alt. Westerwelle gehörte seit den 80er-Jahren zu den prägenden Figuren der bundesdeutschen Politik. Nach vielen Jahren in der Opposition war er zwischen 2009 und 2013 deutscher Außenminister. In den ersten beiden Jahren der schwarz-gelben Koalition, bis zu seinem Rücktritt vom Amt des FDP-Chefs, war er auch Vizekanzler.

Im Juni 2014 war bei Westerwelle eine akute Leukämie festgestellt worden. Dabei handelt es sich um eine besonders gefährliche Form des Blutkrebses. Nach mehreren Chemotherapien und einer Stammzelltransplantation war Westerwelle im November wieder öffentlich aufgetreten und hatte sein Buch "Zwischen zwei Leben" vorgestellt. Im Dezember musste er sich allerdings erneut ins Krankenhaus begeben, was offiziell mit einer "Medikamentenumstellung" begründet wurde. Seither war er kaum noch in der Öffentlichkeit aufgetaucht.

Zehn Jahre FDP-Chef

Westerwelle, 1961 in Bad Honnef bei Bonn geboren, führte bis zum Jahr 2011 zehn Jahre lang die FDP. Von 2009 bis zur Wahlniederlage der FDP 2013 war er Außenminister der schwarz-gelben deutschen Bundesregierung, zunächst auch als Vizekanzler. Von 2006 bis 2009 war er außerdem Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion. Zudem gründete er die "Westerwelle Foundation", mit dem Ziel, Demokratie durch die Förderung wirtschaftlicher Entwicklung zu stärken. Während seiner Erkrankung stand immer sein Lebenspartner Michael Mronz an seiner Seite.

Gauck ehrt Westerwelle als leidenschaftlichen Demokraten und Europäer

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hat den verstorbenen früheren FDP-Chef und Außenminister Guido Westerwelle als "leidenschaftlichen politischen Menschen" geehrt, der sich um Deutschland verdient gemacht habe. "Er wird uns als ein leidenschaftlicher Demokrat und Europäer in Erinnerung bleiben", sagte Gauck am Freitag in Berlin. "Guido Westerwelle hat sich um unser Land verdient gemacht."

Westerwelle sei seinen Aufgaben, "ob in seiner Partei, im Ministeramt oder zuletzt in der von ihm gegründeten Stiftung, immer mit großem persönlichem Einsatz angegangen", fügte Gauck hinzu. Als FDP-Vorsitzender habe er seine Partei zu großen Erfolgen geführt und als deutscher Außenminister sei Westerwelle die Vertiefung der europäischen Integration, insbesondere während der Euro-Krise, ein großes Anliegen gewesen.

Amtsnachfolger Steinmeier: "Ein Vollblutpolitiker"

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat seinen verstorbenen Amtsvorgänger Guido Westerwelle als Gesicht eines weltoffenen und liberalen Deutschlands gewürdigt.

"Wir haben heute einen Menschen verloren, der unser Land eine ganze Generation lang als Parteivorsitzender der FDP, als Oppositionsführer und dann als Außenminister geprägt hat", sagte der SPD-Politiker am Freitag in Berlin. "Guido Westerwelle war Vollblutpolitiker. Jemand, der sich nie wegduckt und auch in schwierigen Zeiten seine Überzeugungen aufrecht vertreten hat."

Steinmeier verwies darauf, dass er mit Westerwelle "nicht immer einer Meinung" gewesen sei. "Aber wir konnten uns immer aufeinander verlassen. Ein einmal gegebenes Wort, eine Zusage galt, auch wenn dann in der politischen Auseinandersetzung die Fetzen flogen."

Zugleich betonte er: "Guido Westerwelle steht für ein weltoffenes, liberales Deutschland, das in der internationalen Gemeinschaft fest verankert ist. In seinem Bemühen um ein friedliches und ziviles Deutschland und Europa war er ein wahrer Patriot."

Auch der FDP-Vorsitzende Christian Lindner zeigte sich bestürzt vom Tod Westerwelles. "Mir fehlen die Worte. Guido hat so gekämpft. Die Trauer ist groß", schrieb Lindner am Freitag bei Twitter.

