Sorgerechtsstreit um die Kinder ging der Bluttat voraus

Das Haus im Ortsteil Schildberg der Marktgemeinde Böheimkirchen
Die 35-jährige Frau, die in Böheimkirchen ihre Mutter, den Bruder und ihre eigenen drei Kinder getötet hat, scheint ein Motiv gehabt zu haben. Sie stritt mit dem Vater der Kinder vor Gericht um das Sorgerecht für die beiden Buben und das Mädchen. Die Mitschüler werden psychologisch betreut.

Es ist ein Puzzle, das sich Stück für Stück zusammenfügt: Einen Tag, nachdem Ermittler in einem ehemaligen Wirtshaus in Schildberg bei Böheimkirchen (NÖ) sechs Leichen entdeckt haben, kristallisiert sich für die Fahnder immer mehr ein mögliches Motiv heraus. Der Auslöser für die Wahnsinnstat könnte in einem erbitterten Sorgerechtsstreit zu finden sein. Auch die Krebserkrankung der Mutter spielt womöglich eine Rolle.

Seit Jahren tobte zwischen Martina R. und dem Vater ihrer Kinder ein Kampf um Michelle (7), Fabian (9), und Sebastian (10). KURIER-Informationen zufolge wurde der Sorgerechtsstreit am Bezirksgericht Neulengbach ausgetragen, eine Einigung soll noch nicht in Sicht gewesen sein. Zudem soll es kürzlich vor dem Haus der 35-Jährigen zu einer heftigen verbalen Auseinandersetzung mit dem Kindsvater gekommen sein, der die zwei Burschen und das Mädchen sehen wollte. Martina R. soll ihm den Zutritt verweigert haben.

War dies der Zeitpunkt, an dem sich die 35-Jährige dazu entschloss, ihre Kinder mit in den Tod zu nehmen? Fest steht, dass die mutmaßliche Täterin am 21. November in der Schule anrief und erklärte, dass ihre Mutter gestorben sei und die Kinder nach dem Verlust ihrer Oma nicht in die Schule kommen würden. Niemand schöpfte Verdacht.

In Wahrheit starb die schwer krebskranke Großmutter durch die Hand ihrer Tochter. Wie seit Donnerstag bekannt ist, erschoss Martina R. all ihre Familienmitglieder, als sie in ihren Betten lagen – ihre Mutter Mathilde R. (59), ihren Bruder Peter (41) sowie ihre drei Kinder. Sie wurden mit Kopfschüssen aus nächster Nähe umgebracht, ehe die Frau die Walther 7.65, die auf ihre Mutter registriert war, gegen sich selbst richtete.

Sorgerechtsstreit um die Kinder ging der Bluttat voraus
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Laut Polizei gibt es Anzeichen, dass die Opfer nicht alle zur selben Zeit erschossen wurden. Weitere Aufschlüsse erhofft man sich von der Obduktion der Leichen, mit der am Freitag begonnen wurde. Die Staatsanwaltschaft St.Pölten rechnet damit, dass die Untersuchungen erst in einigen Tagen abgeschlossen werden können.

Die Morde im Haus in Schildberg blieben jedenfalls einige Zeit unentdeckt, bis der Arbeitgeber von Peter R. am Donnerstag die Polizei einschaltete. "Er war bei uns 15 Jahre lang im Unternehmen als EDV-Administrator im IT-Support. Ein wirklich sehr geschätzter Kollege. Nachdem er einige Tage nicht zur Arbeit erschienen ist, haben wir natürlich nachgefragt und die Polizei informiert", sagt die Sprecherin von PricewaterhouseCoopers in Wien, Barbara Lang.

Ängste

In der Volksschule in Böheimkirchen war man am Freitag damit beschäftigt, die Mitschüler der drei getöteten Kinder psychologisch zu betreuen. "Es geht zuerst darum, die Schüler reden zu lassen, um zu erfahren, was sie über das Ereignis wissen", erklärt Andrea Richter, leitende Schulpsychologin des nö. Landesschulrats (siehe Zusatz).

Unterdessen können sich Nachbarn der Familie noch immer nicht erklären, wie es zu der Tragödie kommen konnte. Engen Kontakt pflegte jedoch niemand zu der dreifachen Mutter. Ihre Kinder soll sie vor der Außenwelt abgeschirmt haben. Sie fuhr mit ihnen täglich mit dem Schulbus zur Volksschule und ging danach wieder zu Fuß retour.

