Chronik | Österreich
15.04.2017

Versorgung nach der Geburt: Viel zu wenige Kassen-Hebammen

In Wien bräuchte es doppelt so viele Geburtshelferinnen. Mängel auch in anderen Bundesländern.

Für Sophie Breiner war klar: Sie möchte eine ambulante Geburt. Doch dieser Wunsch hätte fast nicht erfüllt werden können. Denn dafür brauchte sie eine Hebamme. "Nach der Beratung während der Schwangerschaft habe ich angefangen, Hebammen anzuschreiben. Es kamen aber nur Absagen", erinnert sie sich.

In einigen Bundesländern, besonders aber in Wien, herrscht ein eklatanter Hebammen-Mangel. In der Bundeshauptstadt gibt derzeit nur 18 Geburtshelferinnen mit Kassenvertrag – bei zuletzt knapp 21.000 Geburten pro Jahr. Zwar hat jede Frau Anspruch auf eine derartige Versorgung im Wochenbett, doch bleibt dies für viele Schwangere reine Theorie. Wenn sie sich nicht bereits Monate vor dem Geburtstermin angemeldet haben, müssen sie auf privat zu bezahlende Wahlhebammen ausweichen, kritisiert das Österreichische Hebammengremium (ÖHG). Bei 80 bis 100 Euro pro Hausbesuch – bis zu zwölf sind möglich – kann sich das nicht jede leisten. Viele Frauen bleiben unversorgt.

Das Problem wird durch überfüllte Geburtenstation verschärft. Aufgrund des Bettenmangels werden Frauen bereits am zweiten Tag nach der Geburt aus dem Spital entlassen. Oft zu einem Zeitpunkt, wo das Stillen noch nicht richtig funktioniert. Dann eine Kassenhebamme zu bekommen, ist schier unmöglich. Die Folge: Wenn Probleme auftreten, stehen die Frauen wenige Tage nach ihrer Entlassung beim Kinderarzt, in der Ambulanz oder gar in der Notaufnahme. Durch eine Wiederaufnahme im Krankenhaus steigen die Kosten.

"Es kommen einfach Dinge auf einen zu, da ist man unsicher und müsste zum Arzt gehen. So rufe ich einfach eine Hebamme an", erzählt Breiner, mittlerweile Mama des acht Wochen alten Theo. "Hebammen betreiben Gesundheitsförderung. Wir können etwa postnatale Depressionen früher erkennen und bei Stillproblemen helfen", erklärt Johanna Sengschmid, Vize-Leiterin der Wiener ÖHG-Geschäftsstelle. "Damit werden langfristig Kosten vermieden." Ganz abgesehen davon: "Die Sozialversicherung hat einen Versorgungsauftrag. Das bedeutet, dass es genug Kassenstellen geben muss", kritisiert ÖHG-Präsidentin Petra Welskop. Aus Sicht der Expertinnen bräuchte es in Wien 62 statt 18 Kassenstellen.

Mehr Kassenstellen

Zumindest fünf könnten heuer in der Bundeshauptstadt dazu kommen. Dazu laufen derzeit intensive Gespräche. "Das entspricht dann zumindest jedem Bezirk eine", erklärt Sengschmid.

Für viele ist der Hebammen-Mangel symptomatisch: Was bei der Anmeldung in der überfüllten Geburtenstation beginne, setze sich bei der Versorgung junger Mütter fort, kritisieren Gewerkschafter. Die Wiederaufnahmen im Spital seien zunehmend ein Problem, meint Andrea Wadsack, von der Gewerkschaft Younion. Auch 23 Hebammen werden zu wenig sein, ist sie überzeugt. Gerade in Bezirken, in denen sich die Geburtskliniken befinden, müsse aufgestockt werden, meint auch KAV-Personalvertreter Heinrich Schneider. Vor allem, wenn es das Ziel ist, ambulante Geburten zu forcieren. Zudem gebe es im Sommer Versorgungsengpässe.

"Das ist ein langjähriges Versäumnis", meint auch Andrea Fleischmann von der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK). Nun sei die Sozialversicherung aber bemüht, die Vertrags- und Rahmenbedingungen zu verbessern. Aus ihrer Sicht bräuchte es in Wien 46 Hebammen, um eine optimale Versorgung sicherstellen zu können. Zudem könnten verpflichtende Hebammen-Beratungen vor der Geburt im Rahmen des Muter-Kind-Passes das Problem entschärfen.

Finanziell wäre eine Verbesserung wohl verkraftbar: Die WGKK gab im Vorjahr 574.000 Euro für die Kassen-Hebammen aus. Heuer wird mit 628.000 Euro gerechnet.

Stellen unbesetzt: Länder auf der Suche nach Hebammen

Österreichweit gibt es derzeit 212 Kassenhebammen. Wien ist nicht das einzige Bundesland mit einer Unterversorgung der Wöchnerinnen. Auch im Burgenland, der Steiermark sowie in Vorarlberg gibt es zu wenig Kassenhebammen, ergab eine parlamentarische Anfrage der FPÖ.

Besonders drastisch ist dabei die Situation in der Steiermark. Dort sind von 28 Planstellen nur 14 besetzt. "Die Hebammen haben im Laufe der letzten Jahre ihre Verträge etwa mit dem Argument zurückgelegt, dass die Tarife zu niedrig seien", erklärt Petra Dobnik von der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse. Immerhin wurden diese österreichweit mit 1. Jänner angehoben. Man sei bemüht, die Stellen zu besetzen, so Dobnik. Im März hätte es nun Bewerberinnen gegeben.

Dieselben Probleme hat das Burgenland – nur drei von sieben Stellen sind besetzt. "Wir haben trotz Ausschreibungen keine Bewerberinnen gefunden", bedauert der Direktor der Burgenländischen Gebietskrankenkasse, Christian Moder. Die Versorgung der Mütter sei aber durch Gynäkologen gewährleistet.In Vorarlberg gibt es fünf Kassen-Hebammen. "Wir sind aber mit dem Hebammengremium im Gespräch, um um drei Stellen aufzustocken", sagt Rosemarie Mennel, Sprecherin der Vorarlberger Gebietskrankenkasse. Ende Juni soll die Entscheidung fallen. Niederösterreich hingegen gilt vielen als Musterbeispiel. Dort sind derzeit 54 Geburtshelferinnen im Einsatz. Laut den Expertinnen könnten aber bis zu 88 mit Kassenvertrag arbeiten.