Brunnenmarkt

© KURIER/Franz Gruber

Stimmungsbild Brunnenmarkt
07/16/2016

„Sie wollen, dass die Türkei niederkniet“

Am Wiener Brunnenmarkt herrscht nach dem Putschversuch Erleichterung. Die Drahtzieher vermuten viele außerhalb der Türkei.

von Moritz Gottsauner-Wolf

Irgendwann zwischen vier und fünf Uhr morgens ist Berat vor dem Fernseher eingeschlafen. Genau weiß es der Mittvierziger nicht mehr, der sich selbst schelmisch lächelnd als „Halb-Kanake“, also „halb Österreicher, halb Türke“, bezeichnet. Wie Tausende andere Wiener mit türkischem Hintergrund hat auch er den Putschversuch in der Türkei wie gebannt von der Couch aus verfolgt.

„Jeder ist froh, dass es vorbei ist, ich auch“, sagt Berat, während er sich in einem Wettlokal am Wiener Brunnenmarkt eine Zigarette dreht. Dabei ist Berat nicht einmal ein Anhänger Erdogans oder seiner Partei AKP. Ja, er sei im Grunde sogar apolitisch. „Aber so ein Putsch kann das Land zerstören und die Wirtschaft zurückwerfen“, sagt er.

Vor der Türe am Brunnenmarkt im 16. Bezirk, einem Zentrum des türkischen Lebens in Wien, geht am Morgen nach dem gescheiterten Putschversuch scheinbar alles seinen gewohnten Gang. Wären da nicht die Marktstandler und Lokalgäste in den umliegenden Cafés, die über den Bildschirmen ihrer Smartphones kauern. Wieviele Tote, wie viele Verhaftete? Immer höhere Zahlen machen die Runde. Es gibt nur ein Gesprächsthema.

Erdogan "kein Diktator"

„Ich liebe mein Land, obwohl ich schon lange in Österreich lebe“, sagt Berat, der seinen richtigen Namen, wie viele andere, nicht in der Zeitung lesen will. Ein Problem habe er mit der Art und Weise, wie die Türkei und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan im Ausland beurteilt werden. „Europa stellt Erdogan dar, als ob er ein Diktator wäre. Aber das ist er in meinen Augen nicht “, sagt er. Die Ursachen für den Putsch seien im Ausland zu suchen. „Es ist ein Spiel anderer Länder, die Türkei zu spalten.“

So denken viele am Brunnenmarkt, zumindest jene, die offen darüber sprechen wollen. Erdogan und der Türkei würde Unrecht getan. Das Ausland habe an der Krise einen Anteil. Welchen genau, darüber gehen die Meinungen dann etwas auseinander. Die USA, die EU, die Banken, unsichtbare Kräfte.

„Der Gülen war es“, sagt Norbert Kaya, der in der Filiale eines Bargeldtransferdienstes unweit des Wettlokals arbeitet. Er meint Fethulla Gülen, den Anführer der religiösen, nach ihm benannten Bewegung. Gülen lebt in Pennsylvania und wird von Erdogan immer wieder für innenpolitische Krisen verantwortlich gemacht. Der Mittvierziger Kaya sitzt hinter dem Schalter des Geschäfts in einem Bürosessel. Auf dem kleinen Computerbildschirm neben ihm läuft eine türkische Nachrichtensendung ohne Ton. Zu sehen sind Soldaten auf einer Hauptstraße.

"Die Türkei soll niederknien"

„Mein Vertrauen in die europäische Politik ist weg“, sagt Kaya, der in Deutschland aufgewachsen ist. „Der Westen stellt nämlich nicht den Frieden, sondern die wirtschaftlichen Interessen in den Mittelpunkt.“ Erdogan habe das Richtige gemacht. „Es ist ein großes Spiel in Europa, Erdogan als Diktator hinzustellen. Das ist er aber nicht“, findet auch er.

„Putin ist ein Diktator, nicht Erdogan“, wirft ein Kunde ein, der das Gespräch mitgehört hat. Mitte Zwanzig, Kapuzenpullover. „Die Welt will, dass die Türkei niederkniet.“ Die Türkei solle gespalten werden, so wie einst der Balkan, sagt er.

Kurdisch, aber gegen den Putschversuch

Ferhat, 31, hat keine Theorie darüber, wer an den Ereignissen Schuld trägt. Der TU-Student lehnt lässig an der Theke in einer türkischen Bäckerei. Auch er hat sich die Nacht um die Ohren geschlagen und sogar an der Demonstration vor der türkischen Botschaft teilgenommen, zu der vergangene Nacht Tausende Menschen spontan erschienen sind. Dabei sei er gar kein Erdogan-Anhänger, sagt Ferhat. Mehr noch, „ich bin Kurde und für Kurden ist die Politik Erdogans, sagen wir einmal, nicht so gut.“

Er sei schlicht und einfach froh, dass der Putschversuch vorbei ist. „Erdogan ist immer noch besser als das Militär“, sagt Ferhat. Auch wenn er befürchtet, dass der türkische Präsident nun noch populärer werden könnte.

"Keiner will einen Putsch"

Im Wettcafé an der Ecke hat die Debatte mittlerweile an Fahrt aufgenommen. „Ein Riesenblödsinn war dieser Putschversuch“, sagt ein gemütlicher älterer Herr mit angegrautem Schnauzer. Neben ihm steht Rüstem Koc, 28, gebürtiger Türke, aber seit 17 Jahren in Wien. „Ich bin für Erdogan. Warum, das haben wir ja gestern gesehen“, sagt er. „Es gibt die Pro-Erdogan-Leute und Leute, die gegen ihn sind, so wie er hier“. Er zeigt auf den Mann mit Schnauzer, der jetzt lächelt. „Aber so etwas wie diesen Putsch, das will keiner.“

Das ganze Volk sei dagegen gewesen, das habe man gemerkt. „Sie waren alle auf der Straße, Zivilisten haben sich gegen die Soldaten gestellt.“ Der Stolz auf die türkische Zivilbevölkerung schwingt in den Gesprächen mit. Aber auch die Skepsis gegenüber den westlichen Medien für die Art und Weise, wie über den Putschversuch berichtet wurde.

Bevor Berat auf seiner Couch wegdöste, hatte er nämlich zwischen türkischen und deutschen Nachrichtensendern hin und her geschaltet. „Bei den deutschen Sendern hat man offenbar geglaubt, dass der Putsch schon eine sichere Sache ist. Vielleicht haben sie sich das insgeheim auch gewünscht“, sagt er. „Das war bei den türkischen Sendern ganz anders.“

Einig ist sich die Gruppe im Wettcafé darin, dass die Türkei bald wieder zur Normalität zurückkehren wird. Erdogan sei gestärkt, ja. „Aber das Leben geht weiter“, sagt der Herr mit dem grauen Schnauzer.