Chronik | Österreich
29.05.2017

Tiere in der Stadt: Wien wird immer wilder

In der Stadt tummeln sich immer mehr Wildtiere. Am Wochenende endeten zwei Vorfälle für Tiere tödlich.

Es muss für den Autofahrer ein Schock gewesen sein, als ihm Sonntagnachmittag mitten auf der Wiener Ringstraße ein Reh ins Auto lief. Das Tier dürfte sich in den Stadtpark verirrt haben und dann von Passanten aufgeschreckt worden sein.

Es verendete noch an der Unfallstelle.

Damit waren es vergangenes Wochenende gleich zwei Wildtiere, die sich in bebautes Gebiet vorgewagt – und dabei ums Leben gekommen waren. Wie berichtet, wurde Samstagabend ein Wildschwein von der Polizei-Spezialeinheit Cobra erschossen, nachdem es sich in Wien-Donaustadt in eine Wohnhausanlage verirrt und dort Kinder auf einem Spielplatz attackiert hatte.

Beide Fälle sind äußerst ungewöhnlich; Richard Zink vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie verwundern sie dennoch nicht: "Es weilen weitaus mehr Wildtiere unter uns, als wir vermuten würden. Sie entziehen sich normalerweise nur unseren Blicken."

Genügend Grünraum

Konkrete Zahlen gebe es nicht wirklich – eben weil die Tiere sehr versteckt leben. Aber auch Andreas Januskovecz, Forstdirektor der MA49 (Wiener Forstamt), bestätigt, dass die Zahl der Tiere in den vergangenen Jahren gestiegen ist. "Für eine Stadt ist das ja eigentlich eine Auszeichnung. Weil es offenbar genug Grünraum für die Tiere gibt." Man habe sich sehr früh um entsprechende Maßnahmen gekümmert. So gebe es ein gutes Einvernehmen mit dem Jagdverband, und wenn nötig, werden Zäune errichtet.

Die Wiener Jägerschaft rund um Landesjägermeister Norbert Walter hat im Vorjahr 1146 Wildschweine erlegt, heuer rechnet man mit einer etwas steigenden Population.

Aber die Borstentiere sind nicht die einzigen Stadtbewohner. Auch viele Füchse zieht es ins urbane Gebiet. "Wenn Abfälle liegen bleiben, lockt das die Tiere sofort an", sagt der Landesjägermeister. Grundsätzlich darf im Stadtgebiet nicht gejagt werden, also sind die Waidmänner auch nicht zuständig, wenn Wildtiere dort gesichtet werden. "Wo wir jagen dürfen, versuchen wir natürlich, den Bestand entsprechend anzupassen", sagt Walter.

Die Wiener Pfotenhilfe sieht das ein wenig anders. "Die Wildpopulation wird durch Fütterung und gezielte Abschüsse von den Jägern bewusst hochgehalten, weil ihre Geweihe als Trophäen gelten. Dazu wird auch noch Jagd auf ihre natürliche Feinde – Wölfe, Bären, Füchse – gemacht. Würde man die Population natürlicher machen, gebe es viel weniger Vorfälle."

Über die Zahl der Vorfälle sind kaum Statistiken vorhanden. Die Datenlage zu Wildtieren soll aber generell verbessert werden. So ruft das Projekt "StadtWildTiere"Städter auf, ihre Sichtungen zu melden. Georg Popp und Verena Popp-Hackner haben es sich wiederum mit ihrem Projekt"Wiener Wildnis"zur Aufgabe gemacht, Tiere im urbanen Raum fotografisch festzuhalten – um die Bewohner zu sensibilisieren.

Nicht füttern

Der wichtigste Hinweis für alle, denen Wildtiere begegnen: "Bloß nicht füttern." Dadurch verlieren sie ihre Scheu vor Menschen, kommen wieder und sorgen für unglückliche Vorfälle. Auch der Keiler, der in der Donaustadt zu Tode kam, soll in den Tagen zuvor gefüttert worden sein.

Wildschweine in Eisenstadt, Füchse in Graz keine Seltenheit

Während in Westösterreich die Wildschweine kaum Probleme machen, kommt es im Osten und Süden öfters zu Besuchen des Schwarzwilds in Gärten oder auf Sportplätzen. Rund ums ORF-Landesstudio in Eisenstadt haben die Schweine im Herbst 2016 mehrere Gärten umgeackert, um nach Nahrung zu suchen. Selbst ein Elektrozaun konnte die Tiere damals nicht abhalten. Ein Abschuss im bebauten Gebiet ist verboten. „Der Jagdleiter von Eisenstadt hat versucht, mit Schwerpunktbejagungen das Problem in den Griff zu bekommen“, heißt es vom Jagdverband Burgenland. Auch in Graz kennt man die Probleme. „In den vergangenen zwei bis drei Jahren haben die Fälle zugenommen“, sagt Bezirksjägermeister Stefan Moser.

Die Füchse zieht es besonders nach Graz. 100 der Tiere wurden im Vorjahr erlegt oder tot gefunden. „Wir haben ein Problem mit der Fuchsräude“, sagt Moser. Dadurch würden sie die Scheu vom Menschen verlieren. Am Grazer Schlossberg macht die Dachspopulation Probleme. Die Tiere werden dort gefangen und im Wald in die Freiheit entlassen.

Jäger durchkämmen Wiesen, um Wild vor Mähtod zu retten

Wenn die Wiesen im Frühjahr das erste Mal gemäht werden, ist das oft das Todesurteil für zahlreiche Wildtiere. „In vielen Revieren sprechen sich die Jäger mit den Landwirten ab und durchkämmen die Wiese mit dem Hund, um Tiere zu vertreiben, bevor der Mäher kommt“, erklärt Wildtierökologe Andreas Duscher, der auch Geschäftsführer des burgenländischen Jagdverbandes ist. Versuchsweise würden auch Drohnen mit Wärmebildkameras zum Einsatz kommen, um Tiere im Feld zu orten. Wird ein Kitz gefunden, wird es aus der Gefahrenzone gebracht, die Mutter findet es dort wieder.

Wie viele Rehkitze, Bodenbrüter oder Hasen den Mähwerken zum Opfer fallen, ist nicht klar. „Oft merken die Landwirte gar nicht, wenn sie etwas erwischen“, sagt Duscher. Im Nachhinein kümmern sich Krähen und Füchse um die Überreste der getöteten Tiere. Ein Jagdleiter im Bezirk Neusiedl am See, habe vor Kurzem konkrete Zahlen für ein zwei Hektar großes Luzernenfeld geliefert, wie Duscher erklärt: „Dort wurden nach der Mahd elf tote Fasanhennen samt Gelege gefunden.“