Chronik | Österreich
04.12.2016

Start für Krebstherapie der Zukunft

In Wiener Neustadt wird der erste Patient im 200 Millionen Euro teuren Krebszentrum bestrahlt.

15 Jahre lang schürten Pressemeldungen über eine neue Art der Krebsbehandlung Hoffnungen bei schwer erkrankten Patienten. Viele setzen in MedAustron die letzte Hoffnung im Kampf gegen die heimtückische Krankheit.

Umso größer ist die Freude, als Montagfrüh im neuen Krebsbehandlungs- und Forschungszentrum in Wiener Neustadt (NÖ) der allererste Patient mit den speziellen Ionenstrahlen behandelt wird. "Die Leute sind schon für die diversen Untersuchungen und Vorbereitungen seit Tagen bei uns", erklärt MedAustron-Geschäftsführer Alfred Zens. Aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Kranken beschränken wir uns beim Lokalaugenschein auf die Rolle des stillen Beobachters.

Rückblickend grenzt es für alle Beteiligten an ein Wunder, dass die Vision zur Realität wurde. Es ist einer Gruppe von Enthusiasten und einigen Landespolitikern zu verdanken, dass das 200 Millionen Euro teure Prestigeprojekt in Österreich und nicht in irgend einem anderen Land umgesetzt wurde. 40 Millionen Euro steuerte der Bund dazu bei, den Rest stemmte das Land Niederösterreich über eine eigene Gesellschaft.

Sanfte Methode

Was MedAustron von der herkömmlichen Strahlentherapie unterscheidet: Dass die Strahlung nicht durch den gesamten Körper geht. "Die Energie wird im Tumor freigesetzt, ohne umliegendes Gewebe zu beschädigen. Daher können auch Tumore an lebenswichtigen Organen, im Schädel oder beispielsweise am Rückenmark behandelt werden", erklären Zens und die zuständigen Mediziner.

Ein Positionierungsroboter sorgt dafür, dass die Patienten mit der Genauigkeit eines halben Millimeters richtig zum Strahl ausgerichtet werden. In einer ersten Phase werden fast ausschließlich Hirn- oder Tumore am Rückenmark mit einem horizontal ausgerichteten Strahl behandelt. Bis Ende 2017 kommen für diese Behandlung etwa 100 bis 150 Patienten infrage.

In weiteren Ausbaustufen folgen Behandlungsräume mit anderen Bestrahlungsarten, beispielsweise den Kohlenstoffionen. "Erst 2019 ist der Vollausbau erreicht. Dann sprechen wir von 1000 bis 1200 Patienten pro Jahr", erklärt Zens.

Im Schnitt sind 20 bis 30 Bestrahlungen pro Erkranktem nötig. "Wir machen fünf Behandlungen unter der Woche in Serie, an den Wochenenden ist Pause", so der Geschäftsführer. Die Betroffenen nächtigen in Hotels in der Umgebung.

Ansturm

Da sich seit Wochen die Anfragen verzweifelter Krebspatienten bei MedAustron häufen, gibt Zens deutlich zu verstehen, dass die Ionentherapie kein Allheil- oder Wundermittel ist. Allein in Österreich gibt es pro Jahr etwa 40.000 Neuerkrankungen, etwa die Hälfte davon benötigt eine Strahlentherapie. Davon kommt allerdings nur ein Bruchteil für die MedAustron infrage. "Die Zuteilungen kommen von den onkologischen Zentren und den Chefärzten. Es wird genau selektiert, für wen die Therapie überhaupt die richtige Behandlungsmethode ist", schildert Zens.

Weltweit wurden in den bestehenden Krebszentren bereits 140.000 Patienten mit Ionenstrahlen behandelt. Auch 100 Österreicher waren 2015 darunter. Bei MedAustron rechnet man ebenfalls mit einer gewissen Zahl an Ausländern.

Partikel rasen durch einen Beschleuniger

Das Herzstück von MedAustron ist ein, im Umfang 80 Meter großer, Teilchenbeschleuniger nach dem Vorbild des Schweizer Forschungszentrums CERN. Die Ionenstrahlen werden in dem Ring auf etwa 200.000 Kilometer pro Sekunde beschleunigt und danach in die Behandlungsräume eingeleitet. Neben drei horizontalen und einem vertikalen Strahl wird es in Zukunft auch einen Bestrahlungsraum mit einer "Protonengantry" geben. Darunter versteht man eine drehbare Vorrichtung, die es ermöglicht, einen Tumor mit einem Protonenstrahl aus verschiedenen Richtungen zu bestrahlen.

Neben der klinischen Behandlung gibt es bei MedAustron auch einen Bereich für wissenschaftliche Forschung, der auf den Ionenstrahl zurückgreift. Derzeit sind im Krebszentrum in Wiener Neustadt 145 Mitarbeiter beschäftigt, 60 davon im Ambulatorium. Zusätzlich sind in wissenschaftliche Projekte auch Universitäten mit etwa 30 Mitarbeitern eingebunden.