Chronik | Österreich
02.04.2017

Staatsgäste im Salonwagen: Als die Queen ÖBB fuhr

Der Zugbegleiter Ernst Fiedler fuhr fast zwei Jahrzehnte mit königlichen Besuchern durch Österreich.

Wenn Prinz Charles und Ehefrau Camilla am Mittwoch in Wien ankommen, werden bei Ernst Fiedler alte Erinnerungen wach. Der 82-jährige Pensionist betreute fast zwei Jahrzehnte sämtliche Staatsgäste, die im Salonwagen der Österreichischen Bundesbahnen durchs Land fuhren. Der Zugbegleiter kümmerte sich ebenso um das Wohl der Queen Elizabeth wie um das des spanischen Königs Juan Carlos, des schwedischen Königs Gustaf Adolf, des Königs Hussein von Jordanien, und er stand Österreichs Bundespräsidenten und Kanzlern zur Seite.

Die Reise mit der Queen

Herr Fiedler hat mehr als 40 Jahre bei den ÖBB gearbeitet, die meiste Zeit als Schaffner. 1969 wurde dem damals 35-Jährigen eine besondere Ehre zuteil, als man ihm anbot, fortan die Gäste des Salonwagens zu betreuen. Gleich auf seiner ersten Reise waren drei Very Important Persons an Bord: Am 7. Mai 1969 fuhr er mit Queen Elizabeth, Prinz Philip und Tochter Anne von Wien nach Innsbruck."Die Königin stieg am Westbahnhof ein, grüßte sehr freundlich, dann fuhren wir los. Im Salonwagen war damals nicht einmal ein Sicherheitsbeamter dabei, nur eine Hofdame. Am Bahnhof Wörgl wurde der Zug angehalten, weil die Post eine Telefonleitung für die Queen gelegt hatte, die von hier aus ein langes Gespräch mit dem Buckingham Palace führte." Ein eigenes Zugtelefon gab es selbst im Salonwagen erst später, von Handys war noch keine Rede.

Der rote Teppich

Beim Eintreffen der Royals in Innsbruck kam es zu einer Panne: "Am Bahnsteig war der rote Teppich ausgelegt", sagt Fiedler, "aber der Lokführer ist um ein paar Meter zu weit gefahren, sodass das Aussteigen beim Teppich nicht möglich war. Die Königin wollte den Waggon verlassen, aber die Tür blieb zu. Da hat sie mich ratlos angeschaut. Es hat ein paar Minuten gedauert, bis der Teppich in die richtige Position gebracht wurde." Nun konnte Her Majesty ihr königliches Bein auf Innsbrucker Boden setzen.

Jordaniens König Hussein kam nicht nur auf Staatsbesuch, er reiste mit Frau und Kindern auch privat durch Österreich. "Der König hat mich immer mit den Worten ,Mein alter Freund’ begrüßt, der heutige König Abdullah hat noch als kleiner Bub auf dem Fußboden im Waggon gespielt." Einmal fuhr Hussein zum Skifahren nach Lech am Arlberg. "Als ich ihn abholen sollte, war der Ort durch eine Lawine abgeschnitten, da musste ich vier Tage in Innsbruck warten." Am 2. März 1985 konnte der König Lech verlassen.Herr Fiedler kennt die Daten seiner royalen Reisen deshalb so genau, weil er über jede einzelne Buch führte. In zwei dicken Mappen sind seine Dienste dokumentiert, weshalb er auch weiß, dass er in den Jahren 1969 bis 1986 insgesamt 305 Mal im Salonwagen unterwegs war, allein mit Rudolf Kirchschläger legte er in dessen zwölfjähriger Amtszeit als Bundespräsident 171.000 Kilometer zurück.

Kirchschläger

Mit Kirchschläger gab’s einen Zwischenfall: "Der Herr Bundespräsident sollte in Dornbirn einsteigen, aber uns wurde eine falsche Abfahrtszeit durchgegeben, daher war ich nicht rechtzeitig am Bahnhof. Das führte dazu, dass Kirchschläger nicht in den Salonwagen konnte, zu dem nur ich den Schüssel hatte. Also ist er bis Feldkirch im normalen Waggon gefahren. Ich bin mit einem Taxi nach Feldkirch gerast, um dort den Salonwagen zu öffnen. Der Bundespräsident war ein bisserl verstimmt, hat mich dann aber gefragt, wie viel das Taxi gekostet hat. Es waren 423 Schilling, er hat mir 400 gegeben und gesagt: ,Den Rest müssen S’ als Strafe selber zahlen’. Dann hat er mir angeboten: ,Wenn Ihnen deswegen irgendjemand Schwierigkeiten machen sollte, können S’ mich jederzeit anrufen.’"Jahre später verlieh Kirchschläger Herrn Fiedler das Silberne Verdienstzeichen der Republik. Weitere Auszeichnungen erhielt er von König Hussein und Bruno Kreisky."Kirchschläger", erzählt Fiedler, "war sehr korrekt. Als Bundespräsident musste er im Salonwagen keine Karte lösen, aber wenn seine Frau mitfuhr, hat er darauf bestanden, für sie zu bezahlen."

Eine Zitrone für Kreisky

Es gehörte zu Fiedlers Aufgaben, seinen hohen Gästen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, mitunter musste auch improvisiert werden. "Als Kreisky einmal Tee mit Zitrone bestellte, hatten wir keine Zitrone in der Kaffeeküche. Wir waren knapp vor Salzburg, ich hab am dortigen Bahnhof angerufen, und die haben mir dann schnell eine Zitrone in den Zug geworfen." Der Kanzler bekam seinen Tee mit leichter Verspätung – inklusive Zitrone.

Denkwürdig bleibt eine Fahrt mit Bruno Kreisky im Mai 1982 zur Eröffnung des Güterbahnhofs Wolfurt in Vorarlberg. "Er war damals schon krank", erzählt Fiedler, "daher hat sein Büro seinen Arzt Professor Neumayr mitgenommen. Kreisky wollte das aber nicht, daher ist Neumayr in einem anderen Waggon gesessen und hätte den Kanzler im Ernstfall behandeln können. Das war aber glücklicherweise nicht nötig, und so hat Kreisky nie erfahren, dass seinetwegen ein Arzt mitgefahren ist."

König Juan Carlos

Gerne erinnert sich Fiedler an die Reisen mit Bundespräsident Scheel 1970 von Wien nach Graz oder an die Fahrt mit Juan Carlos von Spanien, den er am 2. Februar 1978 von Linz nach Wien begleitete, wo der König am selben Abend noch den Opernball besuchte. Ernst Fiedler, der in all den Jahren auch als "normaler" Schaffner unterwegs war, freute sich nicht minder über Fahrten, wenn der Salonwagen von Firmen oder Privaten für Ausflüge und Geburtstagsfeiern gemietet wurde.

Allerdings waren nicht alle Reisen nur erfreulich. Als Herr Fiedler am 31. Jänner 1971 mit dem schwedischen Ministerpräsiden Olof Palme nach Linz fahren sollte, herrschte Bombenalarm. Der am Westbahnhof stehende Salonwagen wurde untersucht, ehe er mit gehöriger Verspätung losfuhr. Daran musste Fiedler 15 Jahre später denken, als Palme tatsächlich einem Mordanschlag zum Opfer fiel.

Der Salonwagen hat längst ausgedient und kann heute im Eisenbahnmuseum Strasshof an der Nordbahn besichtigt werden. "Es war eine schöne Zeit", meint Fiedler, "alle Herrschaften waren freundlich und bescheiden, kein einziger hat je gezeigt, wie wichtig oder berühmt er ist. Ich hab nur gute Erinnerungen."Mittlerweile müssen sich auch königliche Gäste mit den fahrplanmäßigen Zügen begnügen. Und Charles und Camilla werden im Flugzeug anreisen und wieder abfahren. Eine Bahnfahrt durch Österreich ist nicht vorgesehen.

Der "Bundesbahnblues"

PS: Als mir Herr Fiedler die Geschichte erzählte, wie die Queen am Bahnhof Wörgl mit dem Buckingham Palace telefonierte, musste ich unweigerlich an Gerhard Bronners Worte in dem von Helmut Qualtinger unnachahmlich interpretierten "Bundesbahnblues" denken: "Is she in Oberlaa, is she in Unterlaa, is she in Erlaa or is she in Laa an der Thaya? Dann schrei i Feuer!" No, she was in Wörgl!