Chronik | Welt
20.03.2016

Brüssel: Pizza-Lieferung führte zu Paris-Attentäter

Anschläge von Paris: Salah Abdeslam wollte sich vor dem Stadion in die Luft sprengen.

Nach der Festnahme des Terrorverdächtigen Salah Abdeslam kommen immer mehr Details zum Polizeieinsatz im Brüsseler Vorort Molenbeek und zum Ablauf der Pariser Anschläge ans Licht: Der 26-jährige Abdeslam war wie berichtet am Freitag gefasst und dabei am Bein verletzt worden. Wie die britische Boulevardzeitung The Sun nun berichtet, war eine große Pizza-Bestellung ausschlaggebend für die Festnahme. Der Polizei war bekannt, das im Haus der Familie Aberkan – das schon länger beobachtet wurde – drei Personen lebten. Als die Ermittler Zeugen wurden, wie sechs große Pizzen geliefert wurden, schlugen sie zu.

Sahine Aberkan, die Mutter von Salah Abdeslams Freund Abid Aberkan, hatte die Bestellung aufgeben. Laut The Sun sagte einer der Polizisten: "Wir waren ziemlich sicher, dass Abdeslam sich dort aufhält. Die Pizza-Lieferung hat uns dann völlig überzeugt."

Das Haus der Familie Aberkan befindet sich nur rund 500 Meter von dem Gebäude entfernt, in dem Abdeslam aufwuchs. Molenbeek gilt als Islamistenhochburg. Abid Aberkan stand unter genauer polizeilicher Beobachtung, seit er vergangene Woche am Begräbnis von Salah Abdeslams Bruder Brahim teilgenommen hatte. Brahim Abdeslam, 31, einer der Attentäter von Paris, hatte sich vor einem Café in die Luft gesprengt.

Abid Aberkan wird sich wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vor Gericht verantworten müssen; die Ermittlungen gegen seine Mutter und ein weiteres Familienmitglied wurden eingestellt.

Sprengstoffgürtel weggeworfen

Die Vernehmung von Salah Abdeslam läuft; sie hat neue Details zum Ablauf der Anschläge in Paris am 13. November offenbart, bei denen 130 Menschen ums Leben kamen und Hunderte verletzt wurden. So gehen die Ermittler inzwischen davon aus, dass der zehn Tage nach den Anschlägen im Pariser Vorort Montrouge gefundene Sprengstoffgürtel – wie zunächst nur vermutet – tatsächlich von Abdeslam abgelegt wurde. Der Islamist war Fahrer und Mit-Attentäter des Selbstmordkommandos am Stade de France, das sich während des Fußball-Länderspiels FrankreichDeutschland in die Luft sprengen wollte. Weil die Attentäter nicht hineingelangten, töteten sie sich vor dem Stadion. Abdeslam machte jedoch in letzter Minute einen Rückzieher und warf seinen Sprengstoffgürtel in eine Mülltonne. Das Motiv für den Sinneswandel, von dem Abdeslam bei den Vernehmungen berichtete, ist unklar.

Am Samstag sagte der Terrorverdächtige außerdem, dass er nach den Pariser Anschlägen auch "etwas" in Brüssel geplant hatte. "Das könnte die Wahrheit sein, denn wir haben bei den ersten Ermittlungen viele Waffen gefunden, schwere Waffen", berichtete Belgiens Außenminister Didier Reynders.

Der 26-Jährige sitzt in einem Hochsicherheitsgefängnis in Brügge. Die belgische Staatsanwaltschaft klagte den Franzosen marokkanischer Abstammung wegen Beteiligung an terroristischen Morden an. Frankreich fordert die Auslieferung, was Abdeslam vermeiden will. Daher arbeitet er mit den belgischen Behörden zusammen. Die französische Justiz hofft, Abdeslam dennoch in spätestens drei Monaten überführen zu können.

Gruppe war Ermittlern bekannt

Laut der New York Times war die Brüssler Terrorgruppe um Salah Abdeslam den Ermittlern bekannt, wurde aber unterschätzt: Aus einem internen Bericht der französischen Anti-Terror-Behörde geht hervor, dass die Islamisten bereits zwei Jahre vor den Anschlägen von Paris Attentatsversuche unternahmen. Weil diese scheiterten, galt die Gruppe als unfähig, Anschläge in solchem Ausmaß wie in Paris durchzuführen. Drahtzieher soll der Terrorist Abdelhamid Abaaoud gewesen sein. Er gilt auch als Drahtzieher der Anschläge von Paris; der 28-Jährige wurde am 18. November bei einem Anti-Terror-Einsatz in Saint-Denis getötet.