Chronik
04.02.2018

Skifahren: Übermut auf Piste ist größte Gefahr     

Mit den Semesterferien steigt die Zahl der Skifahrer auf den Pisten massiv. Die Hüttengaudi geriet zuletzt in Verruf. Aber auch ohne Alkohol steigt die Unfallgefahr. Der häufigste Grund: Übermut.

Die Niederösterreicher und Wiener haben es zum Semesterferienbeginn gut. Von derzeit "perfekten Rahmenbedingungen in den Skigebieten" und einer guten Auslastung spricht Thomas Mayr-Stockinger, Obmann-Stell- vertreter der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft der Wirtschaftskammer OÖ.

Sport sei ein guter Ausgleich zu den vielen sitzenden Tätigkeiten und der Bildschirmarbeit, sagt er im KURIER-Gespräch. Beim Skifahren werden das Herz-Kreislauf-System, die Bein- und Rückenmuskulatur sowie die Schultern trainiert. Und weil man häufig und schnell reagieren muss, wird auch das Gehirn gefordert. Zudem verbrennt man als Skifahrer pro Stunde durchschnittlich 450 Kilokalorien. "Aber der Körper soll nicht überstrapaziert werden. Möglicherweise gibt es eher mehr Unfälle, je länger ein Tag auf der Skipiste dauert, je müder die Wintersportler werden und je mehr sie sich überfordern."

Eigenverantwortung

Peter Niedermoser, Präsident der Ärztekammer OÖ, vermutet eine hohe Dunkelziffer jener Verletzungen, die beim Skifahren unter Alkoholeinfluss passieren. Er forderte im Jänner routinemäßige Alkoholkontrollen nach jedem Skiunfall mit Verletzung, auch bei Eigenverletzungen.

Damit stößt er bei Mayr-Stockinger auf Unverständnis: Der Vorschlag sei "nicht praxistauglich", weshalb er weiterhin Entscheidungsfreiheit will. "Eine Reduktion auf Skifahrer halte ich für weit weg von der Realität." Franz Blöchl, Leiter der Abteilung für Schadensfälle bei der Oberösterreichischen Versicherung, spricht sich für Routinekontrollen auf der Skipiste aus. Außerdem appelliert er an die Eigenverantwortung, die jedem Ski- und Snowboardfahrer zukomme.

Für Karl Gabl, Präsident des Kuratoriums für Alpine Sicherheit in Innsbruck, "ist Alkohol nicht das unfallrelevante Thema. Das Gefährlichste ist immer noch, dass die Leute die Geschwindigkeit nicht ihrem eigenen Können anpassen."

Vor allzu hohem Alkoholkonsum warnen jedoch alle Pistenexperten. Nicht nur die geringere Reaktionsgeschwindigkeit erhöht das Unfallrisiko, sondern auch die vom Alkohol verursachte Übersäuerung des Körpers.

Neben der Selbstüberschätzung sehen Sportmediziner auch noch schlechte Kondition und Übermüdung als Ursache. Und natürlich eine falsche Ausrüstung: Ein Helm sollte heutzutage selbstverständlich sein, auch Rückenprotektoren helfen, schwere Verletzungen zu verhindern. Snowboarder sollen auf verstärkte Handschuhe achten. Ungeeignete Skier oder Snowboards erhöhen ebenfalls das Unfallrisiko.

Und dann gibt es leider immer noch die Menschen, die glauben, dass sie durch eine besonders rücksichtslose Fahrweise als cool gelten. "Gerade dann, wenn auf den Pisten Hochbetrieb herrscht, muss man das Tempo drosseln", mahnt Gabl.

Mit einem Massenauflauf in den Skigebieten ist in den kommenden Wochen angesichts der Semesterferien in Ost und West und der guten Schneelage zu rechnen. Um Unfällen vorzubeugen, lohnt zudem ein Blick in die FIS-Regeln (siehe rechts). Der viele Schnee dürfte dafür sorgen, dass die Zahl der Unfälle und Verletzten in dieser Saison im Vergleich zum Vorjahr zurückgeht, glaubt Gabl. Denn: "Die Sportler fallen weich."

Unfallrückgang

Genaue Daten, wie viele Verletzte es gibt, sind derzeit schwer zu erhalten: Die Alpinpolizei meldet zwar jeden Skiunfall an das Kuratorium für Alpine Sicherheit. Doch das Innenministerium kämpft derzeit mit einem Softwareproblem. Das wirkt sich auch auf die Statistik aus.

610 Verletzte wurden vom 1. November 2017 bis 7. Jänner 2018 auf Skipisten offiziell registriert. Im Vergleich zum selben Zeitraum in der Saison 2016/’17 mit 1099 Verletzten wäre das ein massiver Rückgang. In der gesamten Vorsaison waren in Österreich rund 6800 Personen in über 4000 Pistenunfälle verwickelt (Grafik). Dabei wurden 4700 der beteiligten Wintersportler verletzt. Gut 90 Prozent der Verletzungen waren Folge von Kollisionen zwischen Skifahrern.

Die zehn Gebote auf der Piste

Rücksichtnahme auf die anderen Skifahrer und Snowboarder

Jeder Skifahrer muss sich so verhalten, dass er keinen anderen gefährdet oder schädigt oder ihn in der Ausübung seiner Tätigkeit einschränkt.

Beherrschung der Geschwindigkeit und der Fahrweise

Jeder Skifahrer muss auf Sicht fahren. Er muss seine Geschwindigkeit und seine Fahrweise seinem Können und den Gelände-, Schnee- und Witterungsverhältnissen sowie der Verkehrsdichte anpassen.

Wahl der Fahrspur

Der von hinten kommende Skifahrer muss seine Fahrspur so wählen, dass er vor sich fahrende Skifahrer nicht gefährdet.

Überholen

Überholt werden darf von oben oder unten, von rechts oder links, aber immer nur mit einem Abstand, der dem überholten Skifahrer für alle seine Bewegungen genügend Raum lässt.

Einfahren, Anfahren und hangaufwärts Fahren

Jeder, der in eine Skiabfahrt einfahren, nach einem Halt wieder anfahren oder hangaufwärts schwingen oder fahren will, muss sich nach oben und unten vergewissern, dass er dies ohne Gefahr für sich und andere tun kann.

Anhalten

Jeder Skifahrer muss es vermeiden, sich ohne Not an engen oder unübersichtlichen Stellen einer Abfahrt aufzuhalten. Ein gestürzter Skifahrer muss eine solche Stelle so schnell wie möglich freimachen.

Aufstieg und Abstieg

Ein Skifahrer, der aufsteigt oder zu Fuß absteigt, muss den Pistenrand benutzen.

Beachten der Zeichen

Jeder Skifahrer muss die Markierung und die Signalisierung beachten.

Hilfeleistung

Bei Unfällen ist jeder Skifahrer zu Hilfeleistung verpflichtet.

Ausweispflicht

Jeder Skifahrer, ob Zeuge oder Beteiligter, ob verantwortlich oder nicht, muss im Falle eines Unfalles seine Personalien angeben.

Beim Einkehrschwung fließt der Alkohol

Andreas Hafner hat heute schon eine Anfahrt von über drei Stunden hinter sich. In einem Reisebus haben er und seine Frau Andrea aus der Oberpfalz (Bayern) sich am frühen Morgen für einen einzigen Skitag in der Skiwelt Wilder Kaiser in Tirol auf den Weg gemacht. Jetzt sitzen die beiden um die Mittagszeit auf der Sonnenterrasse im Bergrestaurant auf der Hohen Salve. Zum Essen trinken sie ein Bier und stoßen danach noch mit einem Schnapserl an.

"Das gehört zu einem Skitag dazu. Es wäre Schade, wenn man gar nichts mehr trinken dürfte", sind sich die beiden einig. Zuletzt ist wieder die Diskussion um die Gefahr von betrunkenen Skifahrern entbrannt (siehe Artikel links). Zwar wurde kein generelles Alkoholverbot gefordert, aber doch Planquadrate auf der Piste und Alkomat-Tests nach Unfällen, selbst wenn der Betrunkene dabei nur sich selbst verletzt.

Die Hafners schätzen zwar den sanften Einkehrschwung, halten aber rein gar nichts von sturzbetrunkenen Skifahrern. "Ich würde mich tierisch ärgern, wenn so jemand meine Kinder umfährt", sagen die beiden Deutschen. Fordert ein Unfall Verletzte, dann würde das Ehepaar dafür plädieren, dass beim Verursacher verpflichtend eine Alkoholtest durchgeführt wird, sagen sie auf Nachfrage.

Das ist bislang nicht vorgesehen, wie eine Sprecherin der Tiroler Polizei auf Anfrage erklärt: "Wir bewegen uns auf der Piste nicht in der Straßenverkehrsordnung." Alpinpolizisten könnten Unfallgegner zwar theoretisch zu einem Alkoholtest bitten. Das kommt in der Praxis aber kaum vor – Skifahrer können den Test nämlich ohne Konsequenzen verweigern.

Wilde Zeiten

Unterhalb der Hohen Salve lassen sich zwei Rentner aus dem bayerischen Oberaufdorf auf der Rigi Alm die Sonne ins Gesicht scheinen. Vor beiden steht je ein Weizenbier am Tisch. Hinter den 77-Jährigen liegt eine Skitour. "Wenn ich hier raufgehe, dann brauche ich eine Halbe", sagt Dieter Pamler lachend. Und sein Freund Franz Titz gesteht ein: "Früher sind wir schon versumpft und die Frau hat geschimpft."

Heute bleibt es beim Genussbier. Und beide sind sich einig, dass Sturzbetrunkene nichts auf der Piste verloren haben: "Das die ein Risikofaktor sind, ist klar. Wenn die jemand umfahren, ist es schon angebracht, dass es danach eine Kontrolle gibt."

Vor dem Tennerstadl ein paar Höhenmeter weiter unten sitzt eine Männertruppe aus Nürnberg vor einigen leeren Bier- und Schnapsgläsern. Sie sind gegen 14 Uhr bereits am Ende ihres Skitags angelangt. "Betrunken fahren ist absolut unverantwortlich", kommt die doch überraschende Antwort auf die Frage, was sie von betrunkenen Skifahrern halten.

"Wir rutschen nur noch ein paar Meter zu unserer Unterkunft runter", versichert Thomas Schubert. "So würden wir nicht mehr ins Tal fahren", sagt sein Kumpel Marco Jochmann.

Dass das nicht jeder so hält, weiß Angelika Wahrstötter, seit 28 Jahren Wirtin der Après-Ski-Bar: "Wir hatten zuletzt einen Gast, der konnte nicht einmal mehr gehen. Ich wollte ihm ein Taxi rufen, aber er ist einfach abgehaut." Darum sagt selbst die Gastronomin zu Alkoholkontrollen: "Bei gewissen Leuten, warum nicht."

Durchwegs winterliche Woche

Optimale Wetterbedingungen gibt es für alle jene, die die Semesterferien zum Ski- oder Snowboardfahren nutzen möchten, kündigt Ubimet-Meteorologe Florian Pfurtscheller an. "Die Temperaturen werden tagsüber um den Gefrierpunkt liegen. In klaren Nächten können sie teilweise in den zweistelligen Minusbereich sinken." Der Schnee, der in den vergangenen Tagen dazugekommen ist, wird also jedenfalls liegen bleiben.

Heute, Sonntag, wird es allerdings nur mehr leicht schneien. Sonnentechnisch ist die Alpensüdseite bevorzugt.

Der morgige Montag beginnt mit Nebel und Hochnebel. Es wird aber nach und nach aufklaren. Der Wind wird nur mäßig gehen.

Der sonnigste Tag wird aus derzeitiger Sicht der Dienstag. Durch föhnigen Wind wird es etwas milder sein, als in den Tagen zuvor.

Ab Wochenmitte sind die Prognosen noch mit Vorsicht zu genießen. Derzeit sieht es so aus, als würde ab Mittwoch wieder etwas Schnee kommen. Auch in Ostösterreich soll es winterlich werden.

Die restliche Woche soll es bewölkt und kalt bleiben.

Kilometerlange Staus

Wer in den Urlaub gefahren ist, wurde gestern, Samstag, auf die Geduldsprobe gestellt. Insbesondere an den Grenzübergängen kam es zu langen Wartezeiten, berichteten die Autofahrerclubs ÖAMTC und ARBÖ. Besonders betroffen waren die Transitstrecken in der Obersteiermark, Salzburg, Tirol und Vorarlberg.

Den längsten Stau verzeichneten die Clubs in Tirol auf der Inntalautobahn (A12) vor der Grenze Kufstein/Kiefersfelden. Die Kolonnen standen teilweise bis Kirchbichl zurück, die Fahrt verzögerte sich um rund zwei Stunden. Auch auf der Ausweichstrecke, der Tirolerstraße (B171), kamen die Autofahrer bald nur sehr langsam voran. Ebenfalls stark überlastet war die Strecke über den Fernpass (B179) und das Zillertal (B169).