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Costa Concordia
07/17/2013

Nur der Kapitän sitzt auf der Anklagebank

Costa Concordia: Die Verteidigung plädiert auf 3,5 Jahre Haft für Francesco Schettino.

von Niki Nussbaumer

Der erste Prozesstag gegen Kapitän Francesco Schettino, 52, fand nicht im Gerichtsgebäude von Grosseto statt, sondern wegen des großen Andrangs im Theater der Stadt. Wegen eines Anwaltsstreiks vertagte der Richter aber sogleich auf den 17. Juli. Die Anklagepunkte gegen Schettino: mehrfache fahrlässige Tötung und Körperverletzung, Havarie, vorzeitiges Verlassen des Schiffes, Zurücklassen Hilfsbedürftiger, Verweigerung der Zusammenarbeit mit den Behörden.

Die Verteidiger des angeklagten Kapitäns haben am Mittwoch in Grosseto einen Vergleich vorgeschlagen. Sie wollen eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren für Francesco Schettino, wie Anwalt Donato Laino nach Angaben italienischer Medien sagte. Ihm drohen bis zu 20 Jahre Haft.

Zur Verhandlung am Mittwoch erschien auch die 26-jährige Moldawierin Domnica Tschemortan. Sie soll sich zum Zeitpunkt des Unglücks mit Schettino auf der Kommandobrücke des Schiffes aufgehalten haben. Die Frau, die eine Beziehung zum Kapitän zugegeben hatte, gilt als wichtige Zeugin. Sie sei Schettinos Gast an Bord gewesen, berichtete die Frau.

Weiters angeklagt sind die Offiziere Ciro Ambrosio und Silvia Coronica, der Steuermann Jacob Rusli Bin, der Schiffshoteldirektor Manrico Giampedroni und der Leiter der Krisenkoordinationsstelle von Costa Crociere, Roberto Ferrarini. Am 15. Mai stimmte die Staatsanwaltschaft ihren Anträgen auf Strafzumessung ohne Verfahren zu. Bei diesem Verfahren nach Artikel 444 schlägt der Angeklagte selber eine Strafe vor. Das Gericht wird darüber im Juli entscheiden. Die fünf Angeklagten schlugen Strafen zwischen 18 und 34 Monaten vor.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Prozess gegen Francesco Schettino innerhalb des ersten Halbjahres 2014 zu Ende gehen wird. Es bestünden keine Zweifel an Schettinos Schuld, man müsse „lediglich die Höhe der Strafe festlegen“, wurde der Staatsanwalt von Grosseto, Francesco Verusio, von italienischen Medien zitiert.

4.228 geschädigte Personen beteiligten sich am Verfahren. Zugelassen wurden am Prozess 242 Privatbeteiligte. Insgesamt sollen im Rahmen des Prozesses 700 Zeugen befragt werden. 575 davon wurden als Zeugen der Staatsanwaltschaft vorgeladen.

Bergung immer schwieriger

Die Bergung des Kreuzfahrtriesen wird immer schwieriger. Seit dem Kentern vor 18 Monaten ist die Costa Concordia vor der Insel Giglio um drei Meter gesunken. Mitte September soll das Schiff aufgerichtet werden. „Sollte dieser Versuch scheitern, wird es keine zweite Möglichkeit geben,“ sagte der Chefingenieur der US-Gruppe „Titan Salvage“, Nick Sloane. „Wir hatten einen harten Winter. Das hat die Arbeiten der Taucher erschwert, die Zementblöcke rund um das Schiff installieren mussten, um eine stabile Basis zu schaffen.“

Die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere hatte den Überlebenden 11.000 Euro Schadensersatz pro Person geboten. Zusätzliche 3000 Euro wurden als Rückerstattung für die Kosten der Heimfahrt angeboten. Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) vertrat 40 der 77 Österreicher, die sich an Bord des Schiffes befanden. „Wir hatten ihnen geraten, dieses Angebot anzunehmen“, sagt Peter Kolba, Leiter des Bereichs Recht im VKI. „Sie waren mit dem Angebot zufrieden.“

The damaged side of the capsized cruise liner Cost

The damaged side of the capsized cruise liner Cost

ITALY ACCIDENTS COSTA CONCORDIA SALVAGE EFFORT

The damaged side of the capsized cruise liner Cost

EPAepa03272694 Titan-Micoperi rig is seen near the Costa Concordia off the Isola del Giglio, Italy, 19 June 2012. Costa Concordia salvagers have indicated that the operation, that involves the refloating and towing away thw shipwreck, will take a full yea

EPAepa03272702 Titan-Micoperi rig is seen near the Costa Concordia off the Isola del Giglio, Italy, 19 June 2012. Costa Concordia salvagers have indicated that the operation, that involves the refloating and towing away thw shipwreck, will take a full yea

EPAepa03272700 Titan-Micoperi rig is seen near the Costa Concordia off the Isola del Giglio, Italy, 19 June 2012. Costa Concordia salvagers have indicated that the operation, that involves the refloating and towing away thw shipwreck, will take a full yea

EPAepa03272701 Salvage vessels are seen near the Costa Concordia off the Isola del Giglio, Italy, 19 June 2012. Costa Concordia salvagers have indicated that the operation, that involves the refloating and towing away thw shipwreck, will take a full year

EPAepa03272697 Titan-Micoperi rig is seen near the Costa Concordia off the Isola del Giglio, Italy, 19 June 2012. Costa Concordia salvagers have indicated that the operation, that involves the refloating and towing away thw shipwreck, will take a full yea

EPAepa03194329 (FILE) A file photo dated 31 January 2012 of the listed Costa Concordia cruise ship off the coast of Giglio Island (Isola del Giglio), Italy. Three months after the tragedy of the Costa Concordia cruise ship off the Italian coast the cruise

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„Ich erwarte mir ein abschreckendes Urteil“

Bei dem Unglück der Costa Concordia am 13. Jänner 2012 starben 32 Menschen. An Bord des Schiffes hatten sich auch 77 Österreicher befunden; Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden (SPÖ) war einer von ihnen.

KURIER: Was erwarten Sie sich vom Prozess?
Heinz Schaden:
Ich erwarte mir ein Urteil, das abschreckend ist. Ich habe mich privat an dem Strafverfahren beteiligt. Daher habe ich auch die Abfertigung der Reederei abgelehnt.

Wie hoch wäre die Abfertigung gewesen?
14.000 Euro.

Das ist viel Geld.
Ja. Aber dann hätte ich auf alle Rechtsmittel verzichten müssen. Und genau das wollte ich nicht; ich wollte berichten, was in dieser Nacht passiert ist. Ich bin zwar unversehrt geblieben, aber mir ist die Sache nicht wurscht. Die haben den Autopiloten ausgeschalten und sind mit 15 Knoten auf die Küste zugesteuert. Und nach der Havarie haben sie den 4000 Leuten zweieinhalb Stunden nicht geholfen, sondern sind von Bord gegangen. Das war schon ein starkes Stück.

Müssen Sie selbst aussagen?
Ich habe eine schriftliche Aussage getätigt. Der Bericht der italienischen Marine deckt sich exakt mit meinen Wahrnehmungen. Die Sachlage ist also bestens dokumentiert. Daher weiß ich nicht, ob das Gericht noch einen zusätzlichen Zeugen braucht. Aber wenn nötig, fahre ich nach Italien.

Hatten Sie eigentlich Angst, dass die italienische Justiz den Fall verschleppt?
Nein, dafür war das Unglück zu spektakulär. Seltsam finde ich aber, dass mit den anderen Hauptverantwortlichen außergerichtliche Vereinbarungen getroffen wurden. Wenn jetzt nur Kapitän Schettino vor Gericht steht, ist das schon schräg. Denn auf der Brücke waren zumindest drei Personen.

Waren Sie seit dem Unglück jemals wieder auf einem Kreuzfahrtschiff?
Nein, das war sicherlich meine letzte Kreuzfahrt.

Aus Angst?
Nein, weil’s fad war. Das ist nicht meine Art, Urlaub zu machen.

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