Chronik | Welt
05.12.2011

Der durchleuchtete Bürger

Folgen von 9/11: Auch auf das Leben der Österreicher haben sich die Anschläge ausgewirkt vor allem bei Geldtransfers und im Flugverkehr.

Die Postbeamtin in Hollabrunn nimmt den Einzahlungsschein und fragt nach dem Geburtsdatum. Wer will das wissen? Ein Geheimdienst? Es geht doch nur um den Mitgliedsbeitrag von 130 Euro für den FK Blau-Weiß.

Der Schatten Osama bin Ladens fällt auch auf die kleine Transaktion an den örtlichen Fußballverein. Denn mit restriktiven Kontrollmechanismen wollen UNO, USA und die EU die Finanzierung von Terrororganisationen unmöglich machen.

Drei Geldwäscherichtlinien wurden beschlossen und Meldestellen für verdächtige Finanztransaktionen geschaffen. Fachleute aus dem Finanzministerium meinen zwar, dass die Restriktionen auf jeden Fall gekommen wären. Das Attentat auf die Twin Towers habe den Prozess aber beschleunigt.

Terrorfalle

Den Fußballfan in Hollabrunn interessiert es ohnehin kaum, dass seine Transaktion jetzt dank des Swift-Abkommens auch von US-Behörden verfolgt werden kann. Wenn er aber nach Mallorca oder nach Thailand auf Urlaub fliegen will, sitzt er in der Terrorfalle: Erst muss er einen neuen Reisepass mit biometrischen Daten lösen.

Wegen der strengeren Sicherheitskontrollen muss er viel früher am Flughafen sein. Und dort kann es zu ärgerlichen Szenen kommen. So musste ein 88-Jähriger am Flughafen Salzburg seine Unterschenkelprothese ablegen. Es könnte ja eine Bombe drinnen sein. Auch eine 63-Jährige mit Prothesen am Knie und an der Wirbelsäule wurde intensivst untersucht, obwohl sie zwei Implantatausweise dabei hatte.

Luftfahrtsicherheit

Diese Vorfälle haben ihre Ursache direkt bei 9/11. Denn als Reaktion vereinheitlichte die EU mit den USA das Luftfahrtsicherheitsrecht. Die bis dahin schon bei Passagieren angewandten Kontrollen wurden auf Crews, Personal, Fracht, Post und Catering ausgedehnt. Dass der Passagier jetzt wegen der schusssicheren Türe keinen Blick mehr ins Cockpit werfen kann, wird er verschmerzen. Dass ihm aber nach einem missglückten Attentatsversuch mit Flüssigsprengstoff auch noch die Mineralwasserflasche weggenommen wird, ist unangenehm.

Damit ist aber die Kreativität der Flugsicherheitschefs noch lange nicht ausgereizt. So kam der Chef des deutschen Flughafenverbands, Christoph Blume, auf die Idee, man könnte Passagiere nach Risikogruppen einteilen. Heißt das, dass Passagiere, die bei der Bordverpflegung Schweinefleisch verweigern, strenger kontrolliert werden? Nach heftigen Protesten liegt das Projekt jetzt auf Eis.

Schuhe ausziehen und Gürtel ablegen reicht scheinbar nicht. Jetzt will die EU Ganzkörperscanner einführen. Ein Gerät, das den Untersuchten optisch entkleidet. Dagegen laufen Datenschützer Sturm. Der Scanner zeige nicht nur Waffen, sondern auch Genitalien, Implantate und Prothesen bis hin zu einem künstlichen Darmausgang. Außerdem sei auch dieses Gerät nicht geeignet, alle Arten von Sprengstoffen zu entdecken. Das bestätigt ein Test am Flughafen Wien. Testpersonen ist es dort gelungen, ein Stanley-Messer und ein Schweizer Messer durchzuschmuggeln.

Widerstand

Auch in den USA formiert sich zunehmend Widerstand. Es gibt Demonstrationen. Der große Renner auf YouTube ist eine Videoaufnahme, die zeigt, wie ein Sicherheitsbeamter am Flughafen San Diego einen Passagier im Genitalbereich nach Waffen durchsucht. Der Passagier sagte nachher im Interview: "Der Staat hat mir nach 9/11 meine Rechte genommen."

Lesen Sie am Sonntag: Wie die US-Bürger heute über 9/11 denken, und was auf Ground Zero entsteht.

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