Weitere Reaktionen:

"Ich bin unendlich traurig. Noch im November haben meine Frau und ich mit ihm einige Zeit auf Mallorca verbracht. Da war er noch guten Mutes. Sein Tod ist für die liberale Bewegung ein unglaublicher Verlust." (Der FDP-Vize-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki zu Focus Online)

"Guido Westerwelle war ein besonders liebenswürdiger, zuvorkommender und selbstkritischer Mensch. Er hat sich in unterschiedlichen Funktionen große Verdienste für seine Partei und für das gesamte Land erworben." (Innenminister Thomas de Maiziere (CDU)

"Tief betroffen habe ich vom Tod meines Freundes Guido Westerwelle erfahren. Er war ein großartiger Kämpfer für die liberale Sache und ein engagierter Parlamentarier. Er hat unserer Demokratie gedient. Wir werden Guido Westerwelle vermissen." (Unionsfraktionschef Volker Kauder)

"Guido Westerwelle hat in den vergangenen zwanzig Jahren die politische Landschaft geprägt wie kaum ein anderer. (...) Sein Leitsatz, Deutschland brauche nicht weniger Europa, sondern mehr, gilt heute mehr denn je." (CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt.)

"Ich bin sehr bestürzt über die Nachricht vom Tod von Guido Westerwelle. Mit ihm ist ein aufrechter Demokrat viel zu früh von uns gegangen." (SPD-Chef Sigmar Gabriel bei Twitter)

"Tief traurig über Tod von Guido Westerwelle. Mit ihm verliert @fdp eine prägende Figur. Gedanken sind bei seinem Mann, Familie und Freunden,"(EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) bei Twitter)

"Wir sind sehr bestürzt über den Tod von Guido Westerwelle. Wir trauern mit seinem Mann und seiner Familie!" (Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir bei Twitter)

"Viel zu jung aus dem Leben gerissen. Wir trauern um Guido Westerwelle und sind in Gedanken bei seinen Angehörigen und Freunden." (Die Grünen-Vorsitzende Simone Peter bei Twitter)

"Ein mutiger Kämpfer für Toleranz, humorvoll, stets sachlicher politischer Gegner. Er wird sehr fehlen. Ruhe in Frieden, Guido Westerwelle" (Linke-Chef Bernd Riexinger bei Twitter)

"Die jüdische Gemeinschaft und der Staat Israel trauern um einen wahren Freund, der sich stets und unermüdlich für die niemals selbstverständliche Freundschaft zwischen Deutschland und Israel eingesetzt hat. Er gehörte zu den herausragenden Persönlichkeiten seiner Generation, die Geschichts- und Verantwortungsbewusstsein mit großem politischem Talent verbanden." (Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern)

In Österreich reagierte NEOS-Vorsitzender Matthias Strolz so:

"Mit Guido Westerwelle verliert unsere politische Familie in Europa ein Vorbild für Freiheit, Offenheit und Frieden, das viele von uns mit geprägt hat. Westerwelle stand wie kaum ein Zweiter sowohl als Persönlichkeit als auch in seinen politischen Ämtern für pro-europäische und liberale Werte".

Ein deutscher Politiker, der oft polarisierte

Mit einem Buch, das er über seine Krankheit verfasste ("Zwischen zwei Leben - Von Liebe, Tod und Zuversicht"), hatte Guido Westerwelle viele Menschen gerührt. Aber die Hoffnung, sich noch einmal zu erholen, trog dann doch. Am Freitag starb der ehemalige deutsche FDP-Vorsitzende, Außenminister und Vizekanzler mit 54 Jahren an den Folgen von akuter myeloischer Leukämie, einem Blutkrebs der besonders schlimmen Art.

Zeit seines Lebens gehörte der Anwaltssohn aus Bonn zu den Leuten, über die die Meinungen auseinandergingen: Bewundert, bejubelt, verspottet, verhasst. Zu Beginn der 80er-Jahre fiel er zum ersten Mal auf: Als im Bonner Hofgarten Hunderttausende gegen die Nachrüstung demonstrierten, stand Westerwelle mittendrin und verteilte Flugblätter - dafür.

Nach dem Ende der sozialliberalen Koalition 1982 war Westerwelle bei der Gründung des neuen rechtsbürgerlichen FDP-Nachwuchs' dabei, der Jungen Liberalen. Im Jahr darauf wurde er deren Vorsitzender - der Beginn eines Lebens fast ausschließlich für die Politik. Eher nebenbei studierte er Jus, machte an der Fern-Uni Hagen seinen Doktor, wurde Anwalt.

Im Wohnmobil durch die Republik

Mit 39 wurde er FDP-Chef und machte sich daran, die Liberalen vom Mehrheitsbeschaffer zur "Partei des ganzen Volkes" zu verwandeln. Er ließ sich zum Kanzlerkandidaten ausrufen, reiste im Wohnmobil durch die Republik, stieg bei "Big Brother" in den Container und malte sich eine gelbe "18" als Wahlziel auf die Schuhsohle.

Westerwelle lag damals im Zeitgeist, hielt im Bundestag die besten Reden. Doch zunächst blieb es bei der Oppositionsrolle.

Im Privaten bekannte sich der Parteivorsitzende zu seiner Homosexualität. Er präsentierte am 50. Geburtstag von Angela Merkel auch einen Partner, den Sportmanager Michael Mronz.

Im dritten Versuch, 2009, gelang doch noch die Wunsch-Koalition mit den Christdemokraten - mit einem Sensationsergebnis von 14,6 Prozent. Die Versprechen waren groß und die Erwartungen auch. Doch in der Stunde des Triumphs machte Westerwelle einen seiner größeren Fehler: Er übernahm nicht das Finanz-, sondern das Außenministerium. Viele nahmen ihm den Wandel zum Diplomaten nie ab.

Respekt als Außenminister erarbeitet

Nach eineinhalb Jahren verlor auch die eigene Partei die Geduld. Westerwelle musste FDP-Vorsitz und Vizekanzlerposten abgeben. Gezwungenermaßen konzentrierte er sich aufs Auswärtige Amt, wo er sich zunehmend Respekt erarbeitete.

Nach der dramatischen Niederlage bei der Bundestagswahl 2013 - die FDP kam nicht mal mehr ins Parlament - bekam er von vielen früheren Außenministerkollegen auch Einladungen für die "Zeit danach".

Auf den Tag genau ein halbes Jahr nach seinem letzten Tag als Minister bekam Westerwelle die Diagnose Leukämie. Westerwelle hinterlässt Michael Mronz, mit dem er gut fünf Jahre auch verheiratet war.

Akute Leukämie trifft mehrere tausend Menschen pro Jahr

Der Begriff Leukämie bedeutet "weißes Blut" und beschreibt eine Vermehrung weißer Blutkörperchen. Bei der auch als Blutkrebs oder Leukose bezeichneten Erkrankung kommt es zu einer Vermehrung unreifer Zellen des blutbildenden Systems, wodurch die normale Blutbildung von roten Blutkörperchen verdrängt wird. Bei Behandlung durch Chemotherapie besteht inzwischen durchaus Chancen auf Heilung, unbehandelt führt die Erkrankung in der Regel in wenigen Wochen zum Tod. Westerwelles Krankheit wurde zufällig entdeckt, er musste sich am Knie operieren lassen, nachdem er sich beim Joggen auf Mallorca den Knöchel verstaucht hatte. Bei der Voruntersuchung ist dann aufgefallen, dass das Blutbild nicht in Ordnung war.

Nach Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft erkranken in Deutschland pro Jahr etwas mehr als 11.400 Menschen an Leukämien. Westerwelle litt an einer besonders aggressiven Form, der akuten myeloischen Leukämie (AML), die besonders oft Erwachsene im mittleren Lebensalter trifft.

Westerwelle lenkte Aufmerksamkeit aufs Thema

Als Westerwelle Ende vergangenen Jahres in Talkshows über seine Leukämieerkrankung und die Stammzelltransplantation sprach, lenkte dies viel Aufmerksamkeit auf das Thema Stammzellspende. Laut der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) bestellten anschließend binnen einer Woche rund 25.000 potenzielle Spender ein Registrierungsset.

Patienten mit akuter Leukämie müssen sofort mit einer intensiven Chemotherapie behandelt werden. Sie erhalten Kombinationen verschiedener Medikamente, sogenannte Zytostatika. Ziel ist es, den größten Teil der Leukämiezellen zu zerstören. Im einem zweiten Schritt sollen dann auch Krebszellen erreicht werden, die die erste Behandlung überlebt haben. Zusätzlich ist für viele Patienten aber eine sogenannte Stammzellentransplantation nötig, um ein Aussicht auf Heilung zu haben. Auch Westerwelle erhielt Stammzellen eines Spenders.

Die Stammzellentransplantation ist mit Risiken und großen Nebenwirkungen verbunden. Zudem müssen für eine Stammzellspende die Gewebemerkmale des Spenders mit denen des Patienten zu hundert Prozent übereinstimmen. Jeder fünfte Blutkrebspatient in Deutschland findet nach Angaben der DKMS keinen passenden Spender.

Deutlich bessere Chancen

Generell haben sich die Überlebensaussichten bei einer Leukämie in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Über fünf Jahre betrachtet erholen sich heute rund 50 Prozent der Patienten unter dem 60. Lebensjahr und rund 20 Prozent der Patienten über dem 60. Lebensjahr vollständig. Bei den meisten Patienten mit einer Leukämie lässt sich im Nachhinein nicht feststellen, was ihre Erkrankung ausgelöst hat. Daher gibt es auch keine Möglichkeit der Vorbeugung.