Chronik | Österreich
08.01.2017

Trend: Einfach mal was selber machen

Do-it-yourself ist in. Die Digitalisierung lässt Leute zum Werkzeug greifen. Sie bauen dann Räder oder Ski.

Gewissenhaft steckt Peter Moser die beiden Stahlrohre ineinander, trägt das Flussmittel auf und wirft den Lötkolben an. Es riecht nach Gas und heißem Metall. Wer will, darf jetzt selbst Hand anlegen. Noch lässt nichts ahnen, dass aus den einzelnen Metallrohren in wenigen Stunden der Rahmen eines Rads entsteht – spezialangefertigt nach Kundenwunsch.

"Customizing zieht sich durch alle Lebensbereiche. Das liegt im Trend", sagt der gelernte Rahmenbauer. Vor fünf Jahren hat Moser, ursprünglich Grafikdesigner, seine Werkstatt "Moos-Bike" in Küb, Bezirk Neunkirchen, eröffnet. Seit Herbst kann man bei einem Wochenend-Workshop nun sogar den Rahmen für sein eigenes Rad bauen – oder zumindest dabei zusehen. "Durch die Digitalisierung ist alles sehr abstrakt geworden.

Die Sehnsucht nach dem Haptischen hat in den letzten Jahren zugenommen", sagt er. So sehr, dass er noch im Herbst zwei Workshops abhielt. Und das, obwohl das Paket (siehe unten) mit 1300 bis 1500 Euro nicht günstig ist. "Ich habe einfach zu einem Rad, an das ich selber Hand angelegt habe, eine andere Beziehung", erklärt er.

Moser ist nicht der Einzige, der den Trend zum Selbermachen erkannt hat. In Wiesmath in der Buckligen Welt bietet Möbeldesigner Hans Ostermann in seiner Tischlerei Workshops zum Bau der eigenen Ski an.

Hier müssen Handwerker mit Kosten zwischen 975 und 1489 Euro rechnen. Vorkenntnisse sind bei ihm so wie bei Moser nicht Voraussetzung. "Wir schauen, dass jeder die Handgriffe, die den emotionalen Wert ausmachen, selbst macht."

Beziehung zu Dingen

Doch warum bezahlen Menschen, um Dinge zu bauen, die sie günstiger kaufen könnten? "Der Bezug zu Dingen wird einfach stärker, je individueller sie gestaltet sind", erklärt Michaela Reisinger. Sie hat sich als erste Kundin an den Rad-Rahmen bei Peter Moser gewagt. Natürlich sei auch der praktische Nutzen dazugekommen. "Ein reguläres Rad für mich zu finden, ist sehr schwierig", sagt die 158 Zentimeter große Frau. Mit Selbermachen kennt sich Reisinger aus: In ihrer Wohnung stehen selbst gebaute Möbel, sie trägt selbstgenähte Kleidung. Alles soll individuell und ästhetisch sein – und einen Nutzen haben. "Die Möbel oder das Stahlrad. Das sind Dinge, die werde ich mein Leben lang haben", meint sie. Was sie nicht kann, lernt sie. Wie das Löten eines Rahmens.

"Etwas mit der eigenen Hand herzustellen, gibt mir einfach eine unglaubliche Befriedigung", erklärt die Hobby-Handwerkerin. Dafür nimmt sie lange Wartezeiten in Kauf. Denn die Vorarbeiten für ein selbst gemachtes "Moos-Bike" dauern inklusive Vermessung der Kunden – bis hin zur Schuhgröße – und Planzeichnung mehrere Monate. "Man wird ein bisschen süchtig danach, mehr selbst zu machen", gibt Reisinger lachend zu.

Dass nach Stricken, Nähen und Bierbrauen zunehmend Gebrauchsgegenstände selbst gebaut werden, bemerkt man auch beim "Zukunftsinstitut Österreich". "Die Sehnsucht nach dem Analogen steigt. Das Arbeiten mit Materialen, die ich angreifen und riechen kann", sagt Trendforscherin Christiane Varga.

"Es kommt zu einer Professionalisierung der Hobbys." Viele Menschen würden das auch als Kontrapunkt zur Wegwerfgesellschaft sehen. "Es entwickelt sich ein neues Bewusstsein für Qualität. Die Leute denken langfristiger." Dass dieser Trend kommerzialisiert wird, ist nur eine logische Folge. Aber: "Von der industrialisierten Mainstream-Ware haben die Leute genug."