Chronik | Welt
19.09.2017

Deutsche erlegen "Euro-Bison"

Tier überquerte die Grenze – in Brandenburg erschossen, landet es auf dem Grill.

"Das ist, als ob man Knut, den Eisbären erschösse", empört sich eine Polin. Der Abschuss eines Wisents, eine europäische Art des Bisons (rechts), in Brandenburg am 13. September schlägt immer höhere Wellen. Der aus Polen stammende 900-kg-Bulle wurde nahe des Städtchens Lebus auf Anweisung des Ordnungsamtes abgeknallt. Ein Tierarzt mit einem Betäubungsgewehr sei vor Einbruch der Dunkelheit nicht aufzutreiben gewesen, hieß es.

" Deutschland – kein Land für Wisente", titelte die regierungsnahe Zeitung Gazeta Polska Codzienna vorwurfsvoll. Wisente leben vor allem in ostpolnischen Waldgebieten. Doch dieser Bulle hielt sich seit einigen Jahren im westpolnischen Landkreis Slubicki auf. Er war eine Art Touristenattraktion, oft fotografiert und gefilmt. Die Überquerung der Oder wurde ihm dann aber zum Verhängnis.

Nationaltier in Polen

"Wir sind aufgebracht, der Wisent hätte leben können" so die Sprecherin des "Polnischen Staatswaldes", die sich beschwerte, dass man in Deutschland nicht auf polnische Hilfe gezählt hatte.

Das zottelige Wildrind mit seinem markanten Buckel und den großen Hörnern gilt als eine Art Nationaltier an der Weichsel – eine Bank, eine Wodkafirma und auch eine Brauerei werben mit ihm. In der Bierwerbung rettet ein Wisent stets andere Tiere vor dem Verderben.

Dass der in Polen streng geschützte Wisent nun auf einem Brandenburger Grillfest verwertet wird, sorgt für zusätzliche Aufregung.

Auch politische Spitzen gibt es. Der Europapolitiker der regierenden Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), Janusz Wojciechowski, veröffentlichte via Twitter sogar ein Gedicht mit der Pointe, dass "die Freiheit westlich der Oder" für das polnische Tier tödlich gewesen sei. Eine Retourkutsche. Schließlich wird dem nationalkonservativ regierten Warschau von Brüssel und Berlin vorgeworfen, durch Eingriffe in das Justizwesen in Polen die Freiheit zu gefährden.

Wisent vs. Borkenkäfer Auch bezüglich des Bialowiezka-Nationalparks, in dem sich 596 der 1455 frei lebenden Wisente aufhalten, gibt es Ärger mit der EU. Polen hält sich nicht an die Weisung des Europäischen Gerichtshofes, die Abholzungen zu stoppen und verweist auf Borkenkäferbefall. Nun kann den Deutschen der Schwarze Peter in Sachen Naturschutz zugeschoben werden. "Deutsche Logik – den geschützten Wisent abschießen, aber die Borkenkäfer in unserem Urwald schützen" so eine von vielen Twitter-Meldungen.

Es ist der alte Vorwurf östlich der Oder, dass man in Deutschland Polen gern belehre, sich selbst jedoch mehr Freiheiten herausnehme.