Traiskirchen ist für Kinder nicht gerüstet, es gibt keine Betreuungs- und Bildungsmöglichkeiten.

© REUTERS/HEINZ-PETER BADER

Unbegleitete Minderjährige
12/11/2015

Immer mehr Kinder allein auf der Flucht

Heuer schon 459 unter 14-Jährige. Kinder werden immer jünger von ihren Eltern vorausgeschickt, um Asylstatus vorzubereiten.

von Ricardo Peyerl, Julia Schrenk

Die Flüchtlinge werden immer jünger. Bis Ende Oktober sind bereits 459 Kinder unter 14 Jahren unbegleitet – also ohne Eltern – in Österreich gelandet. Im gesamten Vorjahr wurden 129 unbegleitete Unmündige gezählt.

Die Obfrau der Asylkoordination Österreich, Anny Knapp, schlug am Donnerstag, dem Tag der Menschenrechte, Alarm: Das Asylwesen sei „gänzlich aus den Fugen geraten.“ Seit Inkrafttreten der bisher letzten Asyl-Novelle (20. Juli) werden alle unbegleiteten Minderjährigen, die von den Eltern vorausgeschickt werden oder auf der Flucht getrennt wurden, in der Erstaufnahmestelle Traiskirchen untergebracht. Für viele gibt es dort nur unzureichende Betreuung und oft nicht einmal ein Bett.

Die Kinder warten bis zu einem Jahr auf einen ersten Einvernahme-Termin im Asylverfahren, das zusätzlich durch Altersbestimmungen verzögert wird. Auch wenn die Minderjährigkeit gar nicht zweifelhaft ist, werden oft solche (zweifelhaften) Gutachten eingeholt. Bei manchen dauert das Asylverfahren so lang, dass sie inzwischen volljährig (18) werden oder man sie zumindest durch ein Gutachten für volljährig erklärt. Dann erlischt aber das Recht, die Eltern nachkommen zu lassen. Laut Anny Knapp schicken Eltern in Syrien oder Afghanistan ihre Kinder daher immer früher, immer jünger, auf die Reise, damit sich das irgendwie noch ausgeht.

Asyl auf Zeit

Herbert Langthaler von der Asylkoordination erklärt dem KURIER das Prozedere: Die meisten Kinderflüchtlinge kommen aus Afghanistan und erhalten keinen Asylstatus, weil sie keine persönliche Verfolgung nachweisen können. Weil im Heimatland aber Gefahr droht, ist eine Rückführung untersagt, sie erhalten subsidiären Schutz. Der ist jetzt schon auf ein Jahr (mit Verlängerungsmöglichkeit) befristet, während das „Asyl auf Zeit“ gerade heftig diskutiert wird. Der Nachzug der Familie ist in diesen Fällen frühestens nach einem Jahr möglich. Die Wartefrist soll auf drei Jahre ausgedehnt werden, außerdem soll der Nachweis von Wohnraum und Einkommen Voraussetzung werden.

Die Präsidentin der Liga für Menschenrechte, Barbara Helige, umschreibt das als Errichtung von „Zäunen gegen traumatisierte Kinder.“

2014 haben 2216 minderjährige Flüchtlinge um Schutz in Österreich angesucht, bis Ende September dieses Jahres waren es schon 6175. „Ob sie 18 sind oder nicht – da geht’s um ein paar Monate auf oder ab – sagt nichts über ihre Betreuungsbedürftigkeit aus“, sagt Herbert Langthaler. Spätestens nach Ende der Schulpflicht mit 15 kümmert sich in Österreich niemand mehr um ihre Bildung. Ein neues Heer von Arbeitslosen kündigt sich an.

Diakonie muss Wohnberatung schließen

Die Lage obdachloser Flüchtlinge wird in Wien und NÖ immer dramatischer. In unserer Beratungsstelle in der Linzer Straße stellen sich Flüchtlinge mittlerweile schon am Vorabend an und übernachten trotz der eisigen Temperaturen vor der Beratungsstelle am Gehsteig, um einen der ersten Beratungsplätze zu bekommen.

Am Mittwoch postete der Flüchtlingsdienst der Diakonie diesen Hilferuf auf seine Facebookseite, wie orf.at berichtete. Seit eineinhalb Jahren vernetzt die Diakonie private Quartiergeber mit Flüchtlingen, die auf der Suche nach Wohnraum sind. Doch derzeit ist Andrang auf private Quartiere enorm; das Angebot reicht nicht aus. Bereits lange vor Mitternacht stellen sich deshalb Flüchtlinge bei der Wohnberatung der Diakonie in Penzing an. Viele von ihnen übernachteten auf dem Gehsteig, weshalb sich Anrainer beschwerten.

Nun sah sich die Diakonie gezwungen, die Wohnberatung in Penzing zu schließen. Künftig wird die Beratung nur noch mobil in den Notquartieren angeboten.

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