Prypjat: Kruzifix und Strahlungswarnschild statt einer Ortstafel.

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Ukraine
04/26/2016

30 Jahre Tschernobyl: Heimat Sperrzone

Genau vor 30 Jahren ereignete sich die Katastrophe von Tschernobyl – ein Lokalaugenschein.

Es gibt nur noch wenige Menschen, die die Sperrzone von Tschernobyl so gut kennen wie Aleksandr Sirota. Der 39-Jährige trägt eine Tarnhose und eine dunkelgrüne Jacke, das ist seine Uniform für den Alltag in der Zone. Als der vierte Reaktor des Kraftwerks von Tschernobyl am 26. April 1986 um 1:23 Nachts explodierte, wohnte Aleksandr zusammen mit seiner Mutter in Prypjat, damals einer jungen, schönen Stadt mit 50.000 Einwohnern, nur zwei Kilometer vom Kraftwerk entfernt. 30 Jahre später begleitet er täglich Politiker und Journalisten in die Geisterstadt. Aleksandr wohnt inzwischen im Dorf Dytjatky, praktisch am Eingangstor in die Zone.

"Nuclear Sun" als Soundtrack

Im Auto legt Aleksandr schwere Industrial-Musik auf, "Nuclear Sun" heißt der Track. Dann holt er einen digitalen Geigerzähler heraus. An manchen Stellen wird eine Gamma-Strahlung angezeigt, die acht Mal höher als die Norm ist. Auch 30 Jahre nach der Katastrophe ist die Gegend hier verseucht. Zwar entfaltete das radioaktive Jod nur in den ersten Wochen seine schädliche Wirkung, aber es gibt andere Elemente, die längere Halbwertszeiten haben: Cäsium, Strontium, Amerizium, Plutonium. Die Halbwertzeit von Plutonium-239 zum Beispiel beträgt etwa 24.000 Jahre.

Virtueller Wiederaufbau

Aleksandr führt mich zu seiner ehemaligen Schule. Die Vorderfront ist nach einem Schneesturm vor drei Jahren eingestürzt. Nun ist der Blick frei auf die Klassenzimmer im zweiten und dritten Stock, auf die alten Schulbänke, die Plakate mit pathetischen Losungen: "Ruhm dem sowjetischen Volk – dem Volk der Sieger". Die Treppe, auf der wir später zum Hafen hinuntergehen, bröckelt unter den Füßen. In einigen Jahren werden die Reste dieser Stadt endgültig in sich zusammenfallen. Deswegen arbeitet Aleksandr gerade an einem Online-Projekt, das "Prypjat 3-D" heißt. Damit will er die Stadt virtuell rekonstruieren – und auf diese Art erhalten.

"Prypjat ist meine einzige Heimat"

Als Kind musste Aleksandr nach dem Atomunfall insgesamt 24 Monate in Krankenhäusern wegen Schilddrüsen-, Magen- und Herzproblemen behandelt werden. Auch heute noch muss er Tabletten schlucken, um seinen Zustand stabil zu halten. Die Zone schreckt ihn trotzdem nicht ab. "Prypjat ist meine einzige Heimat. Wahrscheinlich habe ich mir diesen Job ausgesucht, um zurückkommen zu können," sagt Aleksandr. Seine Stimme klingt in dieser verlassenen Stadt, als würde er in ein Mikrofon brüllen. Es ist eindringlich still in der Zone.

Zum Schluss nähern wir uns der Ruine des vierten Reaktorblocks, die immer noch unter dem alten, 1986 auf die Schnelle gebauten "Sarkophag" ruht. Die neue Schutzhülle ist aber fast fertig, sie wird gerade 180 Meter entfernt von der alten gebaut. Sie ist 110 Meter hoch. "Höher als die Freiheitsstatue in New York", betont Aleksandr. Bis zum Ende 2016 soll diese moderne Stahlkonstruktion auf Schienen über die Atommüllhalde geschoben werden. Sie soll weitere 100 Jahre die Verbreitung der Radionuklide eindämmen. Für den Bau ist das französische Firmenkonsortium Novarka zuständig, das im Moment mehr als 3000 Arbeiter an dem Projekt beschäftigt. Fertiggestellt werden sollte der Bau bereits 2012. Dann peilte man 2015 an. Intensiviert worden waren die Arbeiten erneut nach der Revolution 2013/2014. Die Kosten betragen heute bereits um die 990 Millionen Dollar.

180 Menschen wohnen nach wie vor in der Sperrzone

Weitere 3000 Menschen arbeiten immer noch in der Sperrzone von Tschernobyl, obwohl der dritte Reaktor als letzter bereits im Jahr 2000 stillgelegt wurde. Die meisten davon wohnen in Slawutytsch, der nach der Katastrophe gebauten, 50 Kilometer östlich gelegenen Stadt. Sie sind damit beschäftigt, das Kraftwerk endgültig außer Betrieb zu setzen und die Gegend rund um Tschernobyl zu verwalten. Etwa 180 Menschen wohnen noch in der Zone, die meisten sind alte Leute, die sich – oft aus Mangel an Alternativen – entschlossen haben, nicht wegzugehen.

Einzigartiges Territorium für Tiere

In ukrainischen Politiker-Kreisen hört man immer wieder, die 30-Kilometer-Zone solle bald auf einen Umkreis von zehn Kilometern um den Reaktor reduziert werden. 2015 hat das Umweltministerium bereits einen entsprechenden Erlass vorbereitet, der aber nicht in Kraft getreten ist. Vielleicht kommen die Pläne wieder auf den Tisch, nachdem die neue Schutzhülle für den Reaktor fertiggestellt ist. Aleksandr hält nicht viel davon: "Es gibt in der Ukraine genug vernachlässigte Regionen, die entwickelt werden können. Dank der fast völligen Abwesenheit von Menschen hat sich die Zone zu einem einzigartigen Territorium für Tiere entwickelt. So soll es auch bleiben."

Urlaub in der Todeszone

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