Chronik | Österreich
17.10.2017

Terror-Angst beschäftigt Entschärfer

Die Zahl der Einsätze hat sich in den vergangenen fünf Jahren in Österreich mehr als verdoppelt.

Theo Kelz ist der wohl bekannteste so genannte Sprengstoffsachkundige der Polizei in Österreich. Am 24. August 1994 riss eine von Franz Fuchs gelegte Rohrbombe dem Beamten bei der Begutachtung am Flughafen in Klagenfurt beide Hände weg.

Genau das ist das Berufsrisiko für die mehr als 120 "sprengstoffsachkundige Organe" (SKO) und Entschärfungsspezialisten der Polizei. Wegen des weltweiten Terrors und der Angst vor Anschlägen in Österreich ist die Rolle des polizeilichen Entschärfungsdienstes präsenter denn je. Die Zahl der Einsätze hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt. Wegen der neuen Gefahren und Herausforderungen hat man die Entschärfer deshalb 2013 in der Direktion für Spezialeinheiten (DSE) beim Polizei-Sondereinsatzkommando Cobra eingebettet. Im Zuge des Sicherheitspakets wurde die Truppe mit modernster Technik ausgestattet.

"Sprengstoffkriminalität hat es bei uns de facto Jahrzehnte lang kaum gegeben", erklärt der Leiter des Entschärfungsdienstes, Franz Warisch. Das hat sich zuletzt mit den Anschlägen in Europa drastisch geändert. "Die Bevölkerung ist viel sensibler geworden. Ein herrenloses Gepäckstück am Flughafen oder in der U-Bahn wird heutzutage sofort gemeldet. Vor Jahren wäre noch jeder daran vorbeigegangen", sagt Warisch.

Damit ist auch erklärbar, wieso die Einsatzzahlen von etwa 1500 im Jahr 2012 auf 3500 im Vorjahr nach oben geschnellt sind. Nachdem auch in Österreich mit Sprengstoffanschlägen von Extremisten gerechnet werden muss, gilt es Großveranstaltungen oder Politiker-Auftritte schon im Vorfeld entsprechend zu sichern.

Pyrotechnik

Wird ein verdächtiges Paket oder etwas Ähnliches gemeldet, wird zunächst einer der sprengstoffkundigen Polizisten gerufen. Die Beamten sind eigens geschulte Sprengbefugte und Pyrotechniker, die auch über eine Strahlenschutz- und Röntgentechnik-Ausbildung verfügen. Bei der Ersterkundung durchleuchten sie mit einem Röntgengerät das Objekt. Gibt es nur den geringsten Hinweis auf etwas Explosives, werden die Entschärfungsprofis der Cobra alarmiert. In vielen Fällen ziehen die Spezialisten einen von österreichweit 40 Sprengstoffspürhuden hinzu. "Wenn sich der Hund vor dem Koffer hinlegt, haben wir Großalarm", sagt Warisch.

287-mal wurde es im Vorjahr für die Entschärfungs-Experten der Cobra ernst. Neben Waffensammlungen mit umgebauten Granaten und Selbstbau-Rohrbomben, galt es, hochexplosive Eigenkreationen aus dem privaten Chemie-Labor aus dem Verkehr zu ziehen. Insgesamt stellten die Spezialisten 13 selbst gebaute Sprengvorrichtungen, im Beamten-Deutsch "unkonventionelle Sprengmittel", sicher. "Um das Risiko für die Entschärfer so gering wie möglich zu halten, versuchen wir die Technik bestmöglich einzusetzen", erklären Warisch und sein Stellvertreter, Klaus Karasek.

Bevor die Profis selbst Hand anlegen, werden die verdächtigen Pakete von ferngesteuerten Robotern durchleuchtet, mittels der Greifarme geöffnet oder aus einer Gefahrenzone gebracht. Der Einsatz des Roboters ist aber beschränkt und in den meisten Fällen müssen die Beamten selbst Hand anlegen – in ihren 50 Kilogramm schweren Bombenschutzanzügen. "Man überlebt damit die Explosion einer Handgranate. Alles mit mehr Sprengkraft ist aber vermutlich auch mit Anzug tödlich", so Karasek. Genau deshalb ist der Job auch nichts für Zartbesaitete.

International vernetzt

International arbeiten die Entschärfungsspezialisten gut zusammen. Nach Terroranschlägen in Europa bekommen alle Spezialeinheiten rasch Infos über die verwendeten Materialien. Die Cobra ist auch bei der Entschärfung unter Wasser federführend. Demnächst werden Beamte der japanischen Coast Guard von der Cobra dafür trainiert.