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Chronik | Österreich
05/15/2013

Studie beweist: Österreichs Nichtraucherschutz wirkt nicht

Wissenschafter der MedUni Wien nahmen Luftproben in 134 Gasträumen. Das Ergebnis ist erschreckend.

Erstmals ist es wissenschaftlich belegt: Die österreichische Rauchschutzpolitik mit getrennten Räumen in Lokalen wirkt nicht. Manfred Neuberger vom Institut für Umwelthygiene der MedUni Wien und Co-Autoren haben jetzt mit Tests in Wiener Gastronomielokalen nachgewiesen, dass in den "Nichtraucher-Räumen" weiterhin eine hohe Belastung mit Ultrafeinstaub - fast halb soviel wie in Raucher-Räumen von Tabakgenießern - vorhanden ist. Bei Fein- und Ultrafeinstaub handelt es sich um extrem kleine, mit dem freien Auge nicht sichtbare Partikel. In der Lunge können die Staubteile Entzündungen, Asthma oder Krebs auslösen. Feinstaub-Verursacher sind u.a. Dieselruß, Heizungen, Industrieanlagen - und Zigaretten.

"Die österreichische Regelung für die Gastronomie ist eine Augenauswischerei. Da wird eine Sicherheit vorgespiegelt, die nicht vorhanden ist", kommentiert Neuberger gegenüber der APA die Ergebnisse seiner Studie.

Kontaminierte Nichtraucher-Räume

Die Experten hatten zwischen 6. November 2010 und 6. Juni 2011 unangemeldet Luftproben in 134 per Zufall ausgesuchten Gasträumen von 16 Wiener Kaffeehäusern, 51 Bars und Pubs, 14 Restaurants und sieben Diskotheken genommen. In 20 der Lokale war Rauchen erlaubt, in 46 gab es extra als solche ausgewiesene Nichtraucher-Räumlichkeiten. Bestimmt wurde erstmals die Zahl der Ultrafeinstaub-Partikel pro Kubikzentimeter Luft.

Der Wissenschafter: "Das war zumindest vier Monate nach dem Ende der 'Übergangsregelungen' bezüglich der Tabakgesetzgebung. Alle Lokale hätten also die gesetzlichen Bestimmungen erfüllen müssen. Ultrafeinstaub geht ganz tief in die Lunge hinein und auch direkt in das Blut. Damit werden direkt Organschäden und Teile des Herz-Kreislauf-Risikos (durch "Passivrauchen", Anm.) in Zusammenhang gebracht.

Die Ergebnisse der Wissenschafter sprechen eindeutig gegen die Unterteilung in Raucher- und Raucher/-Nichtraucher-Lokale, wenn es um die Luftbelastung geht. Die Autoren der Studie: "Die höchste Konzentration an Partikeln wurde in Raucherlokalen und Raucher-Räumen mit median 66.011 pro Kubikzentimeter registriert. Sogar Nichtraucher-Räume in unmittelbarer Nähe zu Raucher-Räumen waren hoch kontaminiert (median 25.973 Partikel pro Kubikzentimeter)." In Nichtraucherlokalen waren es median auch noch 7.408 Partikel pro Kubikzentimeter.

Rauchschutz nicht wirksam

Neuberger und seine Co-Autoren: "Wir schließen daraus, dass die in Österreich geltende Tabak-Gesetzgebung beim Schutz der Kunden in Nichtraucher-Räumen in Lokalen nicht wirksam ist. Gesundheitsschutz von Nichtrauchern und Beschäftigten bezüglich der Ultrafeinstaub-Partikel ist ungenügend, sogar in ausgeschilderten Nichtraucher-Räumlichkeiten. Teilweise Rauchverbote mit getrennten Räumlichkeiten haben hier versagt."

Am 31. Mai ist Welt-Nichtrauchertag. Aus diesem Anlass veröffentlichte die britische Medizin-Fachzeitschrift "The Lancet" vergangene Woche eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Artikeln mit dem Thema Tabakkonsum bzw. Tabakgesetzgebung. Auf der Titelseite der Ausgabe der in Ärztekreisen weltweit zu den angesehensten Publikationen zählenden Zeitschrift heißt es: "Das Rauchen tötet mehr Europäer als jeder andere vermeidbare Faktor. Prävention ist möglich. Alles was benötigt wird, ist der politische Wille dazu."

Stöger beklagt fehlende Mehrheit

Der ist bei Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) zumindest laut eigener Aussage vorhanden: Er tritt seit Jahren für ein völliges Rauchverbot in der Gastronomie ein, weiß aber, dass er dafür in dieser Legislaturperiode keine Mehrheit finden wird. "Aber nach der Nationalratswahl im Herbst werden die Karten neu gemischt", sagt Stöger zum KURIER. Die Wirtschaftskammer hingegen hält die bestehende Regelung für ausreichend.

Links:

MedUni Wien - Institut für Umwelthygiene

The Lancet

Österreichisches Rauchverbot

Seit 1. Juli 2010 müssen Lokale über 50 m² (vom Kaffeehaus über den Dorfwirt bis zur Disco) gleich große Nichtraucher- und Raucherräume anbieten. Wer bis dahin nicht umgebaut hatte, wurde automatisch zum Nichtraucherlokal - unabhängig von der Größe.

Wird gegen die Rauchverbotsbestimmungen verstoßen, drohen Wirten Strafen in der Höhe von bis zu 2.000 Euro, bei mehreren Verstößen bis zu 10.000 Euro. Gäste, die verbotenerweise eine Zigarette anzünden, müssen bis zu 100 Euro bezahlen, Wiederholungstäter bis zu 1.000 Euro. Verhängt werden die Pönalen vom zuständigen Magistrat bzw. Bezirksamt.

Im europäischen Vergleich ist Österreich so etwas wie ein "Raucherparadies" (siehe Grafik). Ähnliche laxe Rauchschutz-Regeln für Gastronomiebetriebe finden sich aber auch in Belgien, Tschechien, Polen und Portugal. Größere Länder wie Italien, Deutschland und Großbritannien haben hingegen in den vergangenen Jahren strenge Nichtrauchergesetze beschlossen. In Schweden wird sogar ein Rauchverbot auf öffentlichen Plätzen debattiert.

Rauchstopp lohnt sich auch im Alter

Mit jeder Zigarette steigt das Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko. Doch auch umgekehrt gilt: Selbst wer erst im fortgeschrittenen Alter mit dem Rauchen aufhört, senkt sein Risiko bereits innerhalb kürzester Zeit erheblich. Das fanden Wissenschafter des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ/Heidelberg) im Februar in einer Studie an Einwohnern aus dem deutschen Saarland heraus.

Für ihre Studie analysierten Professor Hermann Brenner und seine Kollegen die Daten von 8807 Personen im Alter von 50 bis 74 Jahren. "Wir konnten zeigen, dass Raucher ein mehr als doppelt so hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben wie Nichtraucher. Ehemalige Raucher sind dagegen fast genauso selten betroffen wie Menschen gleichen Alters, die nie geraucht haben.“

Rauchen verdoppelt Erkrankungsrisiko

Brenner weiter: "Außerdem erkranken Raucher deutlich früher als Personen, die nicht oder nicht mehr rauchen." So hat beispielsweise ein 60-jähriger Raucher das Herzinfarkt-Risiko eines 79-jährigen Nichtrauchers und das Schlaganfall-Risiko eines 69-jährigen Nichtrauchers. Dabei wirken sich freilich auch Tabakdosis und Dauer des Konsums auf das Erkrankungsrisiko aus: Je mehr Zigaretten pro Tag über einen längeren Zeitraum geraucht werden, desto höher ist das Risiko.

Der positive Effekt eines Rauchausstiegs macht sich bei den Studienteilnehmern bereits nach kurzer Zeit bemerkbar. "Verglichen mit Personen, die weiterhin rauchen, ist das Risiko für einen Herzinfarkt und für einen Schlaganfall bereits während der ersten fünf Jahre nach der letzten Zigarette mehr als 40 Prozent niedriger",sagt Carolin Gellert, die Erstautorin der Studie. Die Ergebnisse legen nahe, dass Programme zur Tabakentwöhnung, die sich bisher auf jüngere Teilnehmer konzentrieren, auf ältere Personen ausgeweitet werden sollten.