Medienberichte, wonach der Kindsvater aus dem Drogenmilieu komme, werden von der Polizei übrigens vehement dementiert: "Wir mussten bei der Familie kein einziges Mal wegen eines Strafrechtsdelikts einschreiten", berichtet ein Ermittler im KURIER-Gespräch. Es gab nur ein Mal eine Beanstandung der Polizei, weil Mathilde R. zu Hause ihre Waffe nicht ordnungsgemäß verwahrt hatte. Dieselbe Waffe gelangte nun in die Hände ihrer Tochter, die damit das Blutbad anrichtete.

Merkwürdig mutet allerdings an, dass der Kindsvater bis Freitagnachmittag von der Polizei noch nicht telefonisch erreicht oder an seiner Wohnadresse angetroffen werden konnte. Laut Michaela Obenaus von der Staatsanwaltschaft stehe der Mann jedoch "in keinem Zusammenhang mit der Gewalttat".

Tragisches Detail: Mitte der 90er-Jahre kam es am Tatort in dem Gasthaus in Schildberg schon einmal zu einem traurigen Vorfall. Der damalige Wirt hatte sich in der Gaststube das Leben genommen, seine Frau fand die Leiche.

Andrea Richter ist die leitende Schulpsychologin beim niederösterreichischen Landesschulrat. Sie erklärt, wie so eine unfassbare Tat in Schulen aufgearbeitet wird.

KURIER: Die Kinder in der Volksschule Böheimkirchen werden seit Freitag von einem Kriseninterventionsteam psychologisch betreut. Wie kann man sich die Arbeit der Betreuer vorstellen?
Andrea Richter: In ruhiger Atmosphäre geht es in erster Linie darum, dass die Schüler über das Ereignis reden können. So erfahren die Psychologen, was die Kinder über die Tat wissen. Am Freitag hatten wir drei Psychologen und einen Betreuungslehrer für die Kinder im Einsatz. Auch nächste Woche werden wir vor Ort sein, weil es eine Zeitlang dauern wird, bis dieses Ereignis verarbeitet ist.

Sorgerechtsstreit um die Kinder ging der Bluttat voraus
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Was gibt es bei der Betreuung besonders zu beachten?
Gerade weil in einem kleinen Ort kurz nach so einer Tragödie oft viel spekuliert wird, was den Kindern natürlich nicht verborgen bleibt, darf man ihnen keine Chance lassen, dass sie darüber eigene Fantasien entwickeln. Solche Gedanken können ihnen schaden. Die Ängste müssen sofort abgefedert werden.

Wie sollen sich Eltern dieser Schüler zu Hause verhalten?
Wichtig ist, dass sie blutige Details über das Drama vor ihren Kindern fernhalten. Und beim Formulieren von Erklärungen sollte man negative Worte vermeiden.

Wie erklärt man Volksschülern, dass eine Mutter – als eine der wichtigsten Bezugspersonen der Kleinen – ihre eigenen Kinder umgebracht hat?
Man muss ganz vorsichtig erklären, dass es auch Menschen gibt, denen es manchmal schlecht geht und die in solchen Situationen furchtbare Dinge machen. Zudem ist es notwendig, zu betonen, dass solche Krisen selten sind und sich alle Kinder bei ihren Eltern sicher fühlen können.

Trauer, Fassungslosigkeit und Entsetzen herrschen nach der entdeckten Bluttat am Donnerstag in Böheimkirchen, NÖ. Im April 2015 waren sechs Personen der betroffenen Familie R. von der Nachbarortschaft Kirchstetten in den Böheimkirchner Ortsteil Schildberg in ein ehemaliges Gasthaus gezogen, das sie gekauft hatten. Jetzt sind alle Bewohner tot.

"Wir trauern um die Familie", sagte Bürgermeister Johann Hell Freitagvormittag vor zahlreichen Medienvertretern aus dem In- und Ausland. Die Marktgemeinde sei "tief bestürzt". Die Familie habe sehr ruhig und zurückgezogen gelebt, sagte Hell.

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Vor einem Supermarkt in Böheimkirchen wird über die Tragödie diskutiert. "Es gehört viel dazu, wenn man so eine Tat plant. Die Frau wird am Ende gewesen sein", sagt Maria Sch. So ein Drama sei schwer vorstellbar: "Die Frau hatte bestimmt massive psychische Probleme. Das Traurige ist, dass man in unserer Gesellschaft gleich ein Außenseiter ist, wenn man psychisch erkrankt", sagt Franz Bruckner.
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Maria Spendlhofer aus Kirchstetten, einem Ort wenige Kilometer entfernt von Böheimkirchen, war 15 Jahre lang die Nachbarin der Familie R. "Man hat die Mutter und die Kinder kaum gesehen. Ab und zu waren sie abends kurz mit ihrem Hund unterwegs. Für viele hier galt die Familie als verschroben. Sie suchten überhaupt keinen Kontakt", erzählt die Pensionistin.

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