Chronik | Österreich
17.06.2017

Urban Monkeys: Grenzgänger im Höhenrausch

Die Terrorangst macht es den Roofern immer schwerer, ans Ziel zu kommen.

Tom sitzt mit einer gebrochenen Schulter vor seiner Limonade, er trägt eine Bandage. Das ist bemerkenswert. Denn Tom ist ein "Urban Monkey". Die Bilder und Videos des Trios, auf dem die jungen Männer die Spitzen von Kirchen, Hochhäusern und Kraftwerken erklimmen, haben Zehntausende Klicks. Zuletzt waren sie am Wiener Ringturm (Video hier).

Die gebrochene Schulter war allerdings kein Arbeitsunfall. "Das ist beim Mountainbiken passiert", erklärt er. "Dadurch verzögert sich jetzt alles", sagt er. "Aber in eineinhalb Monaten geht’s wieder."

Sicherheitslücken

Die drei Niederösterreicher gewinnen bei Hausverwaltern und Polizei keinen Beliebtheitswettbewerb.

"Wahrscheinlich auch deshalb, weil wir Sicherheitslücken aufzeigen", meint der 32-Jährige. "Doch seit den Terroranschlägen wird nachgerüstet. Und auch wenn wir dort waren, gibt es strengere Bestimmungen." Obwohl es immer schwieriger wird, sich Zugang zu verschaffen – bis jetzt haben sie es noch immer geschafft.

Beim Ringturm etwa hat sich Tom extra für einen Tag bei einer Firma anstellen lassen, um Zugang zum Gebäude zu erlangen.

Aber auch sonst sind die Vorbereitungen durchaus intensiv. "Wenn wir ein Ziel ausgesucht haben, fahren wir einmal 500 Runden im Kreis und schauen uns das Objekt an", erklärt sein Kompagnon, der sich selbst "Flying Dutchman" nennt und auf Fotos und Videos immer nur mit Maske zu sehen ist. Erst werden Überwachungskameras ausgespäht, dann das Sicherheitspersonal. "Für uns sind die Intervalle der Sicherheitsleute wichtig. Und außerdem überprüfen wir, ob wirklich jemand bei den Kameras sitzt. Dann blödeln wir halt eine halbe Stunde vor der Kamera herum – wenn niemand kommt, schaut auch keiner zu", sagt Tom und lacht. Manchmal finden sich außerdem alte Baupläne.

Als sie ein kroatisches Kohlekraftwerk bestiegen haben, ging es noch einfacher. "Wir haben zwei, drei verschiedene Helme mitgehabt. Der, der den Helmen der Arbeiter am ähnlichsten war, den haben wir aufgesetzt. Dazu noch eine Warnweste. Und dann sind wir reingegangen", erzählt Tom. Wenig später waren sie ganz oben – in 340 Metern Höhe. "Das war ein schöner Sonnenaufgang", erinnert sich Flying Dutchman. "Da oben denkst du dir nur: Wie haben wir das schon wieder geschafft. Eigentlich eine Frechheit", sagt er lachend. Am schwierigsten, sagen sie, sei der Zutritt zu öffentlichen Gebäuden.

Grundsätzlich halten sie es so: "Je auffälliger, desto unauffälliger. Einfach so tun, als würde man dazugehören, das ist die oberste Devise", erklärt Tom. Das funktioniert allerdings nicht immer. Als sie auf das Wiener Rathaus kletterten, lösten sie einen Großeinsatz der Polizei aus. Die Kletteraktion endete mit einer Nacht im Gefängnis.

Ein Ausflug auf die Spitze der Merkur-Arena in Graz während eines Fußballspiels brachte sie vor Gericht und kostete sie wegen Besitzstörung schließlich 300 Euro. "Aber das ist im Budget", erklären die Kletterer. Nach einer Aktion beim Kraftwerk in Zwentendorf verhängte der Richter ein unbedingtes einjähriges Kletterverbot im Bezirk Tulln.

Erwischt wurden die Burschen selten. "Wir wollen eigentlich nicht erwischt werden. Aber wir legen’s drauf an, dass wir erwischt werden könnten", meint Flying Dutchman – er ist übrigens Fotograf. Ihr Hobby ist eine rechtliche Grauzone. "Wir achten darauf, dass wir nichts kaputt machen. Wir brechen auch keine Schlösser auf."

Ihre Ziele wählen sie nach Interesse aus. Tom etwa interessiert sich für Architektur. Wichtig ist ihnen aber auch, dass gute Bilder entstehen.

Respekt vor der Höhe

Nachahmer wollen sie nicht animieren. Das Trio kraxelt völlig ungesichert auf Dächern und Streben herum. "Und wir machen das auch nie allein", sagt Flying Dutchman. Er hat sich den Respekt vor der Höhe erhalten. "Ich habe schon ein mulmiges Gefühl, aber das gibt mir gleichzeitig Sicherheit. Ich bin in diesen Minuten voll konzentriert. Mein Verstand ist meine Sicherung". Freund Tom hat es da einfacher. Er macht sein Hobby auch beruflich, ist Hausbetreuer und Dachrinnen-Reiniger. In Kürze auf selbstständiger Basis.

"Wir trainieren für unsere Einsätze, gehen in die Kletterhalle und machen Krafttraining. Das ist wichtig", beschreibt Tom.

Der KURIER sprach mit dem Wiener Rechtsanwalt Johannes Öhlböck über die rechtlichen Rahmenbedingungen der Roofer.

KURIER: Herr Öhlböck, wo beginnt eine Besitzstörung?

Öhlböck: Sobald ich ein Grundstück ohne Erlaubnis betrete. Oder umgekehrt ausgedrückt: Legal kann ich nur mit Zustimmung des Eigentümers Zutritt erlangen.

Die Urban Monkeys betonen, nichts zu beschädigen. Was aber, wenn bei einer Aktion der Roofer etwas kaputt geht?

Jeder Schaden ist ersatzpflichtig. Bei manchen Gebäuden kann es sich sogar um eine schwere Sachbeschädigung handeln: Beispielsweise bei Kirchen, öffentlichen Denkmälern oder Gebäuden mit künstlerischem oder geschichtlichem Wert. In solchen Fällen beträgt der Strafrahmen sogar bis zu zwei Jahre Haft.

Zuletzt ließ sich ein Urban Monkey nur für eine Kletteraktion sogar einen Tag lang bei einer Firma anstellen, um in den Ringturm zu kommen. Ist das strafbar?

Nur dann, wenn er auch noch Geld vom Arbeitgeber verlangt. Dann wäre das ein Betrug. Denn er hätte seinen Arbeitgeber über seine Arbeitswilligkeit getäuscht. Wenn er allerdings gar nicht vorhatte, ein Gehalt zu bekommen, ist es kein Betrug.