Chronik | Welt
22.12.2017

28 Menschenleben für eine halbe Million

Drei Bomben sollten die Spieler des Fußballklubs Dortmund töten, weil ein Mann reich werden wollte.

Zuerst hörte er den Knall, dann nur noch das dumpfe Schreien seiner Teamkollegen. Was sich am 11. April zehn Minuten lang im Mannschaftsbus von Borussia Dortmund abspielte, fühlte sich für Marc Batra an wie Stunden. Der Abwehrspieler wurde durch eine Explosion schwer am Arm verletzt.

Zehn Tage nach der Tat, die zuerst als islamistische Attacke gedeutet wurde, nahm die Polizei den 28-jährigen Sergej W. fest. Der Elektronikmeister soll mit drei selbstgebauten Sprengsätzen versucht haben, die Profikicker zu töten, damit der Verein wochenlang keine Spiele bestreiten kann, so die Staatsanwälte. Was er ihrer Meinung nach beabsichtigte: Durch das Unglück würden die Aktien des einzigen börsenotierten deutschen Fußballvereins tief fallen – und Sergej W., der eine Woche vor der Tat genau darauf wettete, wäre reich. Habgier sei daher das Motiv.

28-facher Mordversuch

Seit gestern läuft in Dortmund der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter, dem 28-facher Mordversuch vorgeworfen wird. Beweise sollen sich in den 70 Ordnern mit Prozessakten finden. Darin wird beschrieben, wie W. an jenem Apriltag um 19.16 Uhr per Fernzünder die Bomben, versteckt in einer Hecke, auslöste. Der Mannschaftsbus bog um die Ecke, war auf dem Weg zum Champions-League-Spiel gegen den AS Monaco, als die Metallstifte in den Bus eindrangen. Schlimmeres wurde verhindert, weil die mittlere Splitterbombe zu hoch platziert war.

Seine Verteidiger argumentieren genau damit: Ihr Mandant hatte gar keine Tötungsabsicht. Der Angeklagte schwieg. Für die Dortmunder Staatsanwaltschaft ist die Indizienkette aber dicht. So habe sich der 28-Jährige kurz vor der Tat krank gemeldet, aber ein Zimmer im Hotel der Spieler bezogen, von dem man den Tatort gut beobachten konnte. Ebenso belasten ihn die Notizen zum Ablauf der Tat, die Ermittler an seinem Arbeitsplatz fanden. Er kaufte eine Woche vor der Tat Optionsscheine im Wert von 26.000 Euro und schloss eine Wette auf den fallenden Kurs der BVB-Aktien ab. Wäre sein Kalkül aufgegangen, hätte er 500.000 Euro eingestreift.

Dass Sergej W. in den Fokus der Ermittler rückte, liegt auch an der Mithilfe eines österreichischen Aktienexperten und BVB-Fans, berichtete der KURIER. Rudolf S. beobachtete die Entwicklungen an der Börse und gab den Ermittlern einen Tipp.

Für die Spieler war der Anschlag eine Extremsituation, die nachwirkte. Sie mussten lange psychologisch betreut werden, berichtete der BVB-Geschäfstführer. Besonders die schmerzerfüllten Schreie von Mitspieler Marc Batra blieben in Erinnerung.