Chronik | Welt
11.12.2017

Antisemitismus in Europa: Übergriffe häufen sich

Wien, Berlin, Göteborg, Athen, Amsterdam. In den vergangenen Tagen häuften sich Übergriffe auf jüdische Einrichtungen.

Im schwedischen Göteborg scheitert ein Brandanschlag auf eine Synagoge nur knapp. In Amsterdam wird ein jüdisches Restaurant angegriffen. In Berlin verbrennen Demonstranten die israelische Flagge und den Davidstern. Und auch bei einer Jerusalem-Demo in Wien wurde von antisemitischen Sprüchen und Symbolen berichtet. Seit der Entscheidung der US-Regierung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, häufen sich derartige Vorfälle. Das deutsche Magazin Stern stellt deshalb auch die Frage: "Wann tun wir etwas dagegen?"

Es war am vergangenen Mittwoch, als US-Präsident Donald Trump Jerusalem offiziell als Hauptstadt Israels anerkannte. Ein Schritt, vor dem viele gewarnt hatten, da er damit den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis schüren würde. Stern-Journalistin Sylvia Margret Steinitz schreibt in ihrem Kommentar, dass nun "Judenhasser im politischen Gewand" erscheinen, die die Entscheidung der USA als Anlass nehmen, um "zur Menschenhatz aufzurufen." Die jüngsten Ereignisse und Bilder vom vergangenen Wochenende seien aber nicht neu, so Steinitz: "Wir sind sie seit Jahren gewöhnt."

Antisemitische Sprüche und Symbole

Nur wenige Stunden nach Trumps Entscheidung und Rede gab es in Amsterdam einen Vorfall: Ein mit einer palästinensischen Flagge ausgestatteter Mann schlug mehrere Scheiben eines jüdischen Restaurants ein. Dabei rief der Mann "Gott ist groß", berichtet Reuters. Am Freitagnachmittag gab es dann in Wien - sowie in vielen anderen europäischen Städten - Proteste gegen die Entscheidung Trumps. Die Polizei sprach danach von einer friedlich verlaufenden Veranstaltung. Auf Social Media berichteten aber Beobachter von einer Reihe antisemitischer Sprüche und Symbole. So soll es "Tod den Juden"-Sprechchöre gegeben haben.

Auch im Zentrum Athens wurde am Freitag protestiert. Rund 1.000 in Griechenland lebende Palästinenser taten ihre Abneigung gegen die Jerusalem-Entscheidung Trumps kund. Vor dem griechischen Parlament zündeten sie eine israelische Flagge an. "Stoppt die Zionisten" und "Jerusalem gehört uns", skandierten sie, wie Rundfunkreporter berichteten. Selbiges wurde aus Berlin berichtet: Bei einer Kundgebung vor der US-Botschaft, an der bis zu 1.200 Demonstranten teilnahmen, wurden laut Polizeiangaben israelische Fahnen und der Davidstern verbrannt. Der deutsche Bundesjustizminister Heiko Maas sagte daraufhin der Bild: "Jede Form von Antisemitismus ist ein Angriff auf uns alle. Antisemitismus darf nie wieder einen Platz haben."

Versuchter Anschlag auf Synagoge

Am Sonntag gab es dann erneut einen Übergriff auf eine jüdische Einrichtung: Auf eine Synagoge in Göteborg wurde ein Brandanschlag versucht. Die jüdische Gemeinde teilte auf ihrer Internetseite mit, eine Gruppe maskierter Leute habe brennende Gegenstände in den Hof der Synagoge geworfen. Das Ausmaß der Schäden sei noch nicht bekannt, verletzt worden sei niemand. Zum Zeitpunkt der Tat hielten sich rund 20 Jugendliche in einem angrenzenden Raum auf. Sie flüchteten in den Keller, bevor sie das Gebäude sicher verlassen konnten.

Der Jüdische Weltkongress (WJC) forderte daraufhin die schwedischen Behörden auf, die Sicherheit ihrer Bürger zu gewährleisten. Terror gegen die jüdische Gemeinde in Göteborg sei Anlass zu extremer Besorgnis und Wachsamkeit, hieß es in einer Mitteilung des WJC vom Sonntag aus New York. "Es ist nicht länger hinnehmbar, dass Juden auf den Straßen Europas angegriffen werden", sagt Moshe Kantor, Präsident des European Jewish Congress. Für Steinitz ist klar: "Niemand, am allerwenigsten die europäischen Regierungschefs, kann behaupten, er habe es nicht kommen gesehen. Antisemitische Übergriffe bis hin zum Mord gehören schon lange zu unserer europäischen Realität." Zugleich hätte sich die Journalistin Reaktionen von Europas Spitzenpolitikern erwartet, die bislang ausblieben.