Chronik 23.07.2017

"Tattoos und Piercings sind mein einziger Schmuck"

Clara Diesenreiter. Die 23-jährige Zahntechnikerin ist leidenschaftliche Tattoo- und Piercingträgerin.

KURIER: Warum haben Sie sich tätowieren lassen?

Clara Diesenreiter: Früher sah ich wie ein Mauerblümchen aus. Das hat sich dank der Tattoos verändert. Außerdem habe ich eine angeborene Skoliose, also eine krumme Wirbelsäule. Die Tattoos machen mich selbstbewusster, weil ich meinen eigenen Rücken wieder ansehen kann. Tattoos und Piercings sind mein einziger Schmuck.

Sie haben schon mehrere Tattoo-Termine absolviert. Hatten Sie dabei jemals Angst?

Angst ist meistens nur beim ersten Mal da, weil man nicht weiß, wie es wird. Jetzt habe ich keine Bedenken mehr. Ich habe Vertrauen zu meinem Tätowierer.

Welche Eigenschaften sollte ein Tätowierer Ihres Vertrauens haben?

Er muss mich gut beraten, ob das gewünschtes Motiv an der Körperstelle auch wirklich gut aussieht. Er soll auch auf den selben Tattoo-Stil stehen wie ich. Eine Arbeit, die einem gefällt, erledigt man gleich viel lieber. Auch eine gute Gesprächsbasis ist wichtig. Eine verpfuschte Tätowierung wäre für mich ein Vertrauensbruch.

Würden Sie Ihren Kindern erlauben, sich Tattoos stechen zu lassen?

Hätte ich Kinder, würde ich ihnen Tattoos nicht verbieten. Ich würde mir aber genau anschauen, wer diese macht.

Welche Bedeutung haben Ihre Tattoos für Sie? Meine Tattoos beschreiben meine Persönlichkeit und sind auch eine Landkarte meines Lebens. Man sieht eine Rose, einen Zahn, einen Marienkäfer, Schmetterlinge, Blumen, Drachen. Es gibt auch Stilbrüche, denn ich habe einfach stechen lassen, was mir gefällt.

Wäre es für Sie ein Problem, wenn eine weitere Person ähnliche Tattoos ausgewählt hätte wie Sie?

Ich fände es witzig, wenn irgendwer meine Tattoos hätte. Es gibt auch Freundschaftsmotive, die ident sein müssen. Ich zum Beispiel habe einige davon, zum Beispiel einen Spruch oder Kussmund. Wenn es diese Freundschaft nicht mehr gibt, bleibt zumindest das Motiv als schöne Erinnerung an diese Zeit erhalten.

Besteht beim "Tätowieren lassen" Suchtpotential?

Für manche Menschen ist es eine Sucht. Ich sehe Tätowieren als eine Art Schönheitspflege für mich persönlich. Ich könnte mich zum Beispiel ohne Piercings nicht in den Spiegel schauen, weil es ungewohnt wäre.

Welches Verhältnis haben Sie zu ihrem Körper?

Ich persönlich mag meinen Körper. Mir gefällt er aber tätowiert besser, auch wenn dies vielleicht gesundheitsschädlich ist.

Haben Sie keine Angst, dass im Alter die Tattoos vielleicht nicht mehr so gut aussehen?

Ich glaube, dass das im Prinzip egal ist, irgendwann hängt die Haut sowieso, ob sie nun tätowiert ist oder nicht.

Wie hoch schätzen Sie die Akzeptanz von Tattoos in der Öffentlichkeit ein?

Es ist nicht mehr so wie früher, dass man in eine bestimmte Schiene reinfällt. Die Tätowierung ist in allen Berufssparten und Gesellschaftsschichten angekommen.Mittlerweile sind Tattoos auch als Protest irrelevant. Man sieht jetzt auch Leute, die Tätowierungen auch am Finger haben, was es früher selten gab.Hatten Sie am Arbeitsplatz wegen ihrer Tattoos jemals Probleme mit der Akzeptanz?

Nein, glücklicherweise nicht. Ich würde auch für niemanden arbeiten wollen, der mich aufgrund meines Aussehens nicht einstellen möchte.

( kurier.at ) Erstellt am 23.07.2017