Chronik | Welt
07.06.2017

Warum er damals desertierte

Ein sterbender GI veränderte das Leben eines deutschen Soldaten.

Seine Erinnerungen treiben ihm Tränen in die Augen. Er sagt, das sei der Wind. Er hat seine Schirmmütze ins Gesicht gezogen. Gegen den Wind und viel mehr noch gegen die Wehmut. Da steht er nun wieder. Nach sieben Jahrzehnten ist er noch einmal zurückgekommen. Er blinzelt in die Böen, die von Westen kommen. "Der Wind weht so stark wie damals", sagt der alte Mann am Meer. Keller ist vielleicht der letzte aus Hitlers Wehrmacht, der noch von diesem Tag am Strand erzählen kann.

Für ihn ist dieser Tag nie zu Ende gegangen. Für ihn war dieser Tag tatsächlich der "Längste Tag". So nennen die Veteranen den 6. Juni 1944. Die Invasion der Alliierten in der Normandie. Die größte Landeoperation der Geschichte.

Rot gefärbte Wellen

Für den Mann, der über den weiten Strand blickt, ist die Geschichte Gegenwart. Er spürt das schon sein Leben lang. Und heute ganz besonders, wenn er den Wellen zuschaut, wie sie an den Strand branden. Damals, am D-Day, waren sie rot gefärbt vom Blut der Soldaten.

Der Mann ist gegen Ende seines Lebens zurückgekehrt an den Strand in Frankreich, an dem er als junger Mann kämpfen musste. Den seine Feinde von damals "Omaha Beach" tauften. Kurt K. Keller aus Homburg im Saarland hat sich mit mir, dem Buchautoren Tim Pröse (siehe unten), vor einiger Zeit noch einmal auf diese Reise seines Lebens gemacht. Mit 91 Jahren wollte er am 6. Juni 2017 noch einmal ins Dorf am Omaha Beach zurückgekommen, nach Saint-Laurent-sur-Mer, in die Normandie. Und dieses Jahr wurde ihm zu Ehren die deutsche Flagge gehisst – am Mahnmal der Alliierten.

Kaum, dass er angekommen ist, muss er nur seine Augen schließen, und die Zeitreise beginnt. Er sieht alle wieder vor sich, die Toten und die Überlebenden. "Ich fühle wieder, wie die Erde unter meinen Füßen bebt."

Wenn Kurt Keller heute seine Augen schließt, sieht er auch diesen einen Soldaten vor sich stehen. Diesen GI, der es fast bis über den ganzen Omaha Beach geschafft hatte. "Ich sehe ihn, wie er auf die Steilküste und direkt auf mich zurennt", sagt Keller. Auf der Anhöhe kauert Kurt Keller in seiner Stellung mit seinem Karabiner. Der Wehrmachtssoldat schießt auf den GI und trifft ihn in die Brust.

Was nun geschieht, hat sich eingenistet in Kellers Seele. Es ist ein Bild, das er sein Leben lang in sich trägt. "Da sinkt dieser amerikanische Soldat auf seine Knie", erinnert sich Keller. "Er nimmt seine Maschinenpistole in beide Hände, streckt seine Arme von sich." Es wirkt fast so, als wolle er seine Waffe jemandem übergeben. Dann legt er sie vor sich in den Sand. Er nimmt seinen Helm ab, legt ihn ebenfalls in den Sand und faltet seine Hände. Nun wirft er seinen Kopf in den Nacken und schaut hoch zum Himmel. Bis er zusammensackt.

Ein letztes Gebet

Kellers Stimme bricht. Es ist so, als wäre der amerikanische Soldat mit ihm in die Vergangenheit gereist. Er sagt: "Als ich sah, wie dieser Mann dort ein letztes Mal zum Himmel betet, war das für mich ein Wendepunkt in meinem Leben. Ich fragte mich: Wie kann man so fromm sein, dass man in den letzten Sekunden seines Lebens noch betet?" Keller hatte bis dahin nur an Adolf Hitler geglaubt. Doch als er sah, wie sich dieser Soldat im Sterben an Gott wendet, wandelte sich etwas in ihm.

Es waren nicht die Abertausenden von Toten, die ihn so berührten. Es war dieser eine Soldat. "Er hat mein Leben verändert." In den Tagen nach diesem Moment beschloss Keller, nicht länger für Hitler zu töten. Er schwor sich, wenn er die Invasion und dieses sinnlose Massensterben überleben würde, zu desertieren. Und nun will er ein letztes Mal zurückkehren.

Buchtipp: Mehr über Kurt K. Keller und 17 andere Widerständler gegen Hitler in Tim Pröses neuem Buch "Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler", Heyne-Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro.