Chronik | Österreich
03.09.2017

"Wir dachten zuerst, sie simuliert"

Nach mutmaßlichem Polizeiübergriff auf eine Frau wurde ein weiterer Zeuge ausgeforscht.

Zurückgeschoben. Gestolpert. Den Sicherheitsabstand verletzt: So rechtfertigte ein Beamter noch im Mai, weshalb eine 47-jährige Frau verletzt vor ihm auf dem Boden lag.

"Sie hat meinen persönlichen Abstand ignoriert", setzte er nach, und sein Kollege, der an diesem Abend des 6. Mai neben ihm stand, beteuerte: "Er hat sie an den Oberarmen leicht erfasst und zurückgeschoben. Dann ist sie gestolpert. Wir dachten zuerst, sie simuliert eine Verletzung."

Aussagen, die Rechtsanwalt Manfred Arbacher-Stöger dann doch irritieren. Schließlich hatte Monika R. eine Platzwunde am Kopf, war kurzzeitig ohne Bewusstsein und musste im Spital versorgt werden.

Noch etwas irritiert den Juristen: Dass von den Leobener Behörden gegen Leobener Polizisten ermittelt wird. "In Wien und Niederösterreich wäre so etwas schon längst in ein anderes Bundesland verlegt worden. Aber in der Steiermark geht’s einfach so weiter." Arbacher-Stöger will einen Delegierungsantrag stellen, damit der Fall Monika R. in einem anderen Gerichtssprengel verfolgt wird.

Eine Aussage wog mehr

Aber immerhin wird der Fall verfolgt. Die Staatsanwaltschaft Leoben hat das Verfahren gegen den Polizisten, der seinen "Sicherheitsabstand" bedroht fühlte, nämlich schon einmal eingestellt: Es stand Aussage gegen Aussage, und jene zweier uniformierter Polizisten wog mehr als die einer 47-Jährigen, die zur Tatzeit alkoholisiert war.

Doch seit zehn Tagen ist alles anders. Beide Beamte wurden von der Landespolizeidirektion vorläufig suspendiert: Ein Video ist aufgetaucht, das die Version des mutmaßlichen Übergriffsopfers stützt. Ein Polizist schubst, der zweite steht daneben. Dann gehen sie weg, kehren aber kurz darauf wieder und holen die Rettung. "Zurückkommen reicht aber nicht", ärgert sich Arbacher-Stöger. "Meine Mandantin war ohne Bewusstsein, und die gehen einfach weg."

Jetzt ermittelt die Justiz gegen beide Beamte: Gegen den einen wegen des Verdachts der Körperverletzung, gegen den anderen wegen des Verdachts der falschen Zeugenaussage. Und demnächst auch wegen Amtsmissbrauch: Arbacher-Stöger brachte eine entsprechende Sachverhaltsdarstellung ein, um klären zu lassen, ob diese mutmaßliche Falschaussage freiwillig oder auf Anstiftung erfolgt sei.

Noch etwas sollte offiziell untersucht werden, fordert der Anwalt: "Es ist abzuklären, ob und wie lange das Video eigentlich der Polizei intern schon vorgelegen ist?"

Der Öffentlichkeit und damit auch Monika R. wurde es erst über Vermittlung eines Leobener Gemeinderats Anfang vergangener Woche bekannt.

Der dritte Mann ist da

Eines ist immerhin nach einigen Tagen Suche geklärt: Die Identität des ominösen dritten Mannes. Auf dem schwarz-weißen Überwachungsvideo, das aus der Kamera eines Lokals stammt, ist deutlich ein weiterer Mann zu erkennen, der neben den Polizisten steht. "Der Mann wurde gefunden", betont Arbacher-Stöger. Er hofft auf zusätzliche Aufklärung durch diesen Zeugen.

Monika R. selbst gehe es bedingt durch die Aufregung derzeit leider nicht sehr gut, bedauert Arbacher-Stöger. "Meine Mandantin hat nach wie vor massive Angst, von der Polizei bedrängt zu werden. Sie wird sich psychologisch behandeln lassen." Die 47-Jährige war bisher auch die einzige, die einen Strafbescheid in der Causa erhielt. Doch Arbacher-Stöger wird dagegen Einspruch erheben: Monika R. soll Strafe zahlen, weil sie sich am 6. Mai den Beamten gegenüber nicht geziemend verhalten habe Polizisten unter anderem als "Buberln" zu titulieren kostet 250 Euro wegen unpässlichen Verhaltens.