Chronik | Österreich
09.03.2014

Krim-Krise bewegt Auswanderer

Russen und Ukrainer, die in Österreich leben, kritisieren die europäische Einmischung.

Fast täglich kommen neue, irritierende Meldungen über die angespannte Lage auf der Halbinsel Krim. In Europa wird sogar ein Krieg befürchtet. Seit jeher streiten sich Russland und die Ukraine um die Halbinsel am Schwarzen Meer. Auch die Zusammensetzung der Bevölkerung spiegelt das wider. Knapp 60 Prozent der Bewohner sind russischstämmig, nur 25 Prozent ukrainischer Herkunft. Der Kampf um die Vorherrschaft auf der Halbinsel steht im Zentrum des Konflikts.

Als der KURIER Russen und Ukrainer in Wien besucht, zeigt sich ein anders Bild, als viele Europäer vielleicht vermuten.

Michael Burt stammt aus der Ukraine und betreibt ein Geschäft mit russischen und ukrainischen Spezialitäten in Wien. Sein Kundenstamm setzt sich hauptsächlich aus diesen beiden Volksgruppen zusammen. Natürlich verfolgt er die Krise intensiv. "In der Ukraine muss man vom Polizisten bis zur Kindergärtnerin alle bestechen. Deshalb waren die Aufstände nötig. Wenn ich mit ukrainischen Freunden telefoniere, merke ich erst, wie schlimm es ist. Sie haben nichts zu essen, müssen sich, so gut es geht, mit selbst angebauten Kartoffeln versorgen." Es sei jetzt wichtiger, diesen Menschen zu helfen, als über die große Politik zu diskutieren.

"Krim ist russisch"

Burt versteht auch nicht, warum sich der Westen in die Krise einmischt: "Putin hat schon immer seine Kriegsflotte auf der Krim. Es ist klar, dass man die nicht einfach abziehen kann, von heute auf morgen. Die Krim ist im Allgemeinen sehr russisch." An einen bevorstehenden Krieg glaubt er nicht: "Putin zeigt seine Macht, das ist alles".

Dieser Meinung ist auch Irina Dotsenko. Sie stammt aus dem Nordkaukasus und ist die Chefin der in Österreich erscheinenden russischen Zeitung "Dawai!". Ihr sind vor allem die westlichen Medienberichte ein Dorn im Auge. "Es wird in Europa so dargestellt, als ob in der Ukraine jetzt alles gut ist, weil es eine neue Regierung gibt." Ob das tatsächlich so sei, müsse man aber erst abwarten. "Diese Regierung wurde ja nicht demokratisch gewählt." Dotsenko spricht auch an, dass nach ihren Informationen viele rechtsextreme Nationalisten unter den Demonstranten auf dem Maidan waren: "Ich verstehe nicht, warum der Westen diese Leute unterstützt. Man sollte erst abwarten, bis sich die Lage entspannt hat. Dann wäre es das Sinnvollste, die Bewohner auf der Krim abstimmen zu lassen. Jetzt ist alles noch zu verwirrend und undurchsichtig."

"Wie vor 80 Jahren"

Elias E. ist Besitzer eines russischen Lokals im ersten Bezirk. Er telefoniert täglich mit seiner Schwiegermutter Natasha, einer Russin, die auf der Krim lebt. Erst vor Kurzem besuchte Elias E. dort die Familie. Seiner Meinung nach hat die Ukraine die Halbinsel in den letzten Jahren völlig vernachlässigt: "Dort ist es wie bei uns vor 80 Jahren. Obwohl Putin Hunderte Millionen Miete für das Ankern seiner Flotte bezahlt, hat man nichts von dem Geld auf der Krim investiert".

Viele Landsmänner verstehen laut Elias E. auch nicht, wo der russisch-ukrainische Konflikt herkommt. "Wir haben immer Seite an Seite gekämpft, und plötzlich sind wir Feinde?"

Zahlen und Fakten

Ukrainer in Österreich: 6801 Ukrainer leben derzeit in Österreich, 10.000 Österreicher sind laut Schätzungen ukrainischer Herkunft

Russen in Österreich: 31.610 Russen sind in Österreich offiziell gemeldet, 100.000 Österreicher haben russische Wurzeln