Chronik | Welt
31.07.2017

Der Albtraum von Venedig

Einwohner versus Touristen - während die einen ums Überleben kämpfen, geht es den anderen ums Erleben.

Eine Flut bedroht Venedig. Sie bedeckt die dunklen Pflastersteine vor dem Markusdom, spült Massen in die charakteristisch engen Gassen. Die Flut drückt Einheimische an die Wand, sie hinterlässt Müll und Luxushotels. Täglich kommen bis zu 100.000 sehenswürdigkeitshungrige Touristen nach Venedig.

Wie jeden Sommer werden sie mit Angeboten gelockt: Drei Nächte für 89 Euro. Venezianisches Feeling für wenig Geld – jeder muss in einer Gondel durch die Kanäle geschaukelt sein. Reiseveranstalter werben mit neuen Unterkünften in historischen Gebäuden.

Luxuslabel statt Palazzi

Es ist ein Paradoxon. In einer Stadt, in der kein Nagel eingeschlagen werden darf, ohne den Denkmalschutz zu verständigen, werden historische Gebäude als Hotels und Einkaufszentren verramscht. Die Käufer sind Unternehmen wie Benetton, Prada oder chinesische Investoren. Motor dieser Entwicklung war lange Zeit der venezianische Bürgermeister Massimo Cacciari. Er regierte mit Unterbrechungen bis 2010. Für Cacciari war es völlig normal, dass Bewohner von Altstädten in die Randgebiete gedrängt werden. Ein Exodus der Bewohner? So könne man das wirklich nicht nennen.

Matteo Secchi sieht das anders. Der Begründer der Bürgerinitiative "Venessia.com" hat Venedig bereits 2008 symbolisch zu Grabe getragen, die Einwohnerzahl war damals erstmals unter 60.000 gefallen. "Wenn wir so weiter machen, werden wir zu einer Geisterstadt wie Pompeji", sagt Secchi. Seine Aussage unterstreicht das Schaufenster der Apotheke Morelli. Auf einem Schild ist dort blinkend die aktuelle Einwohnerzahl zu sehen. 55.000 – weniger als nach der Pest im 17. Jahrhundert.

Warum ziehen die Venezianer weg? Einerseits finden sie keine erschwinglichen Wohnungen mehr – die Eigentümer vermieten diese viel lukrativer an Touristen. Es gibt keine Begrenzungen für Vermieter, wie beispielsweise in Barcelona.

Siegeszug von AirBnB

Die verbleibenden Venezianer haben im Wochentakt neue Nachbarn. AirBnB ist ein großes Problem. Die Gäste machen Lärm, hinterlassen Müll. Andererseits schwindet die benötigte Infrastruktur. Lebensmittelläden oder Friseursalons weichen Souvenier-Shops und Hotels. Postkarten und in China gefertigte venezianische Masken füllen keine Mägen. Kirchen schließen wegen mangelnder Gemeindemitglieder, Schulbänke bleiben leer. Es gibt kaum Arbeitsplätze außerhalb der Tourismusbranche. Ungefähr 30 Millionen Touristen kommen jährlich nach Venedig. Wegen Angst vor Terror in anderen Ländern stieg die Zahl der Urlauber in Italien seit 2000 um 55 Prozent. Viele kommen mit dem Kreuzfahrtschiff – dem roten Tuch für Venezianer. Stündlich bringen die turmhohen Schiffe Tausende Menschen auf die Insel. Im Wochentakt gibt es Proteste. Venezianer schwenken Fahren mit "No Grandi Navi" – die Bürgerinitiative kämpft seit Jahren für eine Reduktion des Schiffverkehrs – die Gondoliere hupen, manche zeigen den Mittelfinger. Die Schiffe verursachen meterhohe Wellen, das Salzwasser zerstört die Backsteine, die laufend restauriert oder ausgetauscht werden müssen. Die Vibrationen der tonnenschweren Schiffe führen zu einem Absinken des Bodens der Stadt. Je mehr der sinkt, desto näher kommt die auf Holzpflöcken gebaute Stadt dem Meerwasser. Die Emissionen verschmutzen Luft und Wasser und gefährden das sensible Ökosystem der Lagune.

Ein 2014 erlassenes Teilverbot für Kreuzfahrtschiffe wurde zwei Jahre später wieder aufgehoben – es sei ein unverhältnismäßiger Verstoß gegen öffentliche und private Interessen. Die UNESCO drohte lange mit dem Entzug des Welterbetitels, entschied sich im Juli aber dagegen. Vor ein paar Wochen stimmten 18.000 Venezianer darüber ab, ob Kreuzfahrtschiffe verbannt werden sollen. 98,7 Prozent stimmten dafür, die Politiker sahen das Referendum aber als nicht bindend an. Ein Ende ist nicht in Sicht, Kreuzfahrten boomen. Laut des Internationalen Kreuzfahrtverbands CLIA unternahmen im Vorjahr weltweit 24,2 Millionen Menschen eine Kreuzfahrt, Tendenz steigend. Rund 1500 der Schiffe legten in Venedig an.

Priorität Tourismus

Venedig lebt vom Tourismus, so lautet das Totschlagargument gegen jeden Widerstand. Das sei das Leid, das man zu tragen habe als Reise-Hotspot. Die Kreuzfahrttouristen halten Venedig aber nicht am Leben. Sie kommen für einen Tag und geben kaum Geld aus – oft wird nur ein Kaffee getrunken und auf Kirchenstufen gepicknickt.

Italien steuert nun dagegen. 2017 sei der Sommer der Verbote, titelte die Zeitung La Stampa. Auf Capri soll eine Zulassungsbeschränkung eingeführt werden, Florenz lässt mittags große Plätze bewässern, damit Touristen dort nicht picknicken und ihren Müll liegen lassen. Rom will die Besucherzahl auf der Spanischen Treppe regeln.

Und Venedig? Es wurde viel diskutiert, mal über Eintrittspreise, mal über Zugangsbeschränkungen. Ende 2017 soll es endlich so weit sein: Ein Buchungssystem für den Zugang zum Markusplatz soll eingeführt werden. Wer den berühmten Platz besuchen will, muss sich anmelden. Von einer Art Numerus clausus nimmt man weiter Abstand. Luigi Brugnano, der jetzige Bürgermeister, ist gegen Beschränkungen. "Die Stadt steht jedem offen", betont Brugnano und warnt, Kreuzfahrtschiffe zu verteufeln. Sie würden 5000 Arbeitsplätze sichern. Er ist überzeugt: "Ohne Touristen stirbt Venedig."