Die Beschuldigten im Gerichtssaal - sie müssen sich ab heute wegen eines mit Listerien verseuchten Quargels verantworten.

© APA/ERWIN SCHERIAU

Steiermark/Graz
06/09/2014

Tödlicher Käse: Brisanter Prozess um sieben Tote

Dienstag startet in Graz ein mit Spannung erwarteter Prozess: Sechs Angeklagte.

von Elisabeth Holzer

In Harzer Käse lauert der Tod, Gift-Quargel und der Keim des Todes. Als Anfang 2010 bekannt wurde, dass listerienverseuchter Käse aus dem oststeirischen Werk Prolactal ausgeliefert worden war, beherrschten solche Schlagzeilen die Medien.

Der drei Seiten dünne Strafantrag der Staatsanwaltschaft Graz ist sprachlich nüchterner, inhaltlich aber deckungsgleich. Prolactal als Verband sowie fünf weiteren Angeklagten wird fahrlässige Gemeingefährdung vorgeworfen mit dramatischen Folgen: sechs Todesopfer in Österreich und eines in Deutschland, zehn zum Teil schwer Verletzte in Österreich. Das soll durch das Bakterium Listeria monocytogenes verursacht worden sein, das die Infektionskrankheit Listeriose hervorgerufen habe. Dies kann zu unangenehmen, aber harmlosen Durchfällen, aber auch tödlichen Gehirnhautentzündungen führen.

Dienstag startet der Strafprozess in Graz, viereinhalb Jahre nach Bekanntwerden des Skandals und dem Ermittlungsbeginn der Staatsanwaltschaft. Bereits Freitag will Einzelrichter Raimund Frei Urteile sprechen.

Ursprünglich hatte die Justiz zwölf Verdächtige im Visier, doch es reduzierte sich auf die Hälfte: Angeklagt sind vier ehemalige Mitarbeiter des Käsewerks, darunter zwei Geschäftsführer, sowie der Chef eines externen Prüflabors und Prolactal als Firma nach der Verbandshaftung. Ihnen wird vorgeworfen, bereits Ende 2009 von der Listerienbelastung im Quargel gewusst zu haben aber das Produkt dennoch an österreichische und deutsche Supermärkte geliefert zu haben.

Trotz Häufung positiver Ergebnisse bei der Untersuchungen der Produkte sei der Quargel weiterhin hergestellt worden worden, heißt es im Strafantrag. Dies, obwohl die Schließung der Produktion wegen der Unbeherrschbarkeit der Listerienproblematik bereits Mitte Dezember 2009 veranlasst hätte werden müssen. Doch erst am 23. Jänner 2010 startete Prolatctal eine Rückrufaktion: 50 bis 60 Tonnen Käse mussten aus den Kühlregalen genommen werden. Eingestellt wurde die Produktion am 16. Februar 2010.

Prolactal präsentierte als Überträger letztlich Dungkäfer, die in die Produktionsstätte gelangt sein sollen. Doch man habe sich an alle Grenzwerte gehalten, hieß es. Dies dürfte auch die Verteidigungslinie werden. "Die Faktenlage liegt auf dem Tisch. Es gibt die Belastung mit Listerien", betont Rechtsanwalt Oliver Plöckinger, der Prolactal sowie einen weiteren Angeklagten vertritt. "Aber ob das strafbar ist oder nicht, ist eine andere Frage." Lebensmittel würden für gesunde Menschen produziert. "Das Riesenthema hier ist, dass alle Betroffenen leider massive Vorschädigungen aufgewiesen haben. Da stellt sich die Frage, ab wann man davon ausgehen muss, dass ein Lebensmittel gesundheitsschädlich ist."

Zivilprozess um Millionenbeträge

Der Strafprozess ist nicht das einzige Verfahren rund um mögliche Schäden durch Listerien: Der Wiener Rechtsanwalt Alexander Klauser vertritt zwei Mandanten, die durch den Genuss des verseuchten Quargels gesundheitlich schwer geschädigt worden sein sollen.

Einer der beiden ist Andreas Peilowich. Der 58-jährige ehemalige Topmanager in der Pharmabranche sitzt im Rollstuhl, tut sich beim Sprechen schwer, ist auf Pflege angewiesen. Er gibt dem Käse aus der Steiermark die Schuld: Zu Silvester 2009/’10 kippte Peilowich plötzlich um, hatte Fieber, ihm war übel. Im Spital wurde Listeriose diagnostiziert. Drei Monate lang lag er im Koma.

20 Beklagte

Anwalt Klauser strengt einen Zivilprozess an. Während es jedoch im Strafverfahren nur sechs Angeklagte gibt, hat er 20 Beklagte auf seiner Liste, darunter auch Kontrollorgane. Der Oberste Gerichtshof hat diese breite Aufstellung bestätigt, der Zivilprozess in Wien dürfte aber erst im Herbst starten.

Für Peilowich und seine Familie geht es um viel. 800.000 Euro Schmerzengeld und Verdienstentgang für die vergangenen Jahre fordert Klauser ein. Dazu kommen noch Kosten für Rehabilitation und Pflege. Insgesamt beträgt der formale Streitwert zwei Millionen Euro. "Mein Klient war ein gesunder Mann. Durch die Infektion ist er ein Pflegefall", begründet Klauser. Für die Eltern des 58-Jährigen fordert er finanzielle Abgeltung wegen Schockschäden: So habe Eduard Peilowich infolge der Aufregung um den Sohn einen Herzinfarkt erlitten.

Prolactals Rechtsvertreter Oliver Plöckinger bedauert das Schicksal des Linzers, betont aber, der Mediziner sei "massiv vorgeschädigt" gewesen. Außerdem fehlte in dem Fall der Nachweis, dass tatsächlich ein Listerienstamm des Käses schuld an der Infektion gewesen sei: Im Krankenhaus wurde zwar Gehirnflüssigkeit entnommen, doch die Probe ist verschwunden.

Acht Menschen sind zwischen Juni 2009 und Februar 2010 in Österreich und Deutschland nach dem Konsum von mit Listerien verunreinigtem Rohmilchkäse des oststeirischen Werks der Firma Prolactal gestorben. Folgend eine Chronologie des Lebensmittelskandals und der Weg bis hin zum ersten Prozesstag:

Jänner 2010 - Die steirische Landessanitätsdirektion und die damalige Gesundheitslandesrätin Bettina Vollath (SPÖ) erfahren durch die AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) von der Möglichkeit eines Listerienbefalls bei den Produkten der Firma Prolactal. Am 13. und 18. Jänner werden Proben gezogen. Von zehn Teilproben sind sechs befallen. Laut AGES wurde am 15. Jänner der epidemiologische und am 21. Jänner der mikrobiologische Nachweis erbracht, dass es sich um den Käse der Firma Prolactal handelte.

22. Jänner 2010 - Die Landessanitätsdirektion erlässt wegen Gefahr im Verzug einen mündlichen Bescheid, laut dem die Firma keine Produkte mehr in den Verkehr bringen darf. Der schriftliche Bescheid erfolgt am 25. Jänner. Über die zeitliche Abfolge der Alarmierung und das Krisenmanagement entspann sich in der Folge ein Streit zwischen Bundes- und Landesbehörden; die Frage nach der politischen Verantwortung wurde aufgeworfen.

23. Jänner 2010 - Prolactal startet eine Rückholaktion von 50 bis 60 Tonnen Käse. Betroffen sind unter anderem österreichische Märkte von Spar und der Rewe-Gruppe sowie deutsche Lidl-Filialen.

15. Februar 2010 - Es wird bekannt, dass 2009 zwölf Menschen in Österreich an dem im Käse gefundenen Listerien-Typus erkrankt sein sollen. Laut Gesundheitsministerium starben vier der Betroffenen. Auch in Deutschland werden zwei Todesfälle auf den Käse zurückgeführt. 2010 können in Österreich drei von elf Erkrankungen dem Bakterien-Typus zugeordnet werden.

16. Februar 2010 - Prolactal stellt die Produktion ein, bis die Ursachen für die Verunreinigung restlos geklärt sind. Laut Gesundheitsministerium handelt es sich bei dem Listerien-Typus um einen Stamm, der noch nie zuvor eine Erkrankung bei Menschen hervorgerufen hat. Bei zwei Überprüfungen von Prolactal im Jänner und Mai 2009 waren keine Überschreitungen von Listerien-Grenzwerten festgestellt worden.

18. Februar 2010 - Die Grazer Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen ein. Prolactal erneuert die Verbraucherwarnung für den rückgerufenen Käse und warnt vor dem Verzehr. Gleichzeitig beauftragt die Firma ein unabhängiges Expertenteam mit der Ursachenerforschung.

24. Februar 2010 - Ein weiterer Todesfall in Österreich - der fünfte seit Ausbruch der Infektionen - wird bekannt. Um eine groß angelegte Sicherheitskontrolle durchzuführen, stoppt das Hartberger Werk von Prolactal die Auslieferung sämtlicher Produkte.

26. Februar 2010 - Auch in Deutschland ist ein weiteres, das insgesamt dritte Todesopfer zu beklagen: Die Person starb nach einem Verzehr des Käses am 11. Februar. Insgesamt sind somit acht Menschen im In-und Ausland im Zusammenhang mit der Listerien-Belastung in Prolactal-Produkten ums Leben gekommen.

28. Februar 2010 - Ein Fehler im internen Warn- und Kontrollsystem wird als Ursache für die Listerien-Kontamination vermutet. Als Überträger werden Dungkäfer angenommen, die offenbar trotz engmaschiger Fliegengitter durch ein geöffnetes Fenster ins Innere gelangten und im Herbst 2009 auffielen.

1. März 2010 - Laut AGES könnten die ersten Verunreinigungen mit Listerien bereits im Frühjahr 2009 passiert sein. Weiters heißt es, dass Dungkäfer nicht der alleinige Auslöser gewesen sein dürften.

21. April 2010 - Der Nationalrat beschließt eine Novelle zum Lebensmittelgesetz mit dem Ziel, eine schnellere Information der Bevölkerung durch die Behörden bei Lebensmittelskandalen zu gewährleisten. Abgelehnt wurde das BZÖ-Begehren einer Ministeranklage gegen Gesundheits-Ressortchef Alois Stöger (S).

23. April 2010 - Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) fordert für mehrere Geschädigte Schadenersatz.

15. Mai 2010 - Die Staatsanwaltschaft Heilbronn leitet Ermittlungen gegen den Discounter Lidl in Deutschland ein. Käse soll trotz Listerien-Belastung verkauft worden sein.

21. Mai 2010 - Prolactal wird gemeinsam mit dem Stuttgarter Verbraucherschutzministerium in Deutschland angezeigt.

Oktober 2010 - Die Staatsanwaltschaft Graz spricht nach einem eingeholten Gutachten von "Fehlern im Qualitätsmanagement" und "mehreren Nachlässigkeiten".

9. November 2010 - Die Prolactal SauermilchkäsevertriebsgmbH wird vom Linzer Stammbetrieb abgespalten.

9. Dezember 2010 - Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) reicht im Namen von acht Geschädigten eine Sammelklage gegen Prolactal ein.

Juni 2011 - Der VKI hat mit der Firma Prolactal einen Vergleich abgeschlossen. Acht geschädigte Personen bekamen Schadenersatzansprüche in Höhe von 76.000 Euro.

2. Mai 2012 - Es wird bekannt, dass laut einem medizinischen Gutachten bei sieben Konsumenten die Listeriose zumindest mitverantwortlich für den Tod war.

Frühjahr 2013 - Das Amtsgericht Heilbronn verhängte über Lidl Deutschland wegen Verstößen gegen das Lebensmittelrecht Geldstrafen von insgesamt 1,5 Millionen Euro.

23. August 2013 - Die Staatsanwaltschaft Graz erhebt Anklage wegen des Verdachts der fahrlässigen Gemeingefährdung mit Todesfolge in sieben Fällen.

16. September 2013 - Es wird bekannt, dass ich die Anklage gegen vier leitende Angestellte und den Labor-Chef richtet. Als sechster "Angeklagter" wird auch die Firma Prolactal geführt. Diese Vorgehensweise ist aufgrund des Gesetzes bezüglich der Verbandsverantwortlichkeit seit einigen Jahren möglich.

21. März 2014 - Wissenschafter der Veterinärmedizinischen Uni Wien veröffentlichen eine Analyse des Erbguts der beiden für die Todesfälle mitverantwortlichen Bakterienstämme: Sei beide haben unterschiedliche Eigenschaften und sind unabhängig voneinander in den Betrieb gekommen.

10. Juni 2014 - Der für mehrere Tage anberaumte Prozess gegen insgesamt sechs Angeklagte beginnt im Straflandesgericht Graz.